Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.
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Montag, 23. November 2015

Evolutionäres Wettrüsten


Das Vorratslager der Feldmaus in der Holzbeige.
Beim Umschichten der Holzbeige habe ich die Vorratskammer einer Feldmaus entdeckt. Abfallkammer wäre wohl der korrektere Begriff, denn von den Vorräten sind nur noch die Verpackungen vorhanden. Es handelt sich mehrheitlich um die Samen von Mirabellen. Ein Baum wächst gleich neben der Holzbeige. Viele Früchte fielen im Herbst zu Boden und ernährten Scharen von Wespen und anderen Insekten. Einige der Früchte verschwanden in den Mägen der Hühner des Nachbarn, deren Territorium bis unter die Krone der Mirabelle reicht. 
Übrig blieben nur die Kerne. Diese sind wie bei den anderen Steinobst-Arten sehr hart. Die Schale, welche den Samen umgibt, ist mehrere Millimeter dick. Wer sie knacken möchte, braucht einen Hammer oder eine Feile. Das ist durchaus die Absicht der Pflanze. Denn sie möchte ihre Nachkommen unbedingt vor Fressfeinden schützen. Erst wenn der Kern in der obersten Humusschicht liegt und von genügend Feuchtigkeit und Wärme umgeben ist, wird die Schutzhülle brechen und den Keimling in seinem Innern frei geben.
Die Schale des Kern ist kein Hindernis für die Maus.
Doch die Maus hat der Mirabelle einen Strich durch die Familienplanung gemacht. Sie hat Dutzende von Kernen auf dem Boden eingesammelt und sie in die Holzbeige geschleppt. Dort konnte sie ihnen ungestört zu Leibe rücken. Das kleine Säugetier besitzt zwei Paar vorzügliche Nagezähne. Diese bestehen aus Zahnschmelz, der fast so hart ist wie Stahl. Der Kern der Mirabelle besteht aus vergleichsweise weichem Lignin. Mein Fund zeigt den durchschlagenden Erfolg der Maus. Sie hat ein in Loch in jeden einzelnen Kern genagt und den darin enthaltenen Embryo samt Nährstoffvorrat aufgefressen.
Tiere und Pflanzen sind seit Jahrmillionen mit diesem Spiel um Angriff und Verteidigung beschäftigt. Biologen nennen es «Evolutionäres Wettrüsten». Es gab vermutlich einmal eine Zeit, in der die Samen von Steinobst weicher waren als heute. Die ersten Nager mussten sich anpassen, wenn sie nicht verhungern wollten. Ihre Zähne wurden härter. Jetzt machten die Samen mobil und lagerten ihrerseits mehr Lignin in die Schale der Kerne ein. Nun kamen die Nager wieder mit noch härteren und schärferen Zähnen. Die Verlierer, wie es scheint, sind die Pflanzen.
Wirklich? Nein. Denn statt weiterhin Energie auf immer härtere Schalen zu verwenden, haben die Vertreter des Steinobstes einfach ihre Strategie geändert. Statt ihre Feinde auf Distanz zu halten, liessen sie sich fortan freiwillig von ihnen verschlingen. Dazu umgaben sie ihre Kerne mit einem Mantel aus süssem, weichem Fruchtfleisch.
Nun frassen Wildschweine, Dachse und Vögel die Früchte samt den Kernen. Vom Wettrüsten mit den Mäusen unempfindlich gemacht, überstanden diese die ätzende Magensäure und wurden weit weg von den Mäusen heil wieder ausgeschieden. Jeder Kern war nun auch gleich mit einer Portion Dünger versehen – beste Voraussetzungen für das Wachstum des Keimlings. Dass sich heute die Nager immer noch über die Kerne hermachen ist zwar lästig, doch im Hinblick auf die gesteigerte Mobilität des Steinobstes, durchaus verkraftbar.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Ersatzspieler

Die Raupen des Kleinen Fuchses besitzen einen
tödlichen Appetit.
Brennesseln sind von allen Gartenpflanzen am schwersten bewaffnet. Jeder Quadratzentimeter von ihnen ist mit Dutzenden von Brennhaaren bewachsen, aus denen sie bei der kleinsten Berührung Ameisensäure versprühen. Die Raupen des Kleinen Fuchses stört das jedoch nicht im Geringsten. Sie fressen sich gerade munter quer durch die sattgrünen Blätter. Dabei nagen sie jedes einzelne von ihnen fein säuberlich bis auf den Stiel ab. Für die Brennessel ist das so, wie wenn ihr jemand den Strom abstellen würde, denn die Blätter stellen die Energiefabriken der Pflanzen dar. Doch so leicht gibt sie nicht klein bei. Sie wird schon seit vielen hunderttausend Jahren von Frassinsekten traktiert und hat inzwischen dazugelernt. Während ihres Wachstums legt sie jedes Blatt gleich mehrmals an. Aus jedem Stielansatz spriessen bereits zu Friedenszeiten winzige Blättchen. Sie sind eine Art Ersatzspieler. Unter normalen Bedingungen, wenn die Brennessel nicht angeknabbert wird, bleiben sie klein und unscheinbar. Sobald jedoch jemand die Hauptblätter durchlöchert, beginnen sie zu wachsen.
Sie können die ganze Pflanze
kahl fressen. Doch der Brennessel
macht das Dank ihren Stammzellen
nichts aus.
Allerdings hilft das wenig gegen den tödlichen Appetit der Schmetterlingsraupen. Diese fressen im Nu auch die Ersatzblätter kahl bis von der Brennessel nur noch ein Skelett aus Stängeln übrig bleibt. Was tut die nackte Pflanze? Sie ruft den Ersatz des Ersatzes auf den Plan und lässt neue Blätter spriessen. Das kann sie beliebig oft wiederholen, so lange bis sich die Raupen verpuppen und keine Gefahr mehr darstellen. Das Geheimnis der unverwüstlichen Brennesseln liegt am Ansatz des Blattstiels. Dort befinden sich pflanzliche Stammzellen, das so genannte Meristem. Es ist unsterblich und kann nach Belieben alle möglichen Pflanzenteile immer wieder reproduzieren. Es ist ihr persönlicher Jungbrunnen, mit dem sie auch die schlimmsten Plagen übersteht.

Montag, 27. Februar 2012

Bienen Jubiläum

Die älteste Bienen-Mumie der Welt ist
luftdicht in Bernstein eingeschlossen.
In diesem Jahr feiert die Natur ein besonderes Jubiläum. Es ist genau 100 Millionen Jahre her, seit Pflanzen zum ersten Mal durch Bienen bestäubt wurden. Die Zeitspanne bezieht sich auf das Alter einer in Bernstein eingeschlossenen Biene aus Burma (Myanmar). Sie ist die älteste Bienen-Mumie der Erde.
Ihr Name lautet Melittosphex burmensis. Eine volkstümliche Bezeichnung hat sie leider nicht. Das Besondere an ihr ist, dass sie in der Evolution genau zwischen ihren Vorfahren, den fleischfressenden Wespen, und den heutigen vollkommen vegetarisch lebenden Bienen steht.
In gewisser Weise haben diese Insekten die umgekehrte Evolution von uns Menschen durchgemacht. Während wir im Laufe der Zeit unsere Körperbehaarung abgelegt haben, nahm diejenige der Bienen immer mehr zu. Im Gegensatz zu den Wespen hatte Melittosphex burmensis bereits stark behaarte Beine und ihr ganzer Körper einschliesslich Kopf bedeckte ein feiner Flaum.
Die Haare waren eine Schlüsselerfindung. Denn nur mit ihnen können Insekten Pollen in grossen Mengen von den Blüten abwischen und zum Nest transportieren. Mit einem nackten Körper geht das nicht, weil so den Pollenkörnern die Haftung fehlt.
Die Anfänge der Bienen waren sehr zaghaft. Melittosphex burmensis war nur knapp drei Millimeter lang. Das ist ein Winzling verglichen mit einer modernen Honigbiene oder einer Hummel.
Nichtsdestotrotz waren die Pflanzen bereits damals sehr abhängig von den bestäubenden Insekten. Das zeigt sich in der Grösse ihrer Blüten. Die Pflanzen passten sie den winzigen Bienen an und so betrug die durchschnittliche Blumengrösse damals nur 0,5 bis 3 Millimeter.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Die Klon-Krebse

Zwei genetisch identische Weibchen. In ihren Eierstöcken
sind die Langzeiteier gut sichtbar. Vermutlich spüren sie
anhand der hohen Salzkonzentration, wann ein Becken
austrocknet.
Postkarte aus den Ferien in Ibiza: Seit Jahrhunderten wird in den Salinen von Ibiza Salz aus Meerwasser gewonnen. Verschiedene Becken verdunsten das Wasser bis nur noch das gleissend weisse Salz übrig bleibt. Die meisten Touristen fahren auf dem Weg zum Strand an dieser historischen Anlage vorbei, ohne gross Notiz von ihr zu nehmen. Dabei spielt sich in ihr ein aussergewöhnliches Naturschauspiel ab.
Denn in den Verdunstungsbecken gibt es Leben. Millionen von kleinen Salzkrebschen tummeln sich in der Brühe. Sie gehören stammesgeschichtlich zu den Krebstieren, doch werden sie nur ein bis zwei Zentimeter gross. Auch bei der Panzerung unterscheiden sie sich vom Hummer oder von der Krabbe erheblich. Das Aussenskelett der Salzkrebschen ist so dünn, dass es durchsichtig ist. Der Darm und die Eierstöcke sind gut erkennbar.
Unzählbar viele Krebschen schwimmen durch die Brühe. Sie
ernähren sich von kleinen Algen.
Im Meer würden diese zierlichen Kleinkrebse nicht lange durchhalten, weil es dort viel zu viele Räuber gibt. Zudem sind sie wegen ihrer rötlichen Färbung sehr auffällig und darum ein leichtes Ziel für die Fische. Genau aus diesem Grund haben sie sich auf extrem salzhaltige Gewässer spezialisiert. Salzseen sind ihr natürlicher Lebensraum aber ebenso lieb sind ihnen künstlich angelegte Salzbecken wie die Salinen.
Dort kann die Salzkonzentration bis zu 100 Prozent erreichen. Den kleinen Krebsen macht das nichts aus. Ich habe sie in Becken schwimmen sehen, in denen der Untergrund bereits mit kristallisiertem Salz bedeckt war. Wenn man die Hand dort rein hält, fühlt sich das Wasser irgendwie schmierig an. Die kleinste Wunde würde brennen wie die Hölle. Ein Spritzer in die Augen wäre auch nicht gerade lustig. Unter solchen Umständen könnten Meerwasserfische keine Sekunde überleben. Gut für die Krebse. Denn so haben sie ihre Salinen für sich und werden nicht von Räubern belästigt.
Die Salzkrebschen in Ibiza gehören zur Art Artemia parthenogenetica. Das Besondere an ihr ist, dass sie ausschliesslich aus Weibchen besteht. Sie haben im Verlaufe der Evolution die Fähigkeit entwickelt, ohne Sex Nachkommen zu zeugen. Die Männchen sind völlig überflüssig geworden. Das hat zur Folge, dass jedes Jungtier eine identische Kopie der Mutter ist. In der Biologie nennt man das einen Klon. Sobald die Jungtiere erwachsen sind, schwellen ihre Eierstöcke wie von Zauberhand an und sie beginnen damit, selbst Nachkommen zu gebären.
Wenn die Mütter in einem Becken schwimmen, das kurz vor dem Austrocknen ist, legen sie Langzeiteier. In ihnen befinden sich fertig entwickelte Babys, die eine Art Winterschlaf machen. So können sie jahrelange Trockenzeiten überstehen. Wenn sich dann das Becken wieder mit neuem Wasser füllt, befreien sich die Babys innerhalb von 24 Stunden aus ihrer Verpackung und gründen eine neue Kolonie von Klon-Krebsen.

Sonntag, 18. September 2011

Sozialer Egoismus

Eine Gallische Feldwespe schaut unter einem Ziegel hervor.
Ihr Verhalten könnte erklären, warum es staatenbildende
Insekten gibt.
Wespen und Honigbienen haben eines gemeinsam: beide leben in einem sozialen Superstaat, in dem es allein der Königin vorbehalten ist, Eier zu legen. Alle anderen kümmern sich nur um die Aufzucht ihrer Herrscherin, ohne selbst jemals die Freude des Mutterwerdens erleben zu dürfen.
Es ist ein ungelöstes Rätsel, wie diese «dummen» Insekten es geschafft haben, ihre eigenen Urtriebe zu bändigen und ohne Murren für das Wohl des Ganzen zu arbeiten. Forscher aus der ganzen Welt richten ihren Blick zurzeit auf die Gallische Feldwespe (Polistes dominula), die ein regelmässiger Gast in unseren Gärten ist. In ihrem Verhalten zeigt sich, was soziale Insekten überhaupt erst sozial macht. Die Antwort: Egoismus in Reinkultur.
Die Gallische Feldwespe ist das evolutionäre Bindeglied zwischen den als Einsiedlerinnen lebenden Insekten, wie beispielsweise die Mauerbiene, und den sozialen Insekten wie Honigbiene oder Gemeine Wespe. Mehrere befruchtete Weibchen zusammen bauen gemeinsam an einem Nest. Jeweils die stärkste von ihnen übernimmt die Rolle der Königin. Sie allein legt Eier in die Waben und die anderen Weibchen helfen ihr bei der Aufzucht.
Das geht so lange gut, bis die amtierende Königin herausgefordert wird. Verliert sie den Kampf, muss sie ihre Krone abgeben und fortan ein Leben als einfache Arbeiterin fristen. Die neue Königin hat nun das Privileg, als einzige Eier zu legen, bis sie wiederum von einem anderen Weibchen abgelöst wird. Was diese Insekten also zusammen hält, ist nicht das gemeinsame Ziel, sondern die egoistische Aussicht auf die Krone – die Hoffung einmal im Leben ganz oben stehen zu können.
Und je egoistischer ein Weibchen zu Werke geht, desto eher erreicht es dieses Ziel. Denn die besten Chancen haben diejenigen Weibchen, die im Frühling erst einmal faulenzen und gar nichts tun. Das spart viel Mühe und schont die eigenen Energiereserven.
Etwas später im Jahr lassen sich diese kraftstrotzenden Spätsünderinnen von einem Staat aufnehmen. Dort spielen sie für einige Zeit die «brave Arbeiterin». Das machen sie so lange, bis sie sich genug Fett angefressen haben und ihre Eierstöcke bereit zur Eiablage sind. Auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen Stärke schlagen sie zu und übernehmen das ganze Nest. So egoistisch ist der Beginn des Sozialstaats.

Dienstag, 16. August 2011

Das soziale Netz

Das Wasser aus dem Dachengel hat den Boden
weggewaschen. Zum Vorschein kommt das gartenweite
Wurzelnetzwerk.
Ein überlaufender Dachengel eröffnet einem manchmal einen seltenen Blick ins Erdreich. Der kleine Wasserfall, der sich gleich neben der Hausecke ergoss, hat den Boden auf einer postkartengrossen Fläche weggespült. Statt eines Lochs finde ich dort nun ein dichtes Geflecht von Wurzeln, die von den umliegenden Bäumen und Sträuchern stammen. Bestimmt sind drei oder vier verschiedene Pflanzenarten vertreten.
Das zeigt, wie weit die Wurzeln sich in der Horizontalen ausbreiten. Mein gesamter Garten ist wohl mit einer solchen Wurzelschicht durchwachsen. Aber noch viel erstaunlicher ist, dass die Wurzeln untereinander Nährstoffe austauschen. Das gelingt ihnen mit der Hilfe von Pilzen. Auch sie produzieren eine Art von Wurzeln, Mycel genannt, das den gesamten Erdboden durchwuchert. Die Pilzfäden docken an den verschiedenen Pflanzenwurzeln an und saugen Zuckerlösung aus ihnen heraus. Diese verwenden die Pilze einerseits für ihr eigens Wachstum, andererseits geben sie den kostbaren Saft an benachbarte Pflanzen ab.

Der Kinofilm Avatar zeigt eine Welt, in der alle Lebewesen
durch ein feines Netz von Fäden miteinander verbunden
sind. Genau so, wie in meinem Garten.
Das unterirdische Pilz-Pflanzen-Netzwerk erstreckt sich nicht nur in meinem Garten. Man findet es in jedem Wald und auf jeder Wiese. In der Tat kommt es überall dort vor, wo Vegetation die Erde bedeckt. Es ist ein weltweites Netz, dessen Ziel es ist, Nährstoffe untereinander auszutauschen. Forscher vermuten, dass auf diese Weise auch schwächere Pflanzen an Orten überleben können, wo sie eigentlich aufgrund des Lichtmangels oder der Ressourcenknappheit eingehen müssten. Doch angedockt an das Nährstoff-Netz bleiben sie am Leben.
Für einmal zeigt sich die Natur nicht als Bestie, welche die Lebewesen zu einem ständigen Kampf ums Überleben zwingt, sondern als hypersoziales Wesen, das sich um jedes ihrer Kreationen liebevoll kümmert.
Eine ähnliche Vision hatten die Macher des Kinofilms Avatar. Sie erschufen eine Welt, die von einem intelligenten Wesen durchdrungen ist. Die Nervenbahnen dieser Kreatur sehen ganz ähnlich aus wie die Pilzfäden, die in meinem Garten die Zeder mit dem Kirschlorbeer verbinden.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Der Vampir-Pilz

Mehltau auf der Zierdistel. Wie ein Vampir saugt er das
Blatt aus.
Eine nasse Badezimmerwand, ein feuchtwarmes Schuhklima und ein Stück Holz auf dem Waldboden haben eines gemeinsam: sie fördern das Pilzwachstum. Diese Lebewesen lieben die Feuchtigkeit. Kein Wunder wachsen viele Pilze bevorzugt unter der Erde, denn dort trocknen sie garantiert nie aus.
Aber es gibt auch die anderen. Pilze, die sich in aller Öffentlichkeit zeigen, und selbst unter der brennenden Sonne hervorragend gedeihen. Zu diesen Sonderlingen gehört der Mehltau. Er liebt das warme, trockene Wetter, das es diesen Frühling ohne Ende gab. Das Resultat ist nun auf einigen meiner Gartenpflanzen sichtbar. Meine Zierdisteln hat es besonders schwer getroffen. Ihre Blätter sind vom Pilzbewuchs schneeweiss.
Die benachbarte Kugeldistel braucht sich
vor einer Infektion nicht zu fürchten.
Jede Mehltauart geht nur auf eine
bestimmte Pflanzenart.
Der Mehltau verdankt sein üppiges Wachstum in der Frühlingshitze einem Trick. Denn auch er liebt im Grunde seines Wesens die Feuchtigkeit. Doch statt sich selbst zu ihr zu begeben, lässt er sie zu sich kommen. Wenn eine seiner Sporen auf das Blatt einer Pflanze fällt, beginnt ein kleiner Schlauch aus ihr herauszuwachsen. Berührt seine Spitze die Blattzellen, bildet sie eine Art Saugnapf aus, der sich fest mit der Oberfläche verbindet.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Wasser noch in weiter Ferne. Die Oberflächen von Blättern sind meist mit einer dünnen Wachsschicht überzogen. Da bleibt kein Tropfen Feuchtigkeit hängen. Aber unter der Wachsschicht im Innern der Blattzellen, gibt es Feuchtigkeit in Hülle und Fülle. Dorthin will der Pilz.
Dazu treibt er unter dem Saugnapf eine Art Bohrer aus, mit dem er sich nun langsam einen Weg in das Innere der Blattzellen bahnt. Das ist nicht einfach. Pflanzen haben viele Strategien zur Abwehr von solchen Attacken entwickelt. Sie produzieren zum Beispiel Chemikalien, um Pilze unschädlich zu machen. Diese Mittel sind so effektiv, dass in der Tat viele Pilze keine Chance haben, in das Innere einer Pflanze vorzudringen. Doch beim Mehltau ist das anders.
Von ihm gibt es einige Hundert Arten und die meisten davon haben sich auf eine einzige Pflanzenart spezialisiert. Das heisst, sie haben die letzten paar Millionen Jahre damit verbracht, die Verteidigungsstrategien ihrer Zielpflanze zu umgehen. Darum muss ich mir keine Sorgen machen, dass der Mehltau auf meine Tomaten überspringt. Seine Tricks funktionieren nur bei der Zierdistel.
Wenn der Bohrer erst einmal in der Blattzelle angelangt ist, hat der Pilz gewonnen. Fortan entzieht er der Pflanze die Nährstoffe und Feuchtigkeit, die er zum Leben braucht. Wie ein Vampir saugt er die Blätter aus. Viele Nutzpflanzen wie Weizen oder Weinreben (sie haben ihre eigenen Mehltauarten) vertragen das nicht und sterben ab, oder werfen zumindest ihr Laub ab.
Aber Mehltau ist nicht nur ein Schädling. Der Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer ernährt sich ausschliesslich von ihm. Darum lasse ich meine verpilzten Disteln stehen – als Nahrungsquelle für die kleinen Insekten.

Montag, 3. Januar 2011

Die Naturgeschichte des Vogelfutters

Der Sonnenblumensamen:
Begierde von Vögeln und
Forschern gleichermassen.

Jetzt streiten sie wieder. Die Spatzen, die Grünlinge, die Meisen und die Amseln zanken sich um das Vogelfutter. Sie schüchtern sich gegenseitig mit Drohgebärden ein und führen sich auf, als ob es auf der Welt nichts Wertvolleres als Sonnenblumenkerne gäbe. Dabei steht in unserem Küchenschrank noch ein ganzer Sack voll – mehr als genug für alle. Aber das wissen sie natürlich nicht.
Doch was will man den Vögeln schon vorwerfen, streiten sich doch sogar Wissenschaftler um Sonnenblumenkerne. Nicht, weil sie zu wenig zu essen haben, sondern weil der Ursprung der Sonnenblume unklar ist. Die gängige Lehrmeinung geht davon aus, dass die Indianer im Mississippi-Gebiet diese Nutzpflanze domestizierten. In der Region fanden Archäologen bereits Tausende gut erhaltene Samen, die bis zu 4500 Jahre alt sind.
In den 90er Jahren entdeckten Forscher von Mexiko in einer Höhle nahe der Hauptstadt ebenfalls drei Samen. Ihr Alter: zweitausend Jahre. Seither streitet sich die Fachwelt darüber, ob der Ursprung der Sonnenblume am Mississippi oder in Mexiko liegt oder ob sie vielleicht zweimal unabhängig voneinander entstanden ist.
Woher kommen sie bloss? Aus Nord-,
Mittel- oder Südamerika?
Diesen September verkomplizierte sich die Geschichte noch mehr. Argentinische Forscher entdeckten in Südamerika, im nordwestlichen Patagonien, einen versteinerten, 47 Millionen Jahre alten Blütenkopf. Die Forscher ordneten ihn den Korbblütengewächsen zu. Das ist dieselbe Familie, zu der auch die Sonnenblume gehört.
Ist die Versteinerung möglicherweise eine direkte Vorfahrin der heutigen Sonnenblumen? Wurden deswegen die ersten wilden Pflanzen vielleicht viel weiter südlich domestiziert, als die Wissenschaft heute annimmt? Viel Stoff für noch mehr Streit unter den Gelehrten. Die Amseln und Meisen kümmert das wenig. In ihrer Welt zählt nicht, woher ihr Futter kommt, sondern in welchem Magen es landet.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Frühling im Herbst

Der Knoblauch schaut neugierig aus der eiskalten Erde.
Was hat der nur hier verloren?
Die Schnecken haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, die Blindschleichen haben im Asthaufen mit dem Winterschlaf begonnen und die Vögel sind in den Süden verreist. Aus, Ende und vorbei, das Jahr ist gelaufen, Deckel zu, Kragen hochstellen und die unbarmherzige Zeit, die jetzt kommt, möglichst nicht beachten; sich in sich selbst zurückziehen, gerade so, wie es die Schnecken machen. Schön wär’s. Denn der Garten macht bei dieser Tour nicht mit. Anstatt herunterzufahren und Energie zu sparen, macht er genau das Gegenteil. Er kommt in einen zweiten Frühling.
Und das hier sind – Osterglocken? Irgendwelche
Blumen, die es dem Knoblauch gleich tun.
Die Knoblauchzehen etwa schlagen aus, kaum wurden sie in die Erde gesteckt. Weder Bise noch Frost machen ihnen etwas aus und dass sich die Sonne nur noch mühsam an der unteren Seite des Himmel entlang schleppt, scheint sie nicht zu kümmern. Es ist bewundernswert, dass sich der Knoblauch zu diesem Schritt entscheidet. Denn früher oder später wird der Schnee kommen und den Garten in eine kalte Decke aus Eis hüllen. Aber offenbar ist ihm auch das egal. Er wird ausharren und im nächsten Jahr einfach weiterwachsen, sobald der Schnee wieder weg ist.
Gut, man kann sagen, dass der Knoblauch eine Landwirtschaftspflanze ist und auf dieses Verhalten hingezüchtet wurde. Und trotzdem: einige der anderen Gartenbewohner tun es ihm gleich. Im Blumenbeet schiessen bereits jetzt die ersten Blattspitzen hervor, als wäre es Anfang April. Ich habe keine Ahnung, was das alles soll. Vermutlich entzieht sich das Leben einfach unserer Vorstellung von Ordnung. Auf Sommer folgt Winter, auf Wachstum folgt Schlaft – nein; auf Wachstum folg Wachstum, auf Frühling folgt Frühling.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Der weisse Tod

Der Frost nagt an den Blüten der Dahlien.
Jetzt schleicht er wieder um das Haus. Der weisse Tod. Sein erstes Opfer hat er bereits gefunden. Die Dahlien sehen übel zugerichtet aus. Er hat ihre Blätter von innen zermantscht, könnte man sagen. Er ist in jede einzelne ihrer Zellen gekrochen, hat das Wasser in ihnen erstarren lassen und sie auf diese Weise gesprengt. Das Laub hängt jetzt eingefallen von den Stielen und macht einen jämmerlichen Eindruck. Das Dahlienjahr ist vorbei.
Der Frost ist in der Tat ein Killer. Aber er ist kein Massenmörder. Die Dahlien sind bis jetzt die einzigen Opfer und auch das nur zum Teil. Denn dieser erste Frost reicht nur bis in eine Höhe von 50 Zentimetern über Boden. Meine Dahlienstaude wächst über diese Grenze hinaus und kann so im Moment zumindest einige ihrer Blätter und prächtigen Blüten retten.
Weiter oben verliert er seine Kraft.
Oft ist aber die Flucht nach oben gar nicht nötig. Denn den meisten Pflanzen in meinem Garten macht der Frost wenig aus. Der kleine Senf etwa erstrahlt immer noch in sattem Grün. Auch der Lattich steckt das bisschen morgendliches Eis weg wie nichts. Und dann die lange Liste von harten Burschen, die Tag für Tag Sommer und Winter draussen verbringen: die Gräser, der Löwenzahn, der Spitzwegerich, der Kirschlorbeer, der Efeu.
Warum die einen den weissen Tod fürchten müssen und die anderen nicht, ist eines der grossen Rätsel der Pflanzen. An anderer Stelle habe ich bereits gesagt, dass in frosttoleranten Blättern die Zuckerkonzentration höher ist. Der Zucker wirkt wie ein Frostschutzmittel, das verhindert, dass das Wasser in den Zellen gefriert und diese zerstört. Aber offenbar sind noch viele weitere Stoffe an der Schutzfunktion beteiligt wie etwa Aminosäuren, Proteine und Salze. Interessant ist, dass sie alle in einer chemischen Fabrik hergestellt werden, die denselben Durchmesser besitzt wie ein menschliches Haar: die Pflanzenzelle.

Dienstag, 19. Oktober 2010

Ein Grad mehr Reichtum

Farn auf einer Tessiner Mauer.
Meine Gartenmauer kann es nicht mit ihnen aufnehmen. Sie sind einfach zu reich – die Tessiner Mauern. Unverschämt reich, möchte ich sagen. Aus den sonnenverwöhnten Gemäuern wachsen Dutzende von verschiedenen Pflanzenarten. Kaktusse, Sukkulenten, Farne, Kräuter – ganze botanische Sammlungen spriessen aus den Ritzen zwischen den gepflasterten Steinen. Am Dorfrand von Meride krallt sich sogar eine massige Agave an einer hohen Mauer fest. Und bei meiner Gartenmauer? Da sieht es vergleichsweise trostlos aus. Der Mauerpfeffer ist der einzige Vertreter unter den Sukkulenten. Sein einziger Nachbar ist ein kleiner Wurmfarn, der auf dem nährstoffarmen Untergrund tapfer ein Auskommen sucht. Aber ausser den beiden (und den allgegenwärtigen Flechten und Algen) gibt es da nichts. Dabei hat meine Gartenmauer bereits ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Die Pflanzen hätten also genug Zeit gehabt, dort Fuss zu fassen. Welche Pflanzen? Genau das ist der springende Punkt. Meine Mauer ist karg, wegen eines Mangels an Artenvielfalt. Das Tessiner Pendant hingegen ist reich an Arten. Warum das so ist?
Ein Schriftfarn wächst gleich nebenan.
In der Flora Helvetica heisst es zum Standort:
«Mauern und Felsen in warmen Lagen.»
Das Tessin liegt mehr als ein Grad südlicher als Zürich. Die Sonne steht also ein Grad steiler am Himmel und spendet darum während des ganzen Jahres mehr Licht und Wärme. Das hat enorme Auswirkungen auf das Leben. Von allem gibt es mehr. Mehr Farne, mehr Sukkulenten. Vor allem letztere sind ideal an das Leben auf einer kargen Gartenmauer angepasst. Sie benötigen nicht viel zum Wachsen ausser Sonne und ab und zu etwas Wasser. Da ist es also kein Wunder, dass die Tessiner Mauern ergrünen, während die meine in der kalten, artenarmen Nordschweiz grau bleibt.
Und der dritte Farn. Auf meiner Mauer
gibt es nur eine Art.
Warum allerdings die Artenvielfalt mit schrumpfender Distanz zum Äquator zunimmt, weiss niemand. Die Forscher rätseln seit 150 Jahren darüber und haben einen Strauss voller Theorien und möglichen Erklärungen hervorgebracht, aber keine Antwort. Meine Gartenmauer schweigt zu diesem Thema. Doch irgendwo in ihr liegt die Lösung des Problems verborgen.



Eine von zwei Sukkulenten-Arten.
















In der kalten Nordschweiz
habe ich einen so üppigen
Mauerbewuchs noch nie
gesehen.

Freitag, 15. Oktober 2010

Schräger Senf

Der Senf macht das Gegenteil von allen anderen
Pflanzen: er wächst.
Es gibt zwei Faktoren, welche die Pflanzen im Oktober schlapp werden lassen: weniger Licht und weniger Wärme. Der Nussbaum etwa stellte unlängst seine Photosynthese ein, entzog den Blättern noch ihre Nährstoffe und nun entledigt er sich des dürren Laubs. Und so geht es vielen Pflanzen, die unter dem immer grösser werdenden Lichtenzug leiden. Sie packen ihre Sachen und bereiten sich auf die Winterstarre vor.
Na ja, es gibt Ausnahmen. Vor etwa vier Wochen habe ich in einem brachliegenden Gartenbeet Senf angesät. Auf der Packung heisst es, der Senf bringe Stickstoff zurück in den Boden, wenn man ihn nach einiger Zeit abschneidet und dann unter die Erde hackt. Was mich vor allem erstaunte, war die Angabe zum Saattermin. Bis in den Oktober hinein sollen die Samen noch keimen.
Ich habe mir von der ganzen Sache nicht allzuviel versprochen. Denn mit dem Ausklang des Sommers wollten auch die Gemüse nicht mehr so richtig wachsen. Der Kopfsalat dümpelte nur noch vor sich hin und bei den Chilis und den Paprikas konnte ich froh sein, wenn wenigstens eine Schote rot wurde. Ohne Licht macht das Gärtnern keinen Spass.
Und der Senf? Der macht genau das Gegenteil von allen anderen und wächst wie wild. Inzwischen bedeckt ein dichter, grüner Teppich mein Gartenbeet. Gerade hat er das erste Laubblatt hervorgebracht und es sieht nicht so aus, als würde er sich um den drohenden Winter kümmern. Offenbar liegt das daran, dass der Ackersenf eine so genannte Halblichtpflanze ist. Das heisst, sie wächst auch noch bei einen Bruchteil der Lichtmenge, die in den Sommermonaten vorhanden ist. Man könnte ihn also als das «Moos» unter dem Gemüse bezeichnen. Ein Überlebenskünstler, der ganz wenig braucht, um wachsen zu können.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Gefangen im Winterquartier

Die Blindschleiche als Gefangene im Luftschacht. An der
senkrechten Wand geht es nicht weiter.
Blindschleichen heissen wohl so, weil sie sich meistens im blinden Fleck unserer Wahrnehmung bewegen. Sobald sie sich zeigen, sind sie auch schon wieder weg. Oft bleibt einem nur der flüchtige Blick auf eine Schwanzspitze, die in Sekundenbruchteilen vom Unterholz aufgesogen wird. Anders bei mir im Garten. Da gibt es jetzt Blindschleiche à discrétion – so viel ich will, wann ich will.
Grund dafür sind zwei Exemplare, die den Luftschacht meines Kellers mit einem Asthaufen verwechselten. Auf der Suche nach einem Winterquartier sind sie durch den Gitterrost gefallen. Da liegen sie nun auf dem groben, feuchten Kies, der den Schachgrund bedeckt, und wissen nicht so richtig, was sie tun sollen. Eine der beiden scheint den Irrtum erkannt zu haben und versucht an der glatten Betonwand hoch zu kriechen. Vergebens.
Ich habe Zeit, sie aus der Nähe zu betrachten.


Wie gut wäre es jetzt, wenn sie das Rad der Evolution zurück drehen könnten, um sich wieder ihrer verloren gegangenen Beine zu bemächtigen. Vielleicht denkt sie gerade darüber nach, warum ihre Vorfahren, die den Eidechsen glichen, nur so töricht sein konnten, sich eines krallenbewehrten Fusses zu entledigen. Damals gab es eben noch keine Luftschächte mit senkrechten, glatten Wänden; und Beine waren in einer Welt aus Unterholz vielleicht tatsächlich hinderlich, also weg damit.
Aber die zwei Irrfahrer können sich trösten. Am Wochenende befreie ich sie aus ihrer misslichen Lage. Wer schon die Evolution nicht zur Freundin hat, der soll wenigsten auf das höchst entwickelte Produkt der Evolution zählen können. (Meine ich damit mich?)

Donnerstag, 5. August 2010

Die zwei Gesetze des Mooses

Moos macht jeden Ast zu einem
immergrünen Garten.
Auf den ersten Blick ist Moos ein evolutionärer Rohrkrepierer. Während andere Pflanzen riesige Blätter, wunderbare Blüte oder süsse Früchte hervorbrachten, ist das Moos einfach nur Moos geblieben. Eintönig, klein und unscheinbar.
Aber auf den zweiten Blick sieht alles ganz anders aus. Da ist das Moos ein evolutionärer Quantensprung, eine gänzlich neue Art von Pflanze. Denn zuvor gab es Grünzeug nur im Wasser in Form von gallertartigem Seetang und schlaffen Algenfäden. Sobald sie von der Brandung ans Land gespült wurden, war ihr Leben verwirkt. Sie trockneten aus und endeten als formlose Haufen.
Moos änderte all das. Indem es Haupttrieb und Blätter versteifte, konnte es an Land sein eigenes Gewicht tragen ohne dabei gleich einzuknicken. Somit war es nicht mehr auf das stützende Korsett aus Wasser angewiesen und konnte fortan wachsen, wo es wollte.
Genügsam wie es ist, wächst es munter in den Ritzen
von Pflastersteinen.
Das tat es auch. Es besiedelte die öde und unwirtliche Steinlandschaft, in welche die Erde vor 400 Millionen Jahren gekleidet war. Das war sein neues Reich. Und alles, wonach es verlangte, war ein bisschen Wasser und Licht. Hier offenbart sich die zweite grosse Errungenschaft des Mooses. Die Sparsamkeit. Es benötigt fast keine Nährstoffe, um zu gedeihen. Deshalb trifft man es auch heute noch an den unmöglichsten Orten an: auf Vogelhäusern, auf Ästen und zwischen den Ritzen von Pflastersteinen.
Der aufrechte Wuchs und die Sparsamkeit sind die beiden Prinzipien, von denen das Überleben aller heutigen Landpflanzen abhängt. Doch erfunden hat sie nicht die Rose oder der Apfelbaum, sondern das kleine, unscheinbare Moos.

Montag, 17. Mai 2010

Plan B

Brennnesseln besitzen eine Waffe gegen Säugetiere aber
keine gegen Frassinsekten. Hier sind Rüsselkäfer
am Werk.
Wenn ein Schaf oder eine Kuh kommt, hat man als Pflanze Pech gehabt, denn im nächsten Augenblick findet man sich in seine Einzelteile zerlegt an einem sehr dunklen und übel riechenden Ort. So ist das eben als erstes Glied in der Nahrungskette. Doch nicht alle Pflanzen haben sich mit dieser Tatsache abgefunden. Wenigstens nicht kampflos. Stattdessen haben sie im Laufe ihrer Evolution an Strategien getüftelt, wie sie dem Schaf ein Schnippchen schlagen können.
Die Brennnessel zum Beispiel produziert Ameisensäure, ein Gift, das sie auf die Zungen ihrer Fressfeinde versprüht, sobald diese Blätter oder Stängel berühren. Eine sehr wirkungsvolle Erfindung, denn auf abgegrasten Schafweiden sind Brennnesseln oft die einzigen Pflanzen, die noch stehen. Zu ihrem Leidwesen stecken nicht in allen Mäulern empfindliche Zungen. So gibt es beispielsweise ein paar Dutzend Schmetterlingsraupen, die sich von der Brennnessel ernähren; einige von ihnen sogar ausschliesslich nur von ihr. Was lässt sich da machen? Noch eine chemische Waffe zu unterhalten, wäre zu kostspielig für die Pflanze. Sie braucht ja auch noch Kraft zur Produktion der Samen.
Der Brennnessel-Rüssler schwächt mit seinen
Fressgewohnheiten die Struktur der Blätter.
Nichtsdestotrotz hat die Brennnessel einen Plan B, falls der Trick mit der Ameisensäure nicht funktionieren sollte. Bei den Exemplaren in meinem Garten sehe ich das sehr schön. Sie werden jedes Jahr vom Brennnessel-Rüssler heimgesucht, einem Vertreter der Rüsselkäfer. Er besitzt die leidige Angewohnheit, kleine Löcher in die Blätter zu fressen. Dadurch werden diese oft so in ihrer Stabilität beeinträchtigt, dass sie beim nächsten starken Unwetter zerfleddern.
Auf diese Bedrohung reagiert die Brennnessel auf bemerkenswerte Art und Weise. Sie wächst dem Rüsselkäfer einfach davon und zwar nach oben. Unentwegt bringt ihre Triebspitze frische Blätter hervor. Diese können sich ungestört der lebenswichtigen Photosynthese widmen. Denn aus irgendeinem Grund verschonen die Käfer die obersten zwei bis drei Blattpaare. Vielleicht ist die Behaarung bei den frischen Blättern noch so dicht, dass die Käfer Mühe haben, auf ihnen vorwärts zu kommen. Oder möglicherweise gibt es in ihnen einen Ekel erregenden Stoff, der in den älteren Blättern nicht mehr vorkommt. Die Moral von der Geschichte ist jedenfalls folgende: Nicht zurück blicken, sondern immer nach vorn!

Mittwoch, 7. April 2010

Genetisch veränderte Osterglocken

Die äusseren Blütenblätter heissen «Krone» und
der innere Trichter «Nebenkrone».
Das Narzissen-Beet steht in voller Blüte. Da gibt es grosse und kleine Osterglocken, früh und spät blühende, solche in Einheitsfarbe und solche mit oranger Nebenkrone oder weisser Hauptkrone. Diese Vielfalt kommt nicht von ungefähr. Meine Grossmutter hat über die Jahrzehnte immer wieder neue Sorten angepflanzt. Jetzt sind es sicher ein halbes Dutzend – soweit ich das als Laie überhaupt beurteilen kann.
Denn von den Osterglocken oder Narzissen gibt es indessen rund dreissigtausend verschiedene Sorten. Dieser Reichtum kommt vor allem davon, dass sich die Narzissen nicht sonderlich um den Artbegriff kümmern. Normalerweise gibt es eine unsichtbare aber unüberwindbare Grenze zwischen zwei Spezies: Sex. Ein Männchen kann nur mit einem Weibchen derselben Art Nachkommen zeugen. Darum sind Spatzen Spatzen und Amseln Amseln und nicht Amstzen.
Die Evolution geht immer noch weiter
im Osterglocken-Beet.
Doch die Narzissen sind so etwas wie die Hippies der Gartenpflanzen. Sie leben die sexuelle Freizügigkeit. Wenn zwei verschiedene Arten die Gelegenheit bekommen, dann kreuzen sie sich breitwillig und bringen sogar gesunde Nachkommen hervor. Es wird vermutet, dass die Narzissen das schon getan haben, lange bevor der Mensch mit der gezielten Züchtung begann. Allein durch den sexuellen Akt sind so in der Natur mehrere neue wilde Arten entstanden. Statt sich also über Jahrmillionen langsam zu verändern, nahmen die Narzissen eine Abkürzung und brachten in nur einer Generation neue Nachkommen hervor, die weder Spatz noch Amsel waren, sondern tatsächlich Amstz.
Mitte des 19. Jahrhunderts haben englische Züchter den freizügigen Charakter dieser Pflanzen erkannt und begannen damit, selbst Hand anzulegen. Über die Jahrzehnte entstanden aus den rund zehn Arten zehntausende von neuen Sorten. So gross war die Vielfalt, dass ein eigenes Einteilungs-System nur für Narzissen eingeführt wurde.
Diese Tatsache stimmt mich nachdenklich, wenn ich so vor dem Osterglocken-Beet stehe. Geht der Prozess der Artbildung noch immer weiter hier direkt vor meiner Nase? Jede Sorte, die einst meine Grossmutter pflanzte, bildet ein eigenes Grüppchen. Doch zwischen ihnen gibt einzelne Pflanzen, die sich nicht so leicht einem Grüppchen zuteilen lassen. Einige Meter entfernt vom Beet stehen zudem ein paar Osterglocken im Rasen. Auch sie weisen Charakterzüge von mehreren Sorten auf. Nicht ganz kleinwüchsig aber auch nicht wirklich gross; nicht früh blühend aber auch nicht sonderlich spät. Vielleicht sind sie das, meine eigenen, unbeabsichtigten Züchtungen. Und vielleicht werden sich diese neuen Formen eines Tages aus meinem Garten stehlen und irgendwo auf einer Wiese ein neues Zuhause finden. Hundert Jahre später entdeckt sie ein Botaniker, der sie als neue Art feiert... (Hätte er doch nur zuerst meinen Blog gelesen.)

Samstag, 13. Februar 2010

Ehen mit Scheidungsrate null

An der Gartenmauer steht es geschrieben: Zu zweit
kommt man weiter als alleine.
Vor einigen Tagen nahmen wir am Geburtsvorbereitungskurs teil. Wir waren eines von zehn Pärchen. Mir kam andauernd die Statistik in den Sinn, wonach sich bis in einigen Jahren rund die Hälfte aller Paare trennen. Und das obwohl sie nunmehr einen guten Grund hätten, zusammenzubleiben. Doch der Mensch ist eben eine Spezies, die aus Individualisten besteht. Alles, was man zu zweit machen kann, lässt sich im 21. Jahrhundert auch alleine verwirklichen. Sogar das Kinderkriegen.
Doch in der Natur ist der Einzelkämpfer die Ausnahme. Denn damit die Artenvielfalt funktioniert, braucht es enge und verlässliche Beziehungen innerhalb von Arten und zwischen ihnen. Das eindrücklichste Beispiel dazu wächst an der Mauer neben meiner Einfahrt. Es sind die Flechten. Zugegeben, auf den ersten Blick sind sie etwas unscheinbar. Doch sie enthalten ein Geheimnis. Es ist die Anleitung, wie man eine halbe Milliarde Jahre lang auf dieser Welt überlebt.
Flechten gehörten zu den ersten Land bewohnenden Lebewesen der Erde. Die Wissenschaftler rätseln noch heute darüber, wie genau sie entstanden sind. Es war vielleicht ein ruhiger Samstagabend wie dieser. Auf einem Stein in der Nähe der Küste krallte sich vor 400 Millionen Jahren eine Gruppe einzelliger Algen fest. Sie fanden gerade genug Nährstoffe, um zu überleben. Aber es ging ihnen nicht besonders gut. Jedenfalls nicht gut genug für einen Samstagabend.
Doch dann kam plötzlich eine Pilzspore angeflogen und landete mitten in den Algen. Nun, Pilze denken in der Regel immer zuerst an das Fressen. Doch bei diesem war es anders. Aus irgendeinem Grund folgte er nicht seinem urtümlichen Instinkt. Statt sich über die Algen herzumachen, baute er ein Haus für sie. Seine Pilzfäden wuchsen zu ledrigen Schichten heran. Zwischen ihnen betteten sich die Algen.
Heute haben es die Flechten dank ihres Erfolgsrezepts
auf 25 000 Arten gebracht.
Der Pilz schloss einen Pakt mit ihnen. Sie sollten ihm etwas von ihrem Zucker abgeben, den sie bei der Photosynthese produzierten. Im Gegenzug würde er mithilfe spezieller Säuren, die Oberfläche des Steins aufweichen und einige der freiwerdenden Mineralstoffe an die Algen abtreten. Diese nahmen das Angebot an, denn sie benötigten dingend etwas Dünger, um sich gesund zu entwickeln. So entstand eine enge Symbiose zwischen zwei ganz verschiedenen Arten. Die Flechten waren geboren und der Samstagabend gerettet.
Seit dieser längst vergangenen Zeit sind sich Pilz und Algen treu geblieben. Sie haben die Ehe zu ihrem ganz persönlichen Erfolgsrezept gemacht. Heute gibt es auf der ganzen Welt 25 000 Flechtenarten. Dank der engen Kooperation können sie an Orten überleben, wo es sonst keine Pflanze und kein Tier lange aushält: an den komplett glatten Felswänden des Hochgebirges, auf sonnenverbrannten Pflastersteinen und selbst in der ewigen Kälte der Antarktis. Vielleicht wäre es ein hübscher Brauch, einem frisch verheirateten Paar, einen Stein mit einer Flechte darauf zu schenken. Will heissen: zu zweit kommt man weiter.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Die Einfahrt #3 (letzter)

Hier sind meine roten Rosen. Bestrahlt man das
Chlorophyll (Blattgrün) der Algen mit Licht einer
bestimmten Wellenlänge, beginnt es rot zu leuchten.
Diese so genannte Eigenfluoreszenz ist umso intensiver,
desto mehr Photosynthese das Chlorophyll gerade
betreibt. Vergrösserung: 10000
Wie alle Pflanzen benötigen auch die Algen Feuchtigkeit, um zu gedeihen. Das erklärt, warum sie sich nur in den Vertiefungen der Sandsteinoberfläche vermehren. Auf den Kuppen und Gipfeln verdunstet das Wasser sehr schnell. Dazu kommt die Sonne, die diese Regionen in heisse Trockenwüsten verwandelt. Keine Pflanze toleriert das auf Dauer. Auch die kleinste von ihnen nicht. Doch unten in den Ritzen sind sie vor Wind und Sonne für die meiste Zeit des Tages geschützt. Das Wasser bleibt dort länger haften und spendet den Algen für längere Zeit Feuchtigkeit. In diesem Mikrokosmos macht der Unterschied zwischen Gipfel und Schlucht im besten Fall einige Millimeter aus. Nichtsdestotrotz entscheidet diese winzige Distanz zwischen Leben und Tod.
So liegen die Extreme unmittelbar nebeneinander. Hier die sonnenverbrannten Sandsteingipfel, dort die Täler, die sich wie blühenden Oasen Zentimeter weit entlang meiner Einfahrt erstrecken. Eine wahre Freude – wenn auch eine, die man erst für sich entdecken muss. Das Wunder aber endet hier noch nicht. Algen sind nicht nur die einfachsten Pflanzen des Gartens, sondern auch die ältesten, was ihre Entwicklungsgeschichte betrifft.
Sie waren die ersten Pioniere, die sich vor 450 Millionen Jahren aus den Fluten der Ozeane auf das Festland wagten. Damals waren sie Wesen zwischen zwei Welten. Halb gehörten sie ins Wasser, halb ans Trockene; halb waren sie neugierig auf das unentdeckte Land hinter dem Ozean, halb liess sie die Leichtigkeit des Lebens im Wasser nicht los.
Vielleicht sah die Urwelt genau so aus wie die Oberfläche des Randsteins. Eine verwitterte Küste ohne Leben doch mit Ritzen und Rinnen, in denen sich die Feuchtigkeit hielt und eine erste Nische für einen Wald voller Algen und Amöben bildete. Niemand weiss, ob es tatsächlich so gewesen ist – aber es könnte. So schaue ich jedes Mal, wenn es auf meine Randsteine regnet, eine halbe Milliarde Jahre in die Vergangenheit und werde Zeuge davon, wie die ersten einfachen Pflanzen zwei Meter von meinem Garagentor entfernt das Land erobern.
Nach dieser Pionierleistung haben sich aus den Algen alle anderen Pflanzen entwickelt. Zuerst die Moose und die Farne, dann die Föhren, das Gras, die Nelken und zu guter Letzt die Rosen. Hier sind sie nun endlich. Die Rosen in meiner Einfahrt. In allen Farben leuchtend, nach süssen Düften riechend. Auch wenn ich mich in gewissem Sinne 450 Millionen Jahre zu früh über sie freue.
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