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Dienstag, 19. Oktober 2010

Ein Grad mehr Reichtum

Farn auf einer Tessiner Mauer.
Meine Gartenmauer kann es nicht mit ihnen aufnehmen. Sie sind einfach zu reich – die Tessiner Mauern. Unverschämt reich, möchte ich sagen. Aus den sonnenverwöhnten Gemäuern wachsen Dutzende von verschiedenen Pflanzenarten. Kaktusse, Sukkulenten, Farne, Kräuter – ganze botanische Sammlungen spriessen aus den Ritzen zwischen den gepflasterten Steinen. Am Dorfrand von Meride krallt sich sogar eine massige Agave an einer hohen Mauer fest. Und bei meiner Gartenmauer? Da sieht es vergleichsweise trostlos aus. Der Mauerpfeffer ist der einzige Vertreter unter den Sukkulenten. Sein einziger Nachbar ist ein kleiner Wurmfarn, der auf dem nährstoffarmen Untergrund tapfer ein Auskommen sucht. Aber ausser den beiden (und den allgegenwärtigen Flechten und Algen) gibt es da nichts. Dabei hat meine Gartenmauer bereits ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Die Pflanzen hätten also genug Zeit gehabt, dort Fuss zu fassen. Welche Pflanzen? Genau das ist der springende Punkt. Meine Mauer ist karg, wegen eines Mangels an Artenvielfalt. Das Tessiner Pendant hingegen ist reich an Arten. Warum das so ist?
Ein Schriftfarn wächst gleich nebenan.
In der Flora Helvetica heisst es zum Standort:
«Mauern und Felsen in warmen Lagen.»
Das Tessin liegt mehr als ein Grad südlicher als Zürich. Die Sonne steht also ein Grad steiler am Himmel und spendet darum während des ganzen Jahres mehr Licht und Wärme. Das hat enorme Auswirkungen auf das Leben. Von allem gibt es mehr. Mehr Farne, mehr Sukkulenten. Vor allem letztere sind ideal an das Leben auf einer kargen Gartenmauer angepasst. Sie benötigen nicht viel zum Wachsen ausser Sonne und ab und zu etwas Wasser. Da ist es also kein Wunder, dass die Tessiner Mauern ergrünen, während die meine in der kalten, artenarmen Nordschweiz grau bleibt.
Und der dritte Farn. Auf meiner Mauer
gibt es nur eine Art.
Warum allerdings die Artenvielfalt mit schrumpfender Distanz zum Äquator zunimmt, weiss niemand. Die Forscher rätseln seit 150 Jahren darüber und haben einen Strauss voller Theorien und möglichen Erklärungen hervorgebracht, aber keine Antwort. Meine Gartenmauer schweigt zu diesem Thema. Doch irgendwo in ihr liegt die Lösung des Problems verborgen.



Eine von zwei Sukkulenten-Arten.
















In der kalten Nordschweiz
habe ich einen so üppigen
Mauerbewuchs noch nie
gesehen.

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