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Donnerstag, 10. September 2015

Kiwi-Hochzeit mit Komplikationen


Die Kiwis auf dem Weg zur
Spitze der Tanne.
Meine Euphorie war riesig, als ich vor fünf Jahren zwei Kiwi-Pflanzen im Gartencenter kaufte. Ich stellte mir eine reiche Ernte mit süssen Früchten vor, von denen ich noch bis in die Wintermonate hinein zehren würde. Damals wusste ich noch nichts über Kiwis. Ausser, dass es männliche und weibliche Pflanzen gab. Wer ernten wollte, musste also immer beide in den Garten setzen.
Kein Problem. Zwei dicke Pfosten in zwei Meter Abstand und einen Spanndraht dazwischen – fertig war das Liebesnest für meine Kiwis. Dann begann das lange Warten. Langsam streckten sie über die Wochen und Monate ihre tentakelartigen Äste in alle Richtungen aus. Männchen und Weibchen stellten den ersten Kontakt her. Bald waren ihre Äste eng miteinander umschlungen.
Innerlich jauchzend sah ich dem Liebesspiel der beiden zu. Der Sommer kam und ging. Die Kiwis umschlangen sich immer inniger, aber sie vollzogen nie den entscheidenden Schritt, der für die Produktion von Früchten unabdingbar ist: das Blühen.
Der Herbst kam und die Blätter begannen zu welken. Mit der Ernte wurde es wohl nichts mehr. In der kommenden Saison würde es sicher besser laufen, dachte ich. Als der Frühling kam, streckten Männchen und Weibchen erneut ihre Äste aus.
Inzwischen waren die beiden Pflanzen richtiggehend miteinander verfilzt. Es war schwierig zu unterscheiden, welcher Ast zu wem gehörte. Bei so viel inniger Zuneigung musste sich der Nachwuchs doch irgendwann mal einstellen? Aber nein. Weder das Männchen noch das Weibchen brachte Blüten hervor.
Der Stamm ist die ideale Kletterhilfe.
Im dritten fruchtlosen Jahr dämmerte es mir langsam. Die brauchten mehr Sonne. Die Produktion von Blüten und Früchten ist äusserst anstrengend für Pflanzen. Die Energie dafür nehmen sie vom Zucker, den sie während der Photosynthese produzieren. Das geht jedoch nur, wenn genügend Licht vorhanden ist.
Das Liebesnest lag jedoch ausgerechnet im Schatten des alten Birnbaums. Hier kam die Sonne erst am Nachmittag hin. Sollte ich die Pflanzen ausgraben und an einem besseren Ort neu einpflanzen? Nein, zu viel Aufwand. Die Wurzeln hatten sich inzwischen sicher schon bis Neuseeland durchgegraben. Die hätte ich nie aus der Erde gekriegt. 
Ich überliess das Problem den Kiwis. Sollten sie doch selber schauen, wie sie zu ihrem Licht kamen. Fairerweise habe ich ihnen eine kleine Hilfestellung gegeben und spannte ein Seil zwischen die Kiwis und den Birnbaum, in der Hoffnung, dass sie auf ihm ans Licht klettern mochten.
Das Seil war drei Meter lang. Zuerst sah es gut aus. Sowohl Männchen als auch Weibchen freuten sich über das neue Turngerät und kletterten den ersten Meter eifrig drauf los. Aber dann war plötzlich Schluss. Sie machten keinen Zentimeter mehr auf den Birnbaum zu. Offenbar ging es ihnen nicht schnell genug.
Das Problem war, dass der Weg durch den Schatten des Baumes führte. Und in die Dunkelheit geht keine Pflanze freiwillig. Stattdessen wählen sie stets den direkten Weg zum Licht. So machten es die Kiwis auch. Sie steckten fortan all ihre Energie in die senkrecht nach oben wachsenden Äste. Aber dort gab es keinen Halt für sie. Als die Äste länger wurden, beugten sie sich unter ihrem eigenen Gewicht in alle Richtungen. Bald sahen die beiden Kiwis aus wie der Schlangen-Kopf von Medusa.
Zu Blüten und Früchten führte das immer noch nicht. Alles änderte sich aber als das Männchen mit einem seiner ausufernden Triebe zufällig den Ast eines benachbarten Tannenbaums erwischte. Auf diese Chance hatte es gewartet und begann sogleich, sich am Baum hoch zu hangeln.
Im Herbst befand es sich bereits fünf Meter über Boden. Auf jedem Dezimeter, den es zurücklegte, legte es Seitentriebe an und die begannen ihrerseits die Äste der Tanne zu überwuchern. In der Folge entstand eine Art Kiwi-Baum. Die Nadeln der Tanne verschwanden gänzlich unter den grossen runden Blättern.
Im Frühling dieses Jahres ging es so weiter. Das Männchen umschlang den Hauptstamm der Tanne wie ein Riesenkrake den Grossmast eines Segelschiffs. Je höher es kam, desto mehr Sonne kriegten seine Blätter. Endlich konnte es den für sein Liebesspiel dringend benötigten Zucker produzieren.
Das Resultat davon entdeckte ich diesen Mai. Die ersten männlichen Blütenknospen hingen wie kleine Glöckchen den Ästen. Die Klettertour hatte sich gelohnt. Doch um Nachkommen zu zeugen, braucht es zwei. Leider war das Weibchen während der ganzen Jahre nicht so zielstrebig bei der Sache wie das Männchen. Sein Motto lautet vielmehr «abwarten». Es benimmt sich geradezu wie eine Hofdame, welche den edlen Ritter den Weg bereiten lässt, bevor sie selbst endlich einen Wank macht. 
Erst in diesem Jahr hat die Kiwi-Dame damit begonnen, ihrem Liebsten in die Höhe zu folgen. Dazu umschlängelt sie mit ihren Trieben den dicken Spross des Männchens und folgt ihm die Tanne hinauf. Kein Wunder gibt es bei diesem zaghaften Vorgehen keine weiblichen Blütenknospen und damit erneut keine Früchte.
Mein Plan: Ich opfere die Tanne und lasse meine Kiwis im nächsten Jahr hoch oben auf ihrer Spitze Hochzeit feiern. Nach geschlagenen acht Jahren wird dann mein Traum von der reichen Ernte dann endlich wahr.
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