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Montag, 23. November 2015

Evolutionäres Wettrüsten


Das Vorratslager der Feldmaus in der Holzbeige.
Beim Umschichten der Holzbeige habe ich die Vorratskammer einer Feldmaus entdeckt. Abfallkammer wäre wohl der korrektere Begriff, denn von den Vorräten sind nur noch die Verpackungen vorhanden. Es handelt sich mehrheitlich um die Samen von Mirabellen. Ein Baum wächst gleich neben der Holzbeige. Viele Früchte fielen im Herbst zu Boden und ernährten Scharen von Wespen und anderen Insekten. Einige der Früchte verschwanden in den Mägen der Hühner des Nachbarn, deren Territorium bis unter die Krone der Mirabelle reicht. 
Übrig blieben nur die Kerne. Diese sind wie bei den anderen Steinobst-Arten sehr hart. Die Schale, welche den Samen umgibt, ist mehrere Millimeter dick. Wer sie knacken möchte, braucht einen Hammer oder eine Feile. Das ist durchaus die Absicht der Pflanze. Denn sie möchte ihre Nachkommen unbedingt vor Fressfeinden schützen. Erst wenn der Kern in der obersten Humusschicht liegt und von genügend Feuchtigkeit und Wärme umgeben ist, wird die Schutzhülle brechen und den Keimling in seinem Innern frei geben.
Die Schale des Kern ist kein Hindernis für die Maus.
Doch die Maus hat der Mirabelle einen Strich durch die Familienplanung gemacht. Sie hat Dutzende von Kernen auf dem Boden eingesammelt und sie in die Holzbeige geschleppt. Dort konnte sie ihnen ungestört zu Leibe rücken. Das kleine Säugetier besitzt zwei Paar vorzügliche Nagezähne. Diese bestehen aus Zahnschmelz, der fast so hart ist wie Stahl. Der Kern der Mirabelle besteht aus vergleichsweise weichem Lignin. Mein Fund zeigt den durchschlagenden Erfolg der Maus. Sie hat ein in Loch in jeden einzelnen Kern genagt und den darin enthaltenen Embryo samt Nährstoffvorrat aufgefressen.
Tiere und Pflanzen sind seit Jahrmillionen mit diesem Spiel um Angriff und Verteidigung beschäftigt. Biologen nennen es «Evolutionäres Wettrüsten». Es gab vermutlich einmal eine Zeit, in der die Samen von Steinobst weicher waren als heute. Die ersten Nager mussten sich anpassen, wenn sie nicht verhungern wollten. Ihre Zähne wurden härter. Jetzt machten die Samen mobil und lagerten ihrerseits mehr Lignin in die Schale der Kerne ein. Nun kamen die Nager wieder mit noch härteren und schärferen Zähnen. Die Verlierer, wie es scheint, sind die Pflanzen.
Wirklich? Nein. Denn statt weiterhin Energie auf immer härtere Schalen zu verwenden, haben die Vertreter des Steinobstes einfach ihre Strategie geändert. Statt ihre Feinde auf Distanz zu halten, liessen sie sich fortan freiwillig von ihnen verschlingen. Dazu umgaben sie ihre Kerne mit einem Mantel aus süssem, weichem Fruchtfleisch.
Nun frassen Wildschweine, Dachse und Vögel die Früchte samt den Kernen. Vom Wettrüsten mit den Mäusen unempfindlich gemacht, überstanden diese die ätzende Magensäure und wurden weit weg von den Mäusen heil wieder ausgeschieden. Jeder Kern war nun auch gleich mit einer Portion Dünger versehen – beste Voraussetzungen für das Wachstum des Keimlings. Dass sich heute die Nager immer noch über die Kerne hermachen ist zwar lästig, doch im Hinblick auf die gesteigerte Mobilität des Steinobstes, durchaus verkraftbar.

Donnerstag, 10. September 2015

Kiwi-Hochzeit mit Komplikationen


Die Kiwis auf dem Weg zur
Spitze der Tanne.
Meine Euphorie war riesig, als ich vor fünf Jahren zwei Kiwi-Pflanzen im Gartencenter kaufte. Ich stellte mir eine reiche Ernte mit süssen Früchten vor, von denen ich noch bis in die Wintermonate hinein zehren würde. Damals wusste ich noch nichts über Kiwis. Ausser, dass es männliche und weibliche Pflanzen gab. Wer ernten wollte, musste also immer beide in den Garten setzen.
Kein Problem. Zwei dicke Pfosten in zwei Meter Abstand und einen Spanndraht dazwischen – fertig war das Liebesnest für meine Kiwis. Dann begann das lange Warten. Langsam streckten sie über die Wochen und Monate ihre tentakelartigen Äste in alle Richtungen aus. Männchen und Weibchen stellten den ersten Kontakt her. Bald waren ihre Äste eng miteinander umschlungen.
Innerlich jauchzend sah ich dem Liebesspiel der beiden zu. Der Sommer kam und ging. Die Kiwis umschlangen sich immer inniger, aber sie vollzogen nie den entscheidenden Schritt, der für die Produktion von Früchten unabdingbar ist: das Blühen.
Der Herbst kam und die Blätter begannen zu welken. Mit der Ernte wurde es wohl nichts mehr. In der kommenden Saison würde es sicher besser laufen, dachte ich. Als der Frühling kam, streckten Männchen und Weibchen erneut ihre Äste aus.
Inzwischen waren die beiden Pflanzen richtiggehend miteinander verfilzt. Es war schwierig zu unterscheiden, welcher Ast zu wem gehörte. Bei so viel inniger Zuneigung musste sich der Nachwuchs doch irgendwann mal einstellen? Aber nein. Weder das Männchen noch das Weibchen brachte Blüten hervor.
Der Stamm ist die ideale Kletterhilfe.
Im dritten fruchtlosen Jahr dämmerte es mir langsam. Die brauchten mehr Sonne. Die Produktion von Blüten und Früchten ist äusserst anstrengend für Pflanzen. Die Energie dafür nehmen sie vom Zucker, den sie während der Photosynthese produzieren. Das geht jedoch nur, wenn genügend Licht vorhanden ist.
Das Liebesnest lag jedoch ausgerechnet im Schatten des alten Birnbaums. Hier kam die Sonne erst am Nachmittag hin. Sollte ich die Pflanzen ausgraben und an einem besseren Ort neu einpflanzen? Nein, zu viel Aufwand. Die Wurzeln hatten sich inzwischen sicher schon bis Neuseeland durchgegraben. Die hätte ich nie aus der Erde gekriegt. 
Ich überliess das Problem den Kiwis. Sollten sie doch selber schauen, wie sie zu ihrem Licht kamen. Fairerweise habe ich ihnen eine kleine Hilfestellung gegeben und spannte ein Seil zwischen die Kiwis und den Birnbaum, in der Hoffnung, dass sie auf ihm ans Licht klettern mochten.
Das Seil war drei Meter lang. Zuerst sah es gut aus. Sowohl Männchen als auch Weibchen freuten sich über das neue Turngerät und kletterten den ersten Meter eifrig drauf los. Aber dann war plötzlich Schluss. Sie machten keinen Zentimeter mehr auf den Birnbaum zu. Offenbar ging es ihnen nicht schnell genug.
Das Problem war, dass der Weg durch den Schatten des Baumes führte. Und in die Dunkelheit geht keine Pflanze freiwillig. Stattdessen wählen sie stets den direkten Weg zum Licht. So machten es die Kiwis auch. Sie steckten fortan all ihre Energie in die senkrecht nach oben wachsenden Äste. Aber dort gab es keinen Halt für sie. Als die Äste länger wurden, beugten sie sich unter ihrem eigenen Gewicht in alle Richtungen. Bald sahen die beiden Kiwis aus wie der Schlangen-Kopf von Medusa.
Zu Blüten und Früchten führte das immer noch nicht. Alles änderte sich aber als das Männchen mit einem seiner ausufernden Triebe zufällig den Ast eines benachbarten Tannenbaums erwischte. Auf diese Chance hatte es gewartet und begann sogleich, sich am Baum hoch zu hangeln.
Im Herbst befand es sich bereits fünf Meter über Boden. Auf jedem Dezimeter, den es zurücklegte, legte es Seitentriebe an und die begannen ihrerseits die Äste der Tanne zu überwuchern. In der Folge entstand eine Art Kiwi-Baum. Die Nadeln der Tanne verschwanden gänzlich unter den grossen runden Blättern.
Im Frühling dieses Jahres ging es so weiter. Das Männchen umschlang den Hauptstamm der Tanne wie ein Riesenkrake den Grossmast eines Segelschiffs. Je höher es kam, desto mehr Sonne kriegten seine Blätter. Endlich konnte es den für sein Liebesspiel dringend benötigten Zucker produzieren.
Das Resultat davon entdeckte ich diesen Mai. Die ersten männlichen Blütenknospen hingen wie kleine Glöckchen den Ästen. Die Klettertour hatte sich gelohnt. Doch um Nachkommen zu zeugen, braucht es zwei. Leider war das Weibchen während der ganzen Jahre nicht so zielstrebig bei der Sache wie das Männchen. Sein Motto lautet vielmehr «abwarten». Es benimmt sich geradezu wie eine Hofdame, welche den edlen Ritter den Weg bereiten lässt, bevor sie selbst endlich einen Wank macht. 
Erst in diesem Jahr hat die Kiwi-Dame damit begonnen, ihrem Liebsten in die Höhe zu folgen. Dazu umschlängelt sie mit ihren Trieben den dicken Spross des Männchens und folgt ihm die Tanne hinauf. Kein Wunder gibt es bei diesem zaghaften Vorgehen keine weiblichen Blütenknospen und damit erneut keine Früchte.
Mein Plan: Ich opfere die Tanne und lasse meine Kiwis im nächsten Jahr hoch oben auf ihrer Spitze Hochzeit feiern. Nach geschlagenen acht Jahren wird dann mein Traum von der reichen Ernte dann endlich wahr.

Dienstag, 30. Juni 2015

Die Bienenweide des faulen Gärtners

Der Weissklee wertet jeden Rasen auf. Ganz von selbst.
Oh ja. Endlich zahlt sich Faulheit einmal aus. Landauf landab wurde in den letzten Wochen Rasen gemäht. Nun scheint sich eine gewisse Erschöpfung einzustellen. Die Grünflächen sind nicht mehr ganz so kurz geschoren. Als wunderbares Resultat dieses Nichtstuns haben sich die Rasen in Bienenweiden verwandelt. Der Weissklee produziert innert Wochenfrist neue Blüten. Mancher Fussballplatz und in mancher Vorgarten sieht aus wie ein einziges blühendes Kleefeld. Honigbienen und Hummeln lieben das.
Wer also ohne grosse Anstrengung für Bienen etwas Gutes tun will, der mäht seinen Rasen nur alle zwei bis drei Wochen. Auf diese Weise wird aus der grünen Wüste eine Nektarstation für Bienen. 

Dienstag, 23. Juni 2015

Der Ball passt nicht ins Tor

Hier mein Beitrag zur FIFA Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada:
Dieses Tier, das sich immerzu im Kreis dreht, ist etwa einen Zehntelmillimeter lang. Ich habe zurzeit Millionen davon in meinem Salzkrebschen-Aquarium. Was es genau ist, konnte mir bis jetzt niemand sagen. Jemand vermutete, dass es sich um ein Wimperntierchen handeln könnte. Jedenfalls ernährt es sich von einzelligen, grünen Algen. Man sieht schon viele Davon im durchsichtigen Bauch des Tiers. Eine weitere befindet sich in einiger Entfernung. Diese würde unser hungriger Freund auch gerne fressen, aber sie passt einfach nicht in sein Maul. Er versucht es angestrengt drei Mal und spuckt die Alge immer wieder aus. Der arme muss sich wohl oder übel nach einem kleineren Happen umsehen. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Nachhaltiger Holzabbau

Eigenartige Spuren auf dem Lattenzaun.

Kürzlich war ich auf Besuch bei einem Freund. Er liebt die Gartenarbeit und hat vor einiger Zeit einen Lattenzaun aus unbehandelten Brettern gebaut. Auf ihnen fand ich seltsame Spuren. Sie erinnerten mich an die Frassspuren von Schnecken. Mit Frassspuren lag ich schon mal richtig. Aber es war ein ganz anderes Tier, das sich hier gütlich tat.
Nach einer Weile tauchte es schliesslich auf. Es war eine Wespe. Sie nagte die oberste Schicht des Holzes ab, vermischte die Fasern mit ihrem Speichel und produzierte eine Art flüssiges Papier daraus. Mit ihm erweiterte sie ihr Nest. Wespen können mit ihren Mandibeln diesen Brei tatsächlich zu Papier verarbeiten. Mit ihren Mandibeln und ihrer Zunge gehen sie so geschickt mit diesem Baumaterial um, dass es am Ende eine runde Wand von weniger als einem Millimeter Dicke entsteht.
Bei der Beschaffung des Rohmaterials sind Wespen nicht zimperlich. Sie nagen auch Telefonmasten an, obwohl diese mit Imprägniermittel behandelt sind. Die Insekten produzieren jedoch keine Löcher, sondern nagen immer nur die oberste Schicht ab. Dabei bewegen sie sich immer leicht vorwärts, was zur Bildung dieser hellen Bahnen führt. Auch wenn der Zaun oder der Telefonmast nicht nachwächst, so lässt sich diese sparsame und schonende Form des Holzabbaus wohl als nachhaltig bezeichnen.
Die Verursacherin ist eine Wespe.

Mittwoch, 11. März 2015

Darwin und die Baumhühner

Das braune und das schwarze Huhn übernachten
drei Meter über Boden. Vor dem Fuchs sind sie
auf diese Weise sicher.
Nachdem der Fuchs letzten Sommer unsere vier Zwerghühner vertilgt hatte, kauften wir uns Ersatz. Dieses Mal drei Hybrid-Hühner und einen Hahn der Sorte Wyandotte. Letztere sind etwas kleiner als Hybriden aber dennoch nicht so klein wie Zwerghühner.
Hybridhühner ihrerseits sind das, was man gemeinhin unter Legemaschinen versteht. So ein Huhn schafft bei richtiger Fütterung fast ein Ei pro Tag oder etwa sechs Eier pro Woche. Diese Sorten können das, weil sie während Jahrzehnten auf Legeleistung hingezüchtet wurden.
Trotzdem habe ich bis heute kein einziges Ei von ihnen gesehen. Wir kauften die neuen Hühner mit 17 Wochen. Das entspricht verglichen mit uns Menschen ungefähr dem Teenager-Alter. Eier legen sie dann noch nicht. Das machen sie erst mit 20 oder 25 Wochen. Die Monate strichen ins Land und ich fütterte fleissig Körnerfutter und Kalk. Doch nichts ausser Hühnerkacke kam bei den Federtieren hinten raus.
Aus Sommer wurde Herbst und aus ihm schliesslich der Winter. Ich begann, mich bei anderen Hühnerhaltern umzuhören. Im Winter gehe die Legeleistung allgemein zurück. Die Tiere bräuchten ihre Energie für die Produktion von Körperwärme. Also bis auf weiteres keine Eier.
Meine wohlgenährten Hühner gingen immer bei Dämmerung selbständig ins Häuschen. Ein durch einen Lichtsensor gesteuerter Motor schloss die Schiebetüre, sobald es ganz Nacht wurde. Auch wenn sie keine Eier legten, intelligent waren die Tiere allemal. Das muss man ihnen lassen.
Doch eines Abends hatten die Tiere offenbar einen akuten Anfall der Dummheit. Als ich nach Sonnenuntergang einen Kontrollblick ins Häuschen warf, erblickte ich darin nur das braune und das schwarze Huhn. Das weisse Huhn und der Hahn fehlten. Aus irgendeinem Grund sind die nicht bei Zeiten ins Häuschen. Ich suchte den Garten ab, fand sie jedoch nirgends. Am nächsten Morgen sahen wir das, was wir sehen mussten: zwei Haufen mit Federn. Der Fuchs hat sich die dummen Hühner geschnappt.
Braun und Schwarz mieden fortan das Hühnerhaus ebenso. Offenbar trauten sie seiner schützenden Wirkung nicht mehr. Doch statt irgendwo auf dem Boden zu übernachten wie ihre dahingeschiedenen Freunde, setzten sie sich Abend für Abend auf den Ast einer Tanne drei Meter über Boden. Der Ast ist so hoch und so unzugänglich, dass es kein Fuchs jemals dorthin schaffen wird. Seither sagt mein 4-jähriger Sohn ihnen nur noch «wilde Hühner» oder «Baumhühner».
Der ganze Vorgang liess uns Zeuge des evolutionären Prozesses werden, so wie ihn sich Charles Darwin vorgestellt hat. Die Schwachen oder Dummen werden von den Jägern gefressen, während sich die Schlauen dem Einfluss der Jäger entziehen. Auf diese Weise hat sich die Hühnerpopulation in meinem Garten erfolgreich an ein Leben ausserhalb des schützenden Häuschens angepasst.
Lange Zeit wusste ich nicht, wie die Tiere auf den Baum kommen. Bis ich sie heimlich
bei ihrem Aufstieg filmte.

Dienstag, 10. Februar 2015

Mutterliebe

Die Sonnenblume opfert ihr Leben für ihre Nachkommen. 
Es ist wieder soweit. Wir kippen kiloweise Vogelfutter in den Garten, damit Amsel, Buchfink und Grünling sich den Bauch vollschlagen können. Die ganze Fütterung hat eine tragische Seite. Nicht für die Vögel, sondern für die Pflanzen.
Hauptbestandteil der meisten Mischungen sind Sonnenblumensamen. Das hat einen guten Grund: Sie sind vollgetankt mit Öl. Es liefert den Vögeln Energie für Muskulatur und für die Wärmeproduktion. Hundert Gramm Sonnenblumenkerne enthalten 570 Kilokalorien. Das ist mehr als Milchschokolade hat.
Das Öl ist ein Geschenk – nicht für die Vögel, sondern für den Embryo, der in der Spitze jedes Sonnenblumenkerns schlummert und darauf wartet, dass ihn jemand in feuchte, warme Erde drückt. Das Geschenk stammt von der Mutterpflanze. Sie hat einen ganzen Sommer lang mit der Photosynthese Zucker produziert und diesen unter anderem in Stärke und Fette umgewandelt. Von diesem Energievorrat zehrt der Sämling während der ersten Tage seines Lebens.
Die wenigsten Pflanzen stecken ihre Energie so konsequent in die nächste Generation wie die Sonnenblume. Der Bärlauch beispielsweise behält das meiste für sich. Er lagert die Stärke in seiner Knolle unter der Erde ein. Für seine Samen bleibt da nicht viel übrig. Noch geiziger ist das Knabenkraut. Auch es behält Zucker, Stärke und Fette lieber für sich und speichert sie in einer Knolle. Ihren Samen vermacht sie kein Gramm davon. Sie sind so winzig und so energiearm dass sie im Boden nur keimen, wenn Pilzen sie mit den nötigen Nährstoffen versorgen. Der Vorteil dieser Geiz-Strategie ist, dass eine Pflanze dank ihrer gehorteten Energie mehrere Jahre oder Jahrzehnte am Leben bleibt.
Die Sonneblume ist da ganz anders. Sie vermacht ihre gesamten Reserven der nächsten Generation. Damit unterschreibt sie allerdings ihr Todesurteil. Zum Winteranfang erfriert sie. Die Samen aber überleben und bekommen dank des Ölvorrats einen grandiosen Start ins Leben. Das ist wahre Mutterliebe bei den Pflanzen.

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Weihnachtliches Ökosystem

Von aussen sieht die Keksdose unschuldig aus.
Im Moment schmecken die Weihnachts-Kekse noch vorzüglich. Doch je mehr Zimtsterne, Linzeraugen, Vanillekipferl und Lebkuchen wir in uns aufnehmen, desto mehr rebelliert unser Gaumen gegen die an ihm vorbeiziehenden Zucker-, Vanille- und Schokonuancen. Nussig und zitronengetränkt erträgt er schon bald nicht mehr.
Das ist in der Regel die Zeit, in der neue Ökosysteme geschaffen werden. Die Keksdosen, in denen einige Brunsli und Mailänderli hartnäckig die Stellung halten, landen nämlich im Schrank gleich neben den zehn Jahre alten Karamellbonbons. Dort machen die Kekse in der Regel einen sehr langen Winterschlaf. Wenn der Frühling kommt, hat man sie schon längst vergessen. Im Sommer denkt niemand auch nur im entferntesten an Kekse. Im Herbst ist Weihnachten noch zu weit weg, um sich dem Thema zu widmen. Aber spätestens an Weihnachten, wenn sich eine neue Generation von Keksen auf dem Tisch zu einem Berg türmt und Behältnisse Mangelware sind, erinnern wir uns an die Dosen vom letzten Jahr.
Drinnen zeigt sich, was mit meinen Keksen von
letztem Jahr passiert ist.
Wer sie zum ersten Mal seit 12 Monaten öffnet, kann einen Schock bekommen. Denn Brunsli und Mailänderli haben manchmal ihre Erscheinungsform erheblich verändert. Bei unseren fand gar eine regelrechte Verwandlung statt. Als wir die Keksdose öffneten, fanden wir eine riesige Kolonie aus Mehlmotten vor. Zudem war die ganze Dose ausgekleidet mit einem grauen Seidengespinst.
Offenbar hat sich letzten Januar, als die Dose in den Schrank wanderte, eine einzelne Mehlmotte zwischen den Keksen versteckt. Es muss sich um ein schwangeres Weibchen gehandelt haben. Dieses kann bis zu fünfhundert Eier ablegen. Die aus ihnen schlüpfenden Maden machten sich mit Freuden über die Kekse her. Um zu überleben, brauchen sie kein Wasser. Alle stärkehaltigen Speisen sind ihnen recht.
Der Mangel an Keksen liess das Ökosystem
schliesslich kollabieren.

Während die Maden fressen, ziehen sie ständig einen Seidenfaden hinter sich her. Mit der Zeit bildet sich ein dichtes Gespinst. Offenbar haben sich die Maden schliesslich verpuppt und es sind Hunderte von Motten geschlüpft. Vielleicht haben sich die Geschwister untereinander erneut verpaart. Vermutlich haben sie sogar Eier abgelegt, doch die erste Generation hat die Vorräte bereits aufgebraucht.
Das von alten Weihnachtskeksen angetriebene Ökosystem überdauerte wohl nur ein oder zwei Monate, dann kollabierte es. Zurück blieben eine Menge luftgetrockneter Motten, das Gespinst und darunter ein riesiger Haufen Kot.
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