Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.
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Donnerstag, 14. Juni 2012

Geruchlose Schönheit

Die Blüte der Strelizie ist für Vögel gebaut. Sie bietet ihnen
sogar eine Sitzgelegenheit.
Nach fünf Jahren blüht meine Strelizie endlich. Sie benötigte für die Entwicklung ihrer beiden Blüten fast ein Jahr. Das liegt wohl an den nicht so mediterranen Temperaturen des Zürcher Oberlandes. «Blüte» ist wohl nicht der geeignete Ausdruck. Was sich da entfaltet hat, gleicht mehr einem phantasievollen Plastik aus der Werkstätte eines Kunststudenten. Da vermischen sich Rot- und Blautöne miteinander als hätte jemand Gletschereis in einen Bottich mit flüssigem Eisen fallen lassen.
Doch der Schein trügt. Die Strelizie hatte nicht Kunst im Sinn als sie ihre Blüten über Jahrmillionen in diese eigentümliche Form brachte, sondern Sex. Als Liebesboten hat die Südländerin anders als die meisten mitteleuropäischen Pflanzen keine Insekten angestellt, sondern Vögel. Die sind in vielerlei Hinsicht verlässlicher als Hummeln oder Bienen, denn sie verrichten ihre Arbeit auch bei Regenwetter oder Kälte.
Damit jedoch eine Blüte überhaupt von einem Vogel besucht werden kann, muss sie einige Modifikationen vornehmen. Da gibt es zum Beispiel das Problem der Stabilität. Vögel sind mehrere hundert Gramm schwer. Wenn so ein Brummer landet, darf der Blütenstängel nicht gleich einknicken. Diese Gefahr besteht bei der Strelizie nicht. Ihre Blüte ruht auf einem dicken und zugleich flexiblen Stängel, der am oberen Ende einen nahezu rechten Winkel vollführt – ein idealer Landeplatz für einen Vogel.
Damit sich ausschliesslich Vögel und keine Insekten an ihrem Nektar gütlich tun, kleidet sie sich bevorzugt in rote Farben ein. Vögel sehen Farben im Wellenlängenbereich von 300 bis 660 Nanometer also von blau bis rot. Das Spektrum der Bienen hingegen reicht nur bis 550 Nanometer (gelblich-grün). Mit roten oder orangen Petalblättern lockt die Sterlizie also ausschliesslich Vögel an, nicht aber Insekten, die ihr den Nektar stibitzen könnten, ohne dafür Pollen zu übertragen.
Es gibt eine Sache, die eine vogelbestäubte Blüte nicht braucht: Duft. Vögel haben äusserst schlechte Nasen. Das heisst, jegliche Form von Parfüm ist vergebliche Liebesmühe. Die Strelizie weiss das, denn sie riecht nach absolut nichts.

Samstag, 26. Februar 2011

Die zweite Haut

Wo kein Gras wächst, da bedeckt Moos
meinen Garten.
Unser Rasen hat seit 50 Jahren keinen Krümel Dünger erhalten. Schlimmer noch, durch das regelmässige Rasenmähen entziehe ich dem Boden ständig Nährstoffe und lasse ihn so Phosphor, Kali und Stickstoff bluten. Die Gräser finden das nicht so toll und haben sich daher auf die wirklich sonnigen Abschnitte beschränkt. Dort sind sie noch Herrscher über den Garten. Aber wo die Bedingungen auch nur ein wenig düsterer sind, da siechen sie dahin.
Das ist gefährlich, denn wo die Pflanzendecke fehlt, ist der Boden ungeschützt der Erosion durch Wasser und Wind ausgeliefert. Schliesslich bildet sich eine karge Wüste und ich muss meine Würstchen im Sommer zwischen Sanddünen grillieren.
Zum Glück hat die Natur längst vorgesorgt. Überall dort, wo Wasser, Nährstoffe oder Licht nur ungenügend vorhanden sind, überzieht eine Ersatzhaut den kargen Boden. Sie besteht aus ganz einfachen Pflanzen, die schon vor den Dinosauriern die Erde mit Leben erfüllten. Es sind die Algen, die Flechten und die Moose. Sie bilden eine Art Selbstschutz für den Boden, der immer dann zu spriessen beginnt, wenn sich die höher entwickelte Vegetation wie Gänseblümchen oder Klee aus irgendeinem Grund verabschiedet.
So sorgt die Natur dafür, dass die wertvollste Ressource der Welt – der Boden – immer vor Erosion geschützt ist. Moose, Algen und Flechten halten die losen Erdkrümel zusammen, speichern Wasser und bilden ein Mikro-Ökosystem, in dem sich winzige Tiere wie Springschwänze, Milben und Pseudoskorpione tummeln.
Biologen nennen diese zweite Haut der Erde «biologische Kruste». Sie bedeckt rund ein Drittel der globalen Landmasse. Man findet sie in den Polregionen, in Wüsten, im Hochgebirge oder in ungedüngten Gärten gleich hinter dem Haus.
Für die Menschen sind Krusten noch aus zwei weiteren Gründen von Bedeutung. Erstens sind sie hervorragende Schuhabtreter, die sich immer wieder selbst reinigen. Und zweitens binden sie einen Teil unseres jährlichen CO2-Ausstosses und lagern ihn als Kohlenstoff im Boden ein. Auf diese Weise wirken sie der Klimaerwärmung entgegen.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Tod im Backofen

Ohne Hefe, kein Brot. Trotzdem scheinen wir nicht viel
übrig zu haben für die kleinen Pilze.
In unserer Küche steht eine silbergraue Metallbox etwa von der Grösse einer Zigarrenkiste. Darin befindet sich alles, was man neben Eier, Butter und Mehl sonst noch zum Backen braucht: Rum-Aroma, Vanillin-Zucker, Backpulver, zwei Röhrchen mit Vanilleschoten, Zimtpulver und natürlich Trockenhefe. Bei letzterer bin ich kürzlich ins Grübeln gekommen, denn sie besteht nicht wie Zimtpulver aus totem Pflanzenmaterial, sondern aus lebenden Pilzen.
Allerdings sind sie in einer Art Tiefschlaf. In einem technischen Verfahren wurden Millionen von ihnen zu kleinen Würstchen gepresst, getrocknet und dann in Briefchen zu sieben Gramm abgefüllt. Wenn man es schüttelt, tönt es nach Plastic oder Salz. Aber da drin ist geballtes Leben. Die Inhaltsangabe auf der Rückseite bestätigt es: «Zutaten: Trockenhefe Saccharomyces cerevisiae».
Nie ist mir in meinen eigenen vier Wänden ein Lebewesen begegnet, das der Mensch so vollkommen für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Ich meine, die Rosen in meiner Rabatte sind alles andere als pflegeleicht. Die muss man mit der richtigen Menge Dünger gütig stimmen, muss ihnen den Boden lockern, ihre empfindlichen Zweige mit Pflanzenschnur umgarnen, nur damit sie nach langen Monaten erblühen und wir sie endlich so haben, wie wir sie wollen.
Aber Trockenhefe reisst man einfach auf, schüttet sie ins Mehl, fügt Wasser hinzu und das war’s. Da muss ich nicht erst Unkraut jäten gehen, bis ich Schwielen an den Händen habe, damit etwas läuft. Nein – an der Hefe hat die Menschheit ein Exempel statuiert. Es ist die vollkommene Unterwerfung einer Art, die perfekte Planung jedes Atemzugs eines Lebewesens, die Hausfrauentauglichmachung eines Stücks Biodiversität.
Das Schlimmste dabei ist, wie respektlos wir die Hefe behandeln. Die kleinen Pilze lieben Zucker. Aber wir wissen nichts Besseres zu tun, als sie in eine Schüssel voller Weizenstärke (Mehl) zu werfen. Wie sie das nerven muss! Statt gleich mit Fressen beginnen zu können, müssen sie die Stärke erst mühsam mit Hilfe von Enzymen in Zucker aufbrechen.
Den Zucker verdauen sie und scheiden als Abfallprodukte Alkohol und Kohlendioxid aus (dasselbe passiert auch beim Bierbrauen). Das Gas – man könnte sagen die Fürze der Hefe – machen den Teig schön luftig und locker. Und unser ganzer Dank besteht darin, dass wir das Rad am Backofen auf 200 Grad drehen und die kleinen Helfer in den Massentod schicken.

Montag, 11. Oktober 2010

Die Spitze des Pilzberges

Die meisten Pilze des Gartens kommen
gar nie an die Oberfläche. Stattdessen
verbringen sie ihr ganzen Leben in der
Dunkelheit des Bodens.
Der Herbst hat ein Meer aus Pilzen in den Wald gezaubert und ich muss aufpassen, wo ich auf meinem Spaziergang hintrete. Anders sieht es in meinem Garten aus. Dort sind die Pilze ziemlich dünn gesät. Das heisst, es gibt genau eine kleine Gruppe, die etwa die Fläche eines Bierdeckels einnimmt. Warum dieser frappante Unterschied?
Vielleicht liegt es einfach an unserer Wahrnehmung. Denn was wir gemeinhin als «Pilz» bezeichnen, ist ja genau genommen nur der Fruchtkörper von ihm. Dieser oberirdische Teil ist eine Startrampe für die Sporen, die aus den Lammellen auf der Unterseite der Pilzhüte fallen und so vom nächsten Luftzug erfasst werden. Diese Methode wird jedoch nicht von allen Pilzen verwendet. Vor allem solche, die im Grasland vorkommen, bilden gar nie einen oberirdischen Fruchtkörper. Stattdessen verbringen sie die ganze Zeit ihres Lebens in der Verborgenheit des Bodens.
Das heisst jedoch nicht, dass es in einer Wiese weniger Pilze gibt als im Wald. Nein, das wäre undenkbar. Denn Klee, Gräser und Kräuter sind auf ihre Hilfe angewiesen. Sie sind geradezu überlebenswichtig. Die Pilze durchdringen nämlich mit ihren feinen Fäden den Boden und entziehen ihm feinste Spuren von Nährstoffen, wie zum Beispiel Phosphor. Diesen geben sie an die Wurzeln der Wiesenpflanzen ab. Die Pflanzenwurzeln selbst sind nicht im Stande, sich die Nährstoffe zu beschaffen, weil sie zu dick sind. Nur das mikrofeine Geflecht der Pilze kann das. Auf diese Weise wird es zum geheimen Motor des Graslandes – und des Rasens in meinem Garten.
Die Pflanzen bezahlen den wertvollen Service mit Zucker, den sie während der Photosynthese herstellen. Pilze lieben Zucker und sie sind den Pflanzen dankbar, dass sie dieses für beiden Seiten vorteilhafte Tauschgeschäft eingehen können.

Montag, 20. September 2010

Die Duftwolke

Der Efeu blüht – ein letztes Aufbäumen
des Sommers.
Es ist Herbst. Das war’s. Das Leben im Garten erlischt. Stimmt nicht. Dieser Tage schwebt eine Wolke eines eigentümlichen Duftes über dem Sitzplatz. Es riecht nach süssem Schweiss und beim Einatmen kratzt es in der Nase. Ich muss nur nach oben schauen, um den Ursprung auszumachen. Da steht der alte Birnbaum, der vor Jahren seine letzte Birne abgeworfen hat. Er ist dick überwachsen mit Efeu. Und der Efeu blüht. Tausende von Blüten.
Dass ich es mit der Nase statt mit den Augen zuerst gesehen habe, hat einen einfachen Grund. Die Farbe der Blüte ist grün. Sie ist perfekt getarnt. Nur die mit Pollen behafteten Staubbeutel sind gelb. Den Insekten scheint der Mangel an Farbe nichts auszumachen. Was Flügel hat, feiert jetzt die letzte Schlemmerparty. Da gibt es Honigbienen, Fliegen, Schwebefliegen und Wespen. Offenbar riechen sie den Zuckersaft mit ihren Fühlern.
Der ganze Blütenboden ist mit Zuckersaft getränkt.
Diesen gibt der Efeu grosszügig her. Er sondert ihn über den ganzen Blütenboden ab. Dieser ist eigenartigerweise nach vorne gewölbt und ganz leicht zugänglich. Die Insekten brauchen nur noch zu landen und loszulecken. 

Montag, 13. September 2010

Die süsse Giftpille

Die rote Eibenbeere ist süss und
ungiftig. Ihr Inhalt, der Samen, jedoch
kann töten.
Bei Eibenbeeren sind sich die Vögel uneinig: sollen sie oder sollen sie nicht reinhauen? Die Zweifel haben sie mit gutem Grund. Denn die Eibe steckt voller Gift. Die Rinde, die Nadeln und die Samen enthalten Taxin, ein stark wirksames Nervengift. Eingenommen kann es im Extremfall innert weniger Minuten zum Herzstillstand führen. Motor aus, Vogel tot. Die Meisen und die Amseln müssen das irgendwie spüren oder vielleicht haben sie schlechte Erfahrungen mit dem Verzehr der Samen gemacht und meiden ihn darum.
Gut, Finger weg von den Samen also – aber die Vögel kommen trotzdem immer wieder an den Baum zurück und fressen sich voll. Warum? Weil der Baum seine Samen in rotes, zuckersüsses Fruchtfleisch verpackt. Es ist der einzige ungiftige Teil an der ganzen Pflanze und seine leuchtende Farbe schreit die Amseln geradezu an: «Iss mich!»
Ein hinterhältiges Angebot auf den ersten Blick, doch die Natur meint es gut mit den Vögeln. Sie hat ihnen einen der schnellsten Verdauungsapparate im Tierreich geschenkt. Was vorne rein kommt, wird innert weniger Stunden hinten wieder ausgeschieden. In dieser Zeit werden die Magensäfte gerade mal mit dem Zucker der Beeren fertig, aber nicht mit den harten Eibensamen. Dieser Umstand rettet den Vögeln das Leben. Wenn sie ihn unversehrt an einem anderen Ort wieder ausscheissen, sind sie ihn samt seinem Gift los.
Weibliche Eiben produzieren jedes Jahr
Tausende von Samen.
Also können sich die Amseln den Wanst getrost voll schlagen? Fast. Denn einen Haken hat die Sache. Wenn der Samen verletzt wird – und das kann bei einem grossen Bankett schon mal passieren – dann setzt er sein Gift frei. Deswegen frisst die schlaue Amsel nur die Beere und spuckt den Samen wieder aus. So wird die Eibe zwar um ihren verdienten Ausflug in eine andere Gegend betrogen, doch wenigstens spielt der Vogel dabei kein Russisches Roulette.

Dienstag, 10. August 2010

Recycling auf 14 Beinen

Asseln fressen sich durch meinen Komposthaufen und
machen aus Pflanzen wieder Humus.
Pflanzen machen viel Abfall. Sie bringen Blätter, Blüten und Früchte hervor, stellen sie ein paar Wochen zur Schau und werfen dann die ganze Pracht zu Boden als sei sie nichts wert. Die Welt wäre schon längst unter einem Berg von Pflanzenabfällen begraben worden, wenn nicht ständig eine unermüdliche Armee dafür sorgen würde, dass jedes gefallene Blatt sogleich in seine Bestandteile zerlegt wird.
Das ist der Lebensinhalt der Asseln. Deswegen sind sie in meinem Komposthaufen besonders zahlreich. Dort fressen sie sich durch matschigen Salat, verschimmelte Zitronenschalen und Aststückchen. Mit ihrem Darm brechen sie das Pflanzenmaterial auf und entnehmen ihm die Nährstoffe, die sie zum Überleben benötigen. Den Rest scheiden sie wieder aus. Weil sie aber eine ziemlich schlechte Verdauung haben, ist das, was hinten raus kommt, immer noch sehr nahrhaft. Darum fressen sie ihren Kot gleich mehrmals, um bloss nichts zu verschwenden. So entsteht am Ende das, was Pflanzen am meisten lieben: ein kleiner, düngerreicher Humuskrümel.

Montag, 2. August 2010

Der Biotreibstoff

Ein Löffel Konfitüre?! Das ist Gold wert im Tierreich.
Ohne Zucker würde alles Leben im Garten stillstehen. Er ist gewissermassen das Erdöl der Natur. Nur anders als das echte, komm er nicht aus der Tiefe, sondern von der Sonne und zwar in Form von Lichtstrahlen. Diese fallen auf die Blätter von Pflanzen und treiben mit ihrer Energie winzigen Maschinen an, die sich im Innern der Zellen befinden. Sie machen aus Wasser und Kohlendioxid Traubenzucker. Ein wunderbarer Stoff, den Pflanzen in jede beliebige Form bringen können. Dazu hängen sie die einzelnen Traubenzucker-Moleküle wie Lego aneinander. So entsteht Zellulose, ein Grundstoff, aus dem Stängel, Äste, Blätter und Blüten gebaut werden.
Holunderstrauch und Nussbaum sind also im Grunde nichts anderes als grosse Haufen aus festgebackenem Zucker. Ganz zum Leidwesen der Tiere. Denn die müssen Blätter, Stängel, Holz und Wurzeln in ihren Mägen mühsam verdauen und dabei die langen Legoketten, aus denen sie bestehen, wieder aufbrechen. Erst dann können sie die in ihnen gespeicherte Energie für den Betrieb ihres Körpers einsetzen.
Im Augenblick sind sie noch friedlich beisammen. Doch
im nächsten Moment geht der Streit um den Zuckerberg
wieder los.
Doch es gibt auch leichter verdauliche Kost. Nektar zum Beispiel ist Zucker in reiner Form. Den können Insekten direkt in Energie umwandeln. Kein Wunder also finden sich auf einer Blüte alle möglichen Besucher ein von den Honigbienen über die Wespen bis zu den Käfern. Sie alle wollen Treibstoff, sie alle wollen Zucker.
Wie begierig die Tiere danach sind, kann man mit einem Löffel voll Konfitüre testen. Als ich die süsse Verführung auf eine Steinplatte streiche, geht es keine zehn Sekunden bis eine Ameise heranrast und ihre Mandibeln in den klebrigen Berg taucht. Ein Traum ist wahr geworden: Zucker im Überfluss. Doch sie bleibt nicht lange allein damit. Bald darauf landet eine Fliege am Rande des Haufens und leckt, was das Zeug hält. Die Ameise ist vorerst zu beschäftigt, als dass sie sich mit dem neuen Nachbar streiten könnte. Doch ab und zu hebt sie ihren Kopf und rennt ein paar Schritte um ihren Schatz herum. Dabei verscheucht sie jedes Mal die Fliege von ihrem Platz. Diese nimmt es gelassen, surrt kurz in die Luft und landet dann auf der anderen Seite, um sich noch ein paar Portionen Zucker zu gönnen.

Freitag, 30. Juli 2010

Der Anti-Garten

Die Rückseite der Holzbeige.
Die Welt ist eine Fassade. Make-up umrahmt das hübsche Lächeln, überdeckt die Falten, die Gräben, die Löcher und Untiefen, damit wir nicht die nackte Wahrheit hinter der scheinbaren Schönheit erfahren, denn die ist vielleicht alles andere als schön – oder dann von einer Schönheit, die sich nicht so einfach geniessen lässt.
Mit den Gärten ist es genau gleich. Hier ein paar Malven, dort eine Reihe Sonnenblumen und da einige Nelken nett zurechtgemacht im Plastiktopf-Korsett. Der Rasen gemäht, die Holzbeige wasserdicht abgedeckt und die Steinplatten gefegt. So erstrahlt der Garten wie ein frisch geölter Schildkrötenpanzer; ein blendender Glanz, der uns die Schildkröte im Panzer drinnen vergessen lässt. Doch heute nicht. Heute durchbreche ich die Fassade. Heute klettere ich zur Abwechslung hinter die Holzbeige.
Sie steht dort neben dem Komposthaufen schon seit Jahren. Still, bescheiden, das Wetter geduldig aushaltend, wohl behütet unter einer grünen Plastikplane. Der Weg auf die andere Seite ist nicht einfach. Rechts versperrt mir die Japanische Zierkirsche den Zugang, links ein Gebüsch. Ich mache also einen grossen Bogen und kämpfe mich von hinten an die unschöne Seite der Holzbeige heran.
Die Welt, in die ich eintauche, ist dunkel und voller Schatten. Eine niedrig wachsende Eibe ist für die düstere Atmosphäre verantwortlich. Es ist still hier, nichts bewegt sich. Die Holzscheite sind feucht und mit einer bunten Parade von Pilzen bewachsen. Die sind ganz begierig nach dem Material, mit dem ich eigentlich im Herbst meinen Kamin heizen möchte.
Aus dem Moder spriesst ein Efeu-Keimling.
Der Boden ist mit einer dicken Schicht Laub bedeckt. Ein seltener Anblick in einem herausgeputzten Garten. Laub – der Innbegriff der Unordnung. Aber hier darf es noch vermodern und verrotten. Hierhin verirrt sich kein Rechen. In den faulenden Blättern sind Mikroben gerade dabei die Masse wieder in Nährstoffe für die Pflanzen umzuwandeln. Ein Prozess, ohne den wir keine Sekunde auf der Erde überleben würden.
Und da, aus dem Zerfall hervor, spriesst ein Efeu-Keimling. Er trotzt dem ewigen Schatten dieser Nische und tastet sich langsam aber stetig der Sonne entgegen, obwohl ihre Strahlen noch nie auf seine Blätter gefallen sind und ihm gezeigt haben, dass er sie tatsächlich braucht. Und so offenbaren sich im Moder hinter der Holzbeige die ewigen Prozesse, die einen Garten am Leben halten: Zerfall, Recycling und Wiedergeburt.

Donnerstag, 1. April 2010

Schneckenhaus-Forensik

Ein Trümmerhaufen von einem Schneckenhaus.
Der Täter lässt sich leicht überführen.
Alle Tiere und Pflanzen sind durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden. Es ist das Nahrungsnetz, welche das ganze Ökosystem zusammenhält. Es zeigt sich nur zu bestimmten Zeiten und entblösst sein Geheimnis nur an wenigen Orten des Gartens. Etwa am Futterhäuschen, wenn sich die Vögel um die Sonnenblumensamen streiten. Oder am Salat, wenn die Schnecken sich über ihn hermachen.
Es gibt auch indirekte Anzeichen für die Gegenwart des Nahrungsnetzes. Sie graben sich für kurze Zeit in die Landschaft ein, bevor sie für immer verschwinden. Leere Schneckenhäuser zum Beispiel. Es ist erstaunlich, wie viele im Augenblick auf meinem Rasen liegen. Ihr massenhaftes Auftreten hat sicher damit zu tun, dass das Gras noch sehr kurz ist und ich es bislang noch nicht für nötig gehalten habe, den Rasenmäher aus der Garage zu holen. Der häckselt nämlich sowohl leere als auch volle Schneckenhäuser bei jedem Einsatz klein.
Die Winterpause hat nun die regelmässige Rasur des Rasens unterbrochen. So konnten sich die Schneckenhäuser über einige Monate frei von Verlusten ansammeln, was erklärt, warum sie so zahlreich sind, jedoch nicht, woher sie kommen. Um das Rätsel zu lösen, bedarf es ein wenig Schneckenhaus-Forensik.
Bei näherem Betrachten lassen sich alle Häuschen in zwei Typen unterteilen: die ganzen und die zertrümmerten. Die letzteren sind dabei nicht einfach dem natürlichen Verwitterungsprozess zum Opfer gefallen, wie man vermuten könnte, sondern es macht den Anschein, als ob sie willkürlich kaputt gemacht wurden. Vor allem, weil die Bruchstücke makellos sind und oft noch ihren ursprünglichen Glanz besitzen. Nun, es gibt in der Tat ein Tier, das bekannt dafür ist, immerzu auf dem Boden rumzuhacken: die Amsel. Ein kurzer Blick auf ihren Speiseplan genügt, um sie als Täterin zu überführen. Sie hat eine besondere Vorliebe für Regenwürmer und Schnecken jeglicher Art.
Die dünne Schale eines Schneckenhauses stellt kein ernsthaftes Problem für sie dar. Ihr kräftiger Schnabel spaltet es entzwei wie eine Auster. Ein Festessen für die Amsel. Das Resultat liegt jetzt auf meinem ungemähten Rasen. Es gewährt mir einen flüchtigen Einblick in das Nahrungsnetz – die unsichtbare Struktur, die das Leben zusammenhält. Denn ohne Schnecken keine Amsel und ohne Amsel niemand, der die Schnecken an ihrer explosionsartigen Vermehrung hindert und daran, dass sie meinen Salat dem Erdboden gleich machen.
Und die Schneckenhäuser, die nicht zertrümmert wurden? Na ja, vielleicht sind die einfach an Altersschwäche gestorben. Das soll es im Tierreich ja auch geben.

Hier geht es zur Schneckenhaus-Diaschau

Samstag, 13. Februar 2010

Ehen mit Scheidungsrate null

An der Gartenmauer steht es geschrieben: Zu zweit
kommt man weiter als alleine.
Vor einigen Tagen nahmen wir am Geburtsvorbereitungskurs teil. Wir waren eines von zehn Pärchen. Mir kam andauernd die Statistik in den Sinn, wonach sich bis in einigen Jahren rund die Hälfte aller Paare trennen. Und das obwohl sie nunmehr einen guten Grund hätten, zusammenzubleiben. Doch der Mensch ist eben eine Spezies, die aus Individualisten besteht. Alles, was man zu zweit machen kann, lässt sich im 21. Jahrhundert auch alleine verwirklichen. Sogar das Kinderkriegen.
Doch in der Natur ist der Einzelkämpfer die Ausnahme. Denn damit die Artenvielfalt funktioniert, braucht es enge und verlässliche Beziehungen innerhalb von Arten und zwischen ihnen. Das eindrücklichste Beispiel dazu wächst an der Mauer neben meiner Einfahrt. Es sind die Flechten. Zugegeben, auf den ersten Blick sind sie etwas unscheinbar. Doch sie enthalten ein Geheimnis. Es ist die Anleitung, wie man eine halbe Milliarde Jahre lang auf dieser Welt überlebt.
Flechten gehörten zu den ersten Land bewohnenden Lebewesen der Erde. Die Wissenschaftler rätseln noch heute darüber, wie genau sie entstanden sind. Es war vielleicht ein ruhiger Samstagabend wie dieser. Auf einem Stein in der Nähe der Küste krallte sich vor 400 Millionen Jahren eine Gruppe einzelliger Algen fest. Sie fanden gerade genug Nährstoffe, um zu überleben. Aber es ging ihnen nicht besonders gut. Jedenfalls nicht gut genug für einen Samstagabend.
Doch dann kam plötzlich eine Pilzspore angeflogen und landete mitten in den Algen. Nun, Pilze denken in der Regel immer zuerst an das Fressen. Doch bei diesem war es anders. Aus irgendeinem Grund folgte er nicht seinem urtümlichen Instinkt. Statt sich über die Algen herzumachen, baute er ein Haus für sie. Seine Pilzfäden wuchsen zu ledrigen Schichten heran. Zwischen ihnen betteten sich die Algen.
Heute haben es die Flechten dank ihres Erfolgsrezepts
auf 25 000 Arten gebracht.
Der Pilz schloss einen Pakt mit ihnen. Sie sollten ihm etwas von ihrem Zucker abgeben, den sie bei der Photosynthese produzierten. Im Gegenzug würde er mithilfe spezieller Säuren, die Oberfläche des Steins aufweichen und einige der freiwerdenden Mineralstoffe an die Algen abtreten. Diese nahmen das Angebot an, denn sie benötigten dingend etwas Dünger, um sich gesund zu entwickeln. So entstand eine enge Symbiose zwischen zwei ganz verschiedenen Arten. Die Flechten waren geboren und der Samstagabend gerettet.
Seit dieser längst vergangenen Zeit sind sich Pilz und Algen treu geblieben. Sie haben die Ehe zu ihrem ganz persönlichen Erfolgsrezept gemacht. Heute gibt es auf der ganzen Welt 25 000 Flechtenarten. Dank der engen Kooperation können sie an Orten überleben, wo es sonst keine Pflanze und kein Tier lange aushält: an den komplett glatten Felswänden des Hochgebirges, auf sonnenverbrannten Pflastersteinen und selbst in der ewigen Kälte der Antarktis. Vielleicht wäre es ein hübscher Brauch, einem frisch verheirateten Paar, einen Stein mit einer Flechte darauf zu schenken. Will heissen: zu zweit kommt man weiter.
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