Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.
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Donnerstag, 23. Mai 2013

Ich bin dann mal ein Strauch


Unter Attacke erwachen die
schlafenden Augen und bilden
neue Quittenbäumchen.
Ein Baum – so definieren die Biologen – ist eine Pflanze, die einen einzigen, verholzten Stamm produziert. Das im Gegensatz zum Strauch, der unmittelbar am Boden oder darunter mehrere kleinere Stämme hervorbringt. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Der Baum beispielsweise fokussiert sein Längenwachstum auf ein einziges Organ. Auf diese Weise erreicht er im Extremfall Höhen bis zu hundert Meter und kann sich so einen Platz an der Sonne sichern.
Sträucher andererseits investieren ihre Energie nicht in die vertikale sondern in die horizontale Dominanz. Sie können in kurzer Zeit mehrere Quadratmeter bedecken und so Baumkeimlingen das Leben schwer machen. Und Sträucher haben noch einen anderen grossen Vorteil. Ihre vielen Stämme sind die perfekte Lebensversicherung gegen Frassinsekten oder andere Schädlinge wie etwa Pilze.
Wenn ein paar Stämmchen kaputt gehen, macht das nichts, denn es gibt ja noch viele und der Strauch produziert zudem ständig noch mehr von ihnen. Diese Überlebensstrategie ist so gut, dass auch Bäume in Notzeiten auf sie zurückgreifen. Das zeigt sich gerade bei meinem Quittenbaum.
Seit Jahren machen ihm die benachbarten Tannen das Licht streitig und Pilze haben seinen alten Stamm befallen und fressen sich langsam durch sein Holz. Um ihr Überleben zu sichern, hat die Quitte auf Strauch-Modus umgestellt. Aus seiner Stammbasis wachsen viele neue kleine Quitten-Bäumchen. Das ist möglich, weil der Baum schon in jungen Jahren, so genannte schlafende Augen angelegt hat. Das sind kleine Bereiche in der Rinde, die aus Stammzellen bestehen. Sie können jahrzehntelang inaktiv sein und in der Not plötzlich zu wachsen beginnen. Die Stammzellen sind in der Lage, eine ganze Pflanze samt Blätter und Wurzeln entstehen zu lassen.
 Das Phänomen erstreckt sich auch auf die Wurzeln, auf denen es ebenfalls schlafende Augen gibt, die jetzt erwachen und mehrere Meter weit von der Mutterpflanze entfernt neue Bäumchen produzieren. Die Idee: Wenn der alte Baum stirbt, übernehmen die jungen das Feld. Dabei nabeln sie ihr eigenes Wurzelsystem vom Altbaum ab und kappen so die Verbindung zu den schädlichen Pilzen.

Sonntag, 30. September 2012

Antibakterieller Schaum

Wundersamer Schaum am
Stamm der Atlas-Zeder.
Eines der merkwürdigsten Schauspiele in unseren Gärten ist wohl das plötzliche Aufschäumen eines Baumstamms. Das passiert meistens nach längeren Regenfällen, wenn der Stamm so richtig trieft. Dabei kann es zur Schaumbildung kommen. Das hat nichts mit Umweltverschmutzung zu tun. Vielmehr ist es Ausdruck der Genialität der Pflanzen.
Der Schaum stammt von einer Stoffgruppe namens Saponine. Sie sind mit den Senfölen verwandt, die wir bei der Kapuzinerkresse kennengelernt haben, und es erstaunt darum nicht, dass auch die Saponine Kampfstoffe sind, mit denen sich Pflanzen gegen Pilze und Bakterien verteidigen.
Vor allem die Rinde enthält hohe Konzentrationen von ihnen. Das darum, weil sie eine Haupteintrittspforte für unerwünschte Mikroorganismen bildet. Die in der Borke eingelagerten Saponine halten das Innere des Baumes zuverlässig von diesen Schädlingen fern.
Saponine sind chemisch verwandt mit Seife und bilden darum in wässrigen Lösung Schaum. Bei starkem Regen können sie aus der Borke gelöst werden und so den ganzen Stamm mit Bläschen bedecken. Tatsächlich waren sie die erste Naturseife der Menschheit. Schon die Kelten verwendeten das weitverbreitete Seifenkraut als Waschmittel. Dazu schnitten sie ein Stück einer Wurzel ab und rieben die Textilien damit ein.
Der Regen löst Sapione aus der Borke.
Wenn das Gemisch über die unebene
Oberlfläche nach unten rinnt, bildet
sich Schaum.
In dieser Ähnlichkeit zur Seife liegt auch das Geheimnis ihrer Schlagkraft verborgen. Saponine greifen die Fettmoleküle der Zellmembran an. Man könnte sagen, sie waschen sie ab, wie ein Spülmittel das Fett von der Oberfläche einer Bratpfanne entfernt. Das ist für eine Zelle so, als würde uns jemand die Haut abziehen. Auf diese Weise zerstören sie Bakterien und Pilze.
Saponine sind meistens bitter. Doch es gibt eine berühmte Ausnahme: Lakritze. Ihr unverkennbarer Geschmack stammt vom Saponin Glycyrrhizin aus dem Süssholz. Es besitzt eine 50 Mal stärkere Süsskraft als Zucker. Für uns Menschen ist es übrigens nicht giftig, sondern gesund. Studien zeigten, dass Lakritze eine therapeutische Wirkung gegen Magengeschwüre hat.

Freitag, 27. Juli 2012

Die Senfölbombe

Die Blüten der Kapuzinerkresse enfachen im Mund...
Eines der interessantesten Geschmackserlebnisse im Garten bieten derzeit die Blüten der Kapuzinerkresse. Wer sie als ganzes isst, erlebt ein wahres Orchester auf Zunge und Gaumen. Es beginnt ganz leise. Die papierartige Oberfläche der Blüten saugt den Speichel auf, als ob das Orchester inne anhalten würde. Alle Geigen schweigen. Die ersten beiden Kaubewegungen geben den Takt and und dann ergiesst sich eine wunderbar sanfte Süsse in den Mundraum. Die Nektardrüsen sind ausgelaufen. Die Zuckermenge ist jedoch sehr klein und darum verschwindet der süsse Ton gleich wieder.
Für einen winzigen Augenblick herrscht erneut absolute Stille – und dann bricht aus dem Nichts ein heisser Sturm über die Zunge herein. Nun tobt das Orchester, als ob es den «Ritt der Walküren» gleichzeitig vorwärts und rückwärts spielen würde. Das Feuer brennt in jedem Winkel und nach ein paar weiteren Kaubewegungen erreicht es den Eingang zu den Nasenhöhlen. Eine Katastrophe droht, doch in letzter Sekunde bereitet eine unwillkürlich eintretende Schluckbewegung dem ganzen Spektakel ein Ende. Zurück bleibt ein wohliges Brennen, wie nach einem Menthol-Bonbon.
...ein wahres Feuerwerk an Geschmacksempfindungen.
Was wir als Gaumenfreude betrachten, ist für die Kapuzinerkresse bitterer Ernst. Die Schärfe rührt von einem genialen Abwehrsystem her. Mit ihm wollen die Pflanzen verhindern, dass sie von Raupen, Heuschrecken, Pilzen oder anderen Fressfeinden verzehrt werden. Es ist eine chemische Verteidigung, die für uns Menschen allerdings viel zu schwach ist.
Ihr Grundprinzip funktioniert so: In den Zellen der Blüten, des Stengels und der Blätter befinden sich zwei Chemikalien, die Myrosinase und das Glucosinolat. Letzteres ist eine Art kastrierter Kampfstoff. Es fehlen ihm einige Wasserstoffatome. Die sind jedoch so wichtig, dass das Glucosinolat für sich alleine vollkommen harmlos ist. Erst die Myrosinase, ein Enzym, macht es gefährlich, denn es kann ihm die Wasserstoffatome einverleiben.
Zu Friedenszeiten werden beide Chemikalien in getrennten Behältern gelagert und kommen niemals miteinander in Berührung. Sobald jedoch ein paar Zähne oder Mandibeln die Zellen auseinanderreissen, platzen die Behälter und die chemische Reaktion nimmt ihren Lauf. In wenigen Sekunden verwandelt sich das Glucosinolat mit Hilfe der Myrosinase in Senföl. Es ist der allseits bekannte Scharfmacher von Senf, Radieschen, Meerrettich, Wasabi und den verschiedenen Kressearten. Ihr System der Kampfstoffproduktion ist so einzigartig, dass die Forscher es mit einem eigenen Namen beehrt haben: die «Senfölbombe».

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Leuchtender Reis

Einen Holzdübel mit dem Pilz wirft man einfach in ein
Konfitürenglas mit abgekochtem Reis.

Weltweit gibt es 71 Pilzarten, die von sich aus leuchten. Eine von ihnen befindet sich seit kurzem in meinem Besitz. Es ist der Eichen-Zwergknäuling Panellus stipticus. Im Aussehen gleicht er Austernpilzen, er ist jedoch ungeniessbar. Doch dafür leuchtet er ganz wunderbar.
Hinter dieser Eigenart steckt dieselbe chemische Reaktion, wie sie auch das Glühwürmchen einsetzt, um sein Hinterteil erstrahlen zu lassen. Dabei wird ein Stoff namens Luciferin mit Sauerstoff abgebaut und es entsteht Licht.
Licht aus und schon sieht man das Leuchten.
Oben: Der Deckel des Glases ist noch
zugeschraubt. Der Pilz kriegt nur wenig
Sauerstoff und leuchtet nur schwach.
Unten: Der Deckel ist weg und nach 20
Minuten leuchtet der Pilz viel stärker
Warum manche Pilze leuchten, ist bis heute ein Rätsel. Einige Forscher vermuten, dass er damit kleine Insekten anlockt, die den Pilz fressen und so seine Sporen weiter verbreiten. Bewiesen hat es bis heute niemand.
Eichen-Zwergknäulinge kann man im Internet bestellen. Da der Pilz sich von Holz ernährt, wird er oft auf Holzdübeln in einem Konfitüreglas verschickt. Die Dübel sind einfach zu handhaben und lassen sich bequem auf andere Wachstumsmedien übertragen. Mein Exemplar habe ich auf Reis gebracht. Das Verfahren ist dasselbe wie beim Kräuterseitling.
Er scheint Reis wirklich zu mögen. Nach einem Monat ist das halbe Konfitüreglas bereits durchwachsen. Das Mycel (die weissen Pilzfäden) leuchtet sowohl bei Tag als auch bei Nacht. Man sieht es aber nur in einem dunklen Raum.
Da es für die Leuchtreaktion Sauerstoff braucht, sollte man den Deckel vom Glas abnehmen und den Pilz für zwanzig Minuten frische Luft atmen lassen. So verdoppelt sich die Leuchtintensität.

Samstag, 10. September 2011

Der Fliegentöterpilz

Der Pilz hat die Fliege von innen aufgefressen. Danach ist
er zurück an die Oberfläche gekommen, um seine
Sporen abzuschiessen. Sie sind deutlich als Hof erkennbar.
Irgendwo zwischen Esstisch und Fensterbrett muss es passiert sein. Eine Pilzspore heftete sich unbemerkt an die Füsse oder Beine der Fliege. Als sie sich etwas später putzte, hat sie die Spore womöglich unabsichtlich auf ihren Unterleib befördert. Dort sind die Ausgangsbedingungen ideal, weil an dieser Stelle die Haut nicht sehr dick ist. Aus der Spore begann ein Schlauch zu wachsen, der sich schnurstracks daran machte, sich einen Weg in den Körper zu bahnen.
Die Fliege kümmerte das zu diesem Zeitpunkt noch nicht gross. Sie ist zurück zum Esstisch geflogen und hat sich wieder den roten Tupfern zugewendet – Überreste der Spaghetti mit Tomatensauce. Sie ahnte nicht, dass das ihr letztes Mal sein sollte. In ihrem Körper wucherte bereits der Tod.
Als der Pilzschlauch die Aussenhülle durchdrungen hatte, bildete er unzählige Verästelungen wie die Wurzeln einer Pflanze. Bald waren es Hunderte und Tausende von Pilzfäden, die wie eine lebende Lawine den inneren Organen der Fliege entgegenstrebten. Das Immunsystem des armen Insekts hatte keine Chance. Der Pilz überrannte jede einzelne Zelle und frass sie auf.
Die Sporen fliegen bis zu drei Zentimeter weit. Sie sind
sehr klebrig und haften darum sogar auf Glas.
Inzwischen hat sich die Fliege auf dem Fenster niedergelassen. Spätestens jetzt muss sie gemerkt haben, dass etwas nicht stimmte. Sie blieb eine weile reglos sitzen und wollte dann ihren Motor anwerfen, um nochmals rüber zur Tomatensauce zu surren. Aber ihre Flügelmuskulatur versagte. Der Pilz hat bereits ihre Nervenbahnen gekappt. Nichts ging mehr. Bald würde er auch ihr Gehirn erreicht und ihrem Leiden ein Ende bereiten.
Fliegentöterpilze bereiten ihren Opfern einen ziemlich unschönen Abgang. Aber viel schlimmer als das ist die Demütigung, die nach dem Tod kommt. Diese Pilze missbrauchen die leblose Hülle als Abschussrampe für ihre Sporen. So gesehen hilft die Fliege ihrem Peiniger noch über den Tod hinaus beim Verbreiten seiner Verderben bringenden Saat. 
Dazu wächst der Pilz aus der Fliege heraus. Auf diese Weise bedeckt bald ein weisser Teppich ihren Körper. Jede seiner Fasern ist ein Pilzfaden, auf dessen Ende sich eine Spore befindet. Der Druck im Faden ist so gross, dass die Spore irgendwann in hohem Bogen wegkatapultiert wird. So legen sie eine Distanz von bis zu drei Zentimeter zurück. Nach einer Weile zeichnet der kontinuierliche Sporenregen einen deutlichen Hof um die tote Fliege. Eine Warnung für alle noch Lebenden, bloss nicht zu nahe zu kommen.

Dienstag, 16. August 2011

Das soziale Netz

Das Wasser aus dem Dachengel hat den Boden
weggewaschen. Zum Vorschein kommt das gartenweite
Wurzelnetzwerk.
Ein überlaufender Dachengel eröffnet einem manchmal einen seltenen Blick ins Erdreich. Der kleine Wasserfall, der sich gleich neben der Hausecke ergoss, hat den Boden auf einer postkartengrossen Fläche weggespült. Statt eines Lochs finde ich dort nun ein dichtes Geflecht von Wurzeln, die von den umliegenden Bäumen und Sträuchern stammen. Bestimmt sind drei oder vier verschiedene Pflanzenarten vertreten.
Das zeigt, wie weit die Wurzeln sich in der Horizontalen ausbreiten. Mein gesamter Garten ist wohl mit einer solchen Wurzelschicht durchwachsen. Aber noch viel erstaunlicher ist, dass die Wurzeln untereinander Nährstoffe austauschen. Das gelingt ihnen mit der Hilfe von Pilzen. Auch sie produzieren eine Art von Wurzeln, Mycel genannt, das den gesamten Erdboden durchwuchert. Die Pilzfäden docken an den verschiedenen Pflanzenwurzeln an und saugen Zuckerlösung aus ihnen heraus. Diese verwenden die Pilze einerseits für ihr eigens Wachstum, andererseits geben sie den kostbaren Saft an benachbarte Pflanzen ab.

Der Kinofilm Avatar zeigt eine Welt, in der alle Lebewesen
durch ein feines Netz von Fäden miteinander verbunden
sind. Genau so, wie in meinem Garten.
Das unterirdische Pilz-Pflanzen-Netzwerk erstreckt sich nicht nur in meinem Garten. Man findet es in jedem Wald und auf jeder Wiese. In der Tat kommt es überall dort vor, wo Vegetation die Erde bedeckt. Es ist ein weltweites Netz, dessen Ziel es ist, Nährstoffe untereinander auszutauschen. Forscher vermuten, dass auf diese Weise auch schwächere Pflanzen an Orten überleben können, wo sie eigentlich aufgrund des Lichtmangels oder der Ressourcenknappheit eingehen müssten. Doch angedockt an das Nährstoff-Netz bleiben sie am Leben.
Für einmal zeigt sich die Natur nicht als Bestie, welche die Lebewesen zu einem ständigen Kampf ums Überleben zwingt, sondern als hypersoziales Wesen, das sich um jedes ihrer Kreationen liebevoll kümmert.
Eine ähnliche Vision hatten die Macher des Kinofilms Avatar. Sie erschufen eine Welt, die von einem intelligenten Wesen durchdrungen ist. Die Nervenbahnen dieser Kreatur sehen ganz ähnlich aus wie die Pilzfäden, die in meinem Garten die Zeder mit dem Kirschlorbeer verbinden.

Dienstag, 21. Juni 2011

Fungitarier

Die Holzdübel sind vom Myzel
des Austernpilzes durchwachsen.
Kühe essen unsere Welt kaputt. Mit diesem Satz machen Vegetarier uns Fleischessern oft ein schlechtes Gewissen. Aber im Grunde haben sie Recht. Damit eine Kuh ein Kilogramm Fleisch zulegen kann, muss sie das Zehnfache an Pflanzenmaterial zu sich nehmen. Das heisst in jedem 500 Gramm schweren, saftigen Steak stecken 5 Kilogramm Gras und Sojabohnen. Die müssen irgendwo angebaut werden und weil es immer mehr Fleischesser gibt, werden immer mehr Regenwälder gerodet, um den Sojafeldern oder den Wiesen Platz zu machen.
Um die Welt vor dem Untergang zu retten, können wir natürlich ganz einfach auf Fleisch verzichten. Aber das ist ja dann doch etwas langweilig für anspruchsvolle Gaumen. Aber ein etwas interessanterer Ersatz für die Kuh könnten Pilze sein. Aus denen lassen sich sogar fleischähnliche Produkte wie Würste oder Schnitzel herstellen. Und sie haben noch einen weiteren Vorteil.
Löcher in den Stamm bohren
und Dübel einschlagen.
Sie sind viel effizienter als eine Kuh – sehr viel effizienter. Austernpilze beispielsweise ernähren sich von Holz. Dabei entsteht aus jedem Gramm Holz ein Gramm Austernpilz. Oder anders gesagt: Die Austernpilze wandeln ihre Nahrung zu 100 Prozent in eigenes Gewebe um. Das heisst, aus einem Holzklotz von 10 Kilogramm gewinnt man 10 Kilogramm Pilze. Das ist eine riesige Menge.
Um die Welt zu retten, müssen wir Fleischesser also nicht gleich zum Vegetarier absteigen, sondern können beim «Fungitarier» halt machen. Ist unser Ernährungsproblem damit gelöst? Nicht ganz. Denn Pilze sind zwar sehr effizient, aber nicht gerade nahrhaft.
Ein Kilo Austernpilze hat lediglich 200 Kilokalorien. Der durchschnittliche Tagesbedarf liegt bei 2 400 Kilokalorien. Das heisst, ich muss pro Tag 12 Kilo Austernpilze essen, wenn ich satt werden will. Hochgerechnet auf die gesamte Schweizer Bevölkerung macht das 35 Millionen Tonnen Austernpilze pro Jahr.
Um diese unvorstellbare Menge heranzuziehen brauchen wir genauso viel Holz. Haben wir das? Der Schweizer Wald legt jährlich 10 Millionen Kubikmeter Holz zu. Das sind etwa 8 Millionen Tonnen also etwa ein Viertel dessen, was wir benötigen würden.
Wir sehen also: Wenn unsere Ernährung nachhaltig sein soll, dann sind auch die Pilze keine Lösung. Das soll euch aber nicht davon abhalten, in eurem Garten ein paar Austernpilze zu züchten.

Stamm 20 bis 30 Zentimeter tief
im Garten eingraben.


Hier der letzte Teil der Anleitung (erster Teil / zweiter Teil):

1. Besorgt euch von einem Bauern ein paar ein Meter lange, frische Baumstämme. Der Durchmesser ist egal.
2. Mit einer Bohrmaschine Löcher in den Baumstamm vom gleichen Durchmesser wie die Dübel bohren. In den unteren 20 Zentimeter des Stamms keine Löcher bohren (dieser Teil kommt in die Erde).
3. Die Dübel, die inzwischen vom Pilzmyzel durchwachsen sind, mit einem Hammer in die Löcher schlagen. Pro Baumstamm habe ich 40 Dübel verwendet.
4. Den Stamm an einem schattigen Ort im Garten etwa 20 bis 30 Zentimeter tief in die Erde eingraben. Bei warmem Wetter gelegentlich etwas mit Wasser übergiessen.
5. Sobald das Myzel den gesamten Stamm durchwachsen hat, spriessen die Fruchtkörper aus dem Holz hervor. Ein dicker Buchenstamm sorgt so mehrere Jahre lang für eine gute Pilzernte.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Der Vampir-Pilz

Mehltau auf der Zierdistel. Wie ein Vampir saugt er das
Blatt aus.
Eine nasse Badezimmerwand, ein feuchtwarmes Schuhklima und ein Stück Holz auf dem Waldboden haben eines gemeinsam: sie fördern das Pilzwachstum. Diese Lebewesen lieben die Feuchtigkeit. Kein Wunder wachsen viele Pilze bevorzugt unter der Erde, denn dort trocknen sie garantiert nie aus.
Aber es gibt auch die anderen. Pilze, die sich in aller Öffentlichkeit zeigen, und selbst unter der brennenden Sonne hervorragend gedeihen. Zu diesen Sonderlingen gehört der Mehltau. Er liebt das warme, trockene Wetter, das es diesen Frühling ohne Ende gab. Das Resultat ist nun auf einigen meiner Gartenpflanzen sichtbar. Meine Zierdisteln hat es besonders schwer getroffen. Ihre Blätter sind vom Pilzbewuchs schneeweiss.
Die benachbarte Kugeldistel braucht sich
vor einer Infektion nicht zu fürchten.
Jede Mehltauart geht nur auf eine
bestimmte Pflanzenart.
Der Mehltau verdankt sein üppiges Wachstum in der Frühlingshitze einem Trick. Denn auch er liebt im Grunde seines Wesens die Feuchtigkeit. Doch statt sich selbst zu ihr zu begeben, lässt er sie zu sich kommen. Wenn eine seiner Sporen auf das Blatt einer Pflanze fällt, beginnt ein kleiner Schlauch aus ihr herauszuwachsen. Berührt seine Spitze die Blattzellen, bildet sie eine Art Saugnapf aus, der sich fest mit der Oberfläche verbindet.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Wasser noch in weiter Ferne. Die Oberflächen von Blättern sind meist mit einer dünnen Wachsschicht überzogen. Da bleibt kein Tropfen Feuchtigkeit hängen. Aber unter der Wachsschicht im Innern der Blattzellen, gibt es Feuchtigkeit in Hülle und Fülle. Dorthin will der Pilz.
Dazu treibt er unter dem Saugnapf eine Art Bohrer aus, mit dem er sich nun langsam einen Weg in das Innere der Blattzellen bahnt. Das ist nicht einfach. Pflanzen haben viele Strategien zur Abwehr von solchen Attacken entwickelt. Sie produzieren zum Beispiel Chemikalien, um Pilze unschädlich zu machen. Diese Mittel sind so effektiv, dass in der Tat viele Pilze keine Chance haben, in das Innere einer Pflanze vorzudringen. Doch beim Mehltau ist das anders.
Von ihm gibt es einige Hundert Arten und die meisten davon haben sich auf eine einzige Pflanzenart spezialisiert. Das heisst, sie haben die letzten paar Millionen Jahre damit verbracht, die Verteidigungsstrategien ihrer Zielpflanze zu umgehen. Darum muss ich mir keine Sorgen machen, dass der Mehltau auf meine Tomaten überspringt. Seine Tricks funktionieren nur bei der Zierdistel.
Wenn der Bohrer erst einmal in der Blattzelle angelangt ist, hat der Pilz gewonnen. Fortan entzieht er der Pflanze die Nährstoffe und Feuchtigkeit, die er zum Leben braucht. Wie ein Vampir saugt er die Blätter aus. Viele Nutzpflanzen wie Weizen oder Weinreben (sie haben ihre eigenen Mehltauarten) vertragen das nicht und sterben ab, oder werfen zumindest ihr Laub ab.
Aber Mehltau ist nicht nur ein Schädling. Der Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer ernährt sich ausschliesslich von ihm. Darum lasse ich meine verpilzten Disteln stehen – als Nahrungsquelle für die kleinen Insekten.

Dienstag, 24. Mai 2011

Babuschka Ökologie

Die grossen rechteckigen Gebilde sind Graszellen. In der
Bildmitte befinden sich zwei Spaghettis. Das sind die
Endophyten.
Babuschkas sind die wunderschönen russischen Holzpuppen, die innen hohl sind. Wenn man eine öffnet, kommt eine etwas kleinere Holzpuppe zum Vorschein und wenn man diese auch öffnet, eine noch kleinere. So geht das weiter bis am Ende neun Puppen vor einem stehen. Mit den Lebewesen meines Gartens ist das ganz ähnlich. Denn sie existieren nicht nur nebeneinander, sondern auch ineinander.
Das beste Beispiel dafür sind die so genannten «Endophyten». Dieser aus dem Griechischen stammende Fachbegriff bedeutet «in der Pflanze». Ein seltsamer Name für eine Art. Aber er ist sehr zutreffend. Endophyten sind Pilze, die zwischen den Gewebezellen von Pflanzen leben.
Von einem Pilz befallen zu sein, ist für uns Menschen keine angenehme Vorstellung. Doch Pflanzen sind sehr froh um die Gesellschaft. Zwar verzehren ihre Untermieter einen Teil ihrer Zuckerproduktion, aber sie tun das nicht ohne zu bezahlen. Als Gegenleistung für Nahrung und Obdach stellen die Endophyten eine Reihe von Chemikalien her, die sie fortan dem Zuckersaft beimischen. Vor allem die Fressfeinde der Pflanze haben keine Freude daran. Denn die Chemikalien sind giftig und verderben beispielsweise Blattläusen den Appetit.
Die Endophyten befallen auch die Samen des Grases. So
schaffen sie den Sprung auf die nächste Generation. Die roten
Gebilde sind Stärkekörner, die im Grassamen eingelagert sind.
Die Spaghettis in der Mitte sind die Endophyten.
Wenn die kleinen Insekten den vergifteten Saft saugen, gebären sie weniger Nachkommen, leben weniger lang und wachsen langsamer. Der Vertrag mit dem Pilz geht auf. Denn statt seinen Zuckersaft unkontrolliert an die Blattläuse zu verlieren, gibt es einen Bruchteil davon an seinen Partner ab, der im Gegenzug dafür sorgt, dass die lästigen Schädlinge nicht Überhand nehmen.
In manchen Gräsern produzieren die Endophyten gar so starke Gifte, dass sie sogar Schafe töten können, die auf einer befallenen Wiese weiden. Die Pilze sind in der Tat eine sehr effektive Verteidigung. Interessant ist, dass die meisten Pflanzenarten der Welt solche strategischen Partnerschaften eingehen. Offenbar ist es effizienter, wenn sie ihre chemischen Waffen «einkaufen» anstatt sie selber herzustellen.

Montag, 14. März 2011

Stahlbetonverdauer

Ein Baumstumpf, den wir kürzlich
abgesagt haben. Die Verdauungs-
tätigkeit der Pilze hat schon zwei
Drittel des Stammes zerfressen.
Stahlbeton. Das ist der Stoff, aus dem die Träume jedes Architekten sind. Dank ihm haben sich unsere Gebäude vom Boden verabschiedet und sind in unvorstellbare Höhen gewachsen. Eine ähnliche Revolution gab es einst bei den Pflanzen. Dank der Erfindung des Holzes waren Bäume von mehreren Metern Höhe überhaupt erst möglich. Ein Hauptbestandteil von Holz ist das so genannte «Lignin». Diese Substanz besitzt einen hohen Kohlestoffgehalt und eine hohe Dichte. Es umgibt jede einzelne Zelle wie ein Gehäuse aus Beton und bewahrt sie so davor, unter den vielen Tonnen Gewicht eines Baumes zu kollabieren.
Jetzt ist klar, warum wir Menschen uns nicht von Holz ernähren. Es wäre dank des Lignins zwar sehr energiereich, aber zugleich ist es für unseren Magen komplett unverdaulich. Es gibt jedoch viele Lebewesen, die kein Problem damit haben. Pilze waren wohl die ersten, die dem Lignin mit Erfolg zu Leibe rückten. Dazu benötigen sie weder gute Zähne noch einen mit Säure gefüllten Magen.
Stattdessen vertrauen sie ganz auf die Kraft der Laccasen, das sind Enzyme, die das Lignin zersetzen. Die Pilze geben es einfach in die Umgebung ab und warten, bis es seine Arbeit getan hat. Danach machen sie sich über das nicht mehr ganz so harte Holz her.  
Die vom Kräuterseitling durchwachsenen Reiskörner...
Laccasen sind so mächtige chemische Verbindungen, dass die Forschung nun daran arbeitet, sie für die Papierindustrie oder die Abwasseraufbereitung nutzbar zu machen. Das ist allerdings nicht so einfach, denn bislang ist es nicht möglich, Laccasen in grossen Mengen herzustellen. Die Pilze gehen offenbar selber so haushälterisch mit dem Stoff um, dass sie sich nur schwer dazu bewegen lassen, mehr als nötig davon auszuscheiden.
... kommen in den Plasticsack mit den
abgekochten Holzdübeln.

Hier der zweite Teil der Anleitung zur Pilzzucht (erster Teil / dritter Teil):
1. Im Baumarkt eine Packung Hartholzdübel kaufen und in eine Schüssel mit Wasser geben. Über Nacht stehen lassen.
2. Die gewässerten Dübel in einer Pfanne eine halbe Stunde abkochen, damit fremde Pilzkeime abgetötet werden.
3. Dübel mit kaltem Wasser spülen und dann auf einem Tuch etwas abtrocknen lassen.
4. Je die Hälfte der Dübel in zwei Plasticsäcke füllen und ein paar der pilzüberwucherten Reiskörner dazugeben.
5. Die Öffnung der Plastiksäcke umschlagen (damit die Luft noch zirkulieren kann) und im Keller auf einem Gestell lagern. In den nächsten Wochen wird der Pilz die Dübel komplett überwuchern.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Tod im Backofen

Ohne Hefe, kein Brot. Trotzdem scheinen wir nicht viel
übrig zu haben für die kleinen Pilze.
In unserer Küche steht eine silbergraue Metallbox etwa von der Grösse einer Zigarrenkiste. Darin befindet sich alles, was man neben Eier, Butter und Mehl sonst noch zum Backen braucht: Rum-Aroma, Vanillin-Zucker, Backpulver, zwei Röhrchen mit Vanilleschoten, Zimtpulver und natürlich Trockenhefe. Bei letzterer bin ich kürzlich ins Grübeln gekommen, denn sie besteht nicht wie Zimtpulver aus totem Pflanzenmaterial, sondern aus lebenden Pilzen.
Allerdings sind sie in einer Art Tiefschlaf. In einem technischen Verfahren wurden Millionen von ihnen zu kleinen Würstchen gepresst, getrocknet und dann in Briefchen zu sieben Gramm abgefüllt. Wenn man es schüttelt, tönt es nach Plastic oder Salz. Aber da drin ist geballtes Leben. Die Inhaltsangabe auf der Rückseite bestätigt es: «Zutaten: Trockenhefe Saccharomyces cerevisiae».
Nie ist mir in meinen eigenen vier Wänden ein Lebewesen begegnet, das der Mensch so vollkommen für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Ich meine, die Rosen in meiner Rabatte sind alles andere als pflegeleicht. Die muss man mit der richtigen Menge Dünger gütig stimmen, muss ihnen den Boden lockern, ihre empfindlichen Zweige mit Pflanzenschnur umgarnen, nur damit sie nach langen Monaten erblühen und wir sie endlich so haben, wie wir sie wollen.
Aber Trockenhefe reisst man einfach auf, schüttet sie ins Mehl, fügt Wasser hinzu und das war’s. Da muss ich nicht erst Unkraut jäten gehen, bis ich Schwielen an den Händen habe, damit etwas läuft. Nein – an der Hefe hat die Menschheit ein Exempel statuiert. Es ist die vollkommene Unterwerfung einer Art, die perfekte Planung jedes Atemzugs eines Lebewesens, die Hausfrauentauglichmachung eines Stücks Biodiversität.
Das Schlimmste dabei ist, wie respektlos wir die Hefe behandeln. Die kleinen Pilze lieben Zucker. Aber wir wissen nichts Besseres zu tun, als sie in eine Schüssel voller Weizenstärke (Mehl) zu werfen. Wie sie das nerven muss! Statt gleich mit Fressen beginnen zu können, müssen sie die Stärke erst mühsam mit Hilfe von Enzymen in Zucker aufbrechen.
Den Zucker verdauen sie und scheiden als Abfallprodukte Alkohol und Kohlendioxid aus (dasselbe passiert auch beim Bierbrauen). Das Gas – man könnte sagen die Fürze der Hefe – machen den Teig schön luftig und locker. Und unser ganzer Dank besteht darin, dass wir das Rad am Backofen auf 200 Grad drehen und die kleinen Helfer in den Massentod schicken.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Wir sind Pilz

Pilze lassen sich ganz einfach selber züchten.
So geht's:
1. Reis oder Getreidekörner 10 min kochen, auf Tuch
etwas abtrocknen und in ein Konfitüreglas geben.
2. Deckel drauf und im Backofen bei 80 Grad Celsius
eine halbe Stunde sterilisieren.
 3. Von einem Pleurot (z.B. Kräuterseitling) aus dem
Supermarkt mit einem sauberen Messer ein Stück aus
dem Innern herausschneiden und ins Glas werfen.
3. Deckel lose drauf und in eine Ecke im Büro stellen.
(zweiter Teil / dritter Teil)
Pilze – das sind die unsichtbaren Lebewesen, die sich immer dann sichtbar machen, wenn etwas zu feucht oder zu alt ist. Meistens muss man das Ding mit Pilzbefall wegwerfen, mit Fungizid behandeln oder dem Arzt zeigen, damit er ein Medikament dagegen verschreiben kann. Es stimmt schon; weltweit gibt es etwa 1,5 Millionen Pilzarten und die meisten davon kriegen wir so gut wie nie zu Gesicht, weil sie als feines Geflecht unter der Erde, in einem Möbelstück oder auf unserer Haut leben. Aber ein Prozent von ihnen – das sind immerhin 14 000 Arten – produziert einen grossen, schönen Fruchtkörper.
Das ist ihre genussvolle Seite. Wir kennen sie alle: Austernpilz, Champignon Steinpilz, Trüffel. Sie schmecken uns Menschen sogar so gut, dass wir sie nicht nur in den Wäldern einsammeln gehen, sondern auf grossen Farmen anbauen. Das ist gut so, denn wenn der weltweite Hunger nach ihnen nur durch die wildlebenden Arten gedeckt werden müsste, gäbe es schon längst keine Pilze mehr.
1961 wurden global rund dreihunderttausend Tonnen Speisepilze angebaut. Das machte damals pro Erdenbürger hundert Gramm pro Jahr. 2007 hatte sich die Produktion verzehnfacht. Pro Kopf – inzwischen ist auch die Weltbevölkerung gewachsen – macht das bereits rund vierhundert Gramm Pilze pro Jahr. Offenbar scheinen wir in den letzten fünfzig Jahren unsere Vorurteile gegenüber diesen Lebewesen etwas abgebaut zu haben; unserem Gaumen sei Dank.
Der grösste Produzent ist übrigens China. Auf sein Konto geht die Hälfte der weltweiten Produktion. Die Schweiz folgt hinter Deutschland, Australien und Vietnam auf Platz 26. Hierzulande bringen wir pro Jahr nur siebentausend Tonnen zustande. Das tönt nach wenig, ist aber pro Kopf fast ein Kilo. Die Schweizer sind eben echte Pilzesser.

Freitag, 12. November 2010

Pflanzen-AIDS

Von der Unterseite der Himbeerblätter regnet es
schwarze Pilzsporen. Sie gehören zum Himbeerrost,
einem Pilz, der sich von den Blättern ernährt.
Eine Pflanze könnte theoretisch ewig leben, denn sie besitzt eine besondere Art von Zellen, die Stammzellen. Diese altern nicht und produzieren in nie endender Folge Blätter, Blüten, Äste und Wurzeln. Und trotzdem bleibt ihr das ewige Leben verwehrt. Denn sie hat mächtige Gegenspieler, die nur eines im Sinn haben: sie zu fressen. Wir kennen sie alle unter dem harmlosen Begriff «Pilze». Doch diese Lebewesen, die weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren gehören, sind mörderische Zeitgenossen.
Sie besitzen einen unersättlichen Appetit auf Zellulose, der Grundbaustoff, aus dem alle Pflanzen bestehen. Zellulose ist aus Zucker aufgebaut und genau hinter dem sind die Pilze her. Für sie ist eine Tanne oder ein Himbeerstrauch nichts weiter als ein grosser Kraftriegel. Die meisten Pflanzen haben kein Problem mit dieser Tatsache, weil sie eine breite Palette von Verteidigungen entwickelt haben. Dazu gehört zum Beispiel das Harz, das wie ein Fungizid wirkt, oder eine dicke Rinde, welche die Pilze daran hindert, einzudringen. Sind Eibe und Holunder also doch unsterblich? Nein.
Eine kürzlich publizierte Studie* aus England zeigt, dass die Mühe mit den Abwehrmechanismen umsonst ist. Die Forscher fanden heraus, dass die meisten gesunden Bäume bereits mit einer Vielzahl von tödlichen Pilzen infiziert sind. Diese richten keinen Schaden an, solange der Baum gesund bleibt. Doch das ändert sich schlagartig, sobald er einen Ast verliert, sich verletzt oder an Wassermangel leidet. Dann schlagen die Pilze in seinem Innern zu. Dieser an AIDS erinnernde Krankheitsverlauf stellt die Forschung vor ein Rätsel. Denn bislang dachte man, die Pilze würden erst dann in einen Baum eindringen, wenn er bereits alt und schwach ist. Wie es die Pilze schaffen, die Verteidigung gesunder Bäume zu überwinden, weiss heute noch niemand. Und so schlummert vielleicht schon in vielen Pflanzen meines Gartens der Tod und wartet nur darauf, dass er dem vermeintlich ewigen Leben ein Ende setzen kann.

*Parfitt D, et al., Do all trees carry the seeds of their own destruction? PCR reveals numerous wood decay fungi latently present in sapwood of a wide range of angiosperm trees, Fungal Ecology (2010)

Montag, 11. Oktober 2010

Die Spitze des Pilzberges

Die meisten Pilze des Gartens kommen
gar nie an die Oberfläche. Stattdessen
verbringen sie ihr ganzen Leben in der
Dunkelheit des Bodens.
Der Herbst hat ein Meer aus Pilzen in den Wald gezaubert und ich muss aufpassen, wo ich auf meinem Spaziergang hintrete. Anders sieht es in meinem Garten aus. Dort sind die Pilze ziemlich dünn gesät. Das heisst, es gibt genau eine kleine Gruppe, die etwa die Fläche eines Bierdeckels einnimmt. Warum dieser frappante Unterschied?
Vielleicht liegt es einfach an unserer Wahrnehmung. Denn was wir gemeinhin als «Pilz» bezeichnen, ist ja genau genommen nur der Fruchtkörper von ihm. Dieser oberirdische Teil ist eine Startrampe für die Sporen, die aus den Lammellen auf der Unterseite der Pilzhüte fallen und so vom nächsten Luftzug erfasst werden. Diese Methode wird jedoch nicht von allen Pilzen verwendet. Vor allem solche, die im Grasland vorkommen, bilden gar nie einen oberirdischen Fruchtkörper. Stattdessen verbringen sie die ganze Zeit ihres Lebens in der Verborgenheit des Bodens.
Das heisst jedoch nicht, dass es in einer Wiese weniger Pilze gibt als im Wald. Nein, das wäre undenkbar. Denn Klee, Gräser und Kräuter sind auf ihre Hilfe angewiesen. Sie sind geradezu überlebenswichtig. Die Pilze durchdringen nämlich mit ihren feinen Fäden den Boden und entziehen ihm feinste Spuren von Nährstoffen, wie zum Beispiel Phosphor. Diesen geben sie an die Wurzeln der Wiesenpflanzen ab. Die Pflanzenwurzeln selbst sind nicht im Stande, sich die Nährstoffe zu beschaffen, weil sie zu dick sind. Nur das mikrofeine Geflecht der Pilze kann das. Auf diese Weise wird es zum geheimen Motor des Graslandes – und des Rasens in meinem Garten.
Die Pflanzen bezahlen den wertvollen Service mit Zucker, den sie während der Photosynthese herstellen. Pilze lieben Zucker und sie sind den Pflanzen dankbar, dass sie dieses für beiden Seiten vorteilhafte Tauschgeschäft eingehen können.
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