Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.
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Donnerstag, 25. April 2013

Fuchs, du hast den Kompost gestohlen

Mein Kompostierer nachdem der Fuchs den Plastik entfernt
und einen Tunnel gegraben hat.
Erst kürzlich lobte ich den Fuchs an dieser Stelle für seine feine Nase und nun wir mir eben dieses Riechorgan zum Verhängnis. Ich habe endlich unseren Komposthaufen aufgeräumt, was so viel bedeutet, dass ich in der Landi zwei typische Bünzli-Kompostierer kaufte und die Küchenabfälle dann fein säuberlich darin verstaute. Ja, «verstaute» ist der richte Ausdruck, denn ich habe es mit einer solchen Sorgfalt getan, als ob es sich bei den Zitronenschalen und Kaffeebeuteln um die Spielsachen meines Sohnes gehandelt hätte.
Aber eben, der Fuchs hat mir die Freude an meinem Kompost buchstäblich versaut. Seine Nase führte ihn wie jeden Abend zielsicher durch meinen Garten. Beim Komposthaufen blieb er stehen und war – so vermute ich – für einen Augenblick verwirrt. Alle Leckerbissen waren weg, aber ihr Geruch hing immer noch schwer in der Luft. Dann begriff er, was ich getan hatte. Mit einem Satz sprang er in das Gebinde hinein und tat sich an den Resten des Nachtessens gütlich. Bis hierher habe ich auch absolut kein Problem mit meinem opportunistischen Freund. Wenn mir jemand die Hühnerknochen raus lesen möchte, nur zu. Aber dabei blieb es nicht.

Das Resultat: Grossflächig verteilte Essensreste.
Das gesättigte Tier störte sich offenbar am schwarzen Plastik, der die Innenseite des Gitters auskleidete. Dieser Plastik ist für das Mikroklima im Kompostierer unabdingbar. Der Fuchs hat ihn geschreddert. Die winzigen Fragmente lagen auf einer grossen Fläche um den Kompostierer verstreut. Nachdem er diese unnötige menschgemachte Infrastruktur entfernte, nahm er sich die Logistik vor. Man will ja als Fuchs nicht jede Nacht einen Mordssatz vollführen müssen, nur um an sein Abendessen zu kommen. Sich seiner Schweizer Wurzeln besinnend, grub er also einen Tunnel unter dem Gitter hindurch und in das Schlaraffenland hinein. Das Resultat: Ich bin mit meinen Bemühungen um einen sauberen, bünzlihaften Kompostbereich wieder ganz am Anfang. 

Sonntag, 30. September 2012

Antibakterieller Schaum

Wundersamer Schaum am
Stamm der Atlas-Zeder.
Eines der merkwürdigsten Schauspiele in unseren Gärten ist wohl das plötzliche Aufschäumen eines Baumstamms. Das passiert meistens nach längeren Regenfällen, wenn der Stamm so richtig trieft. Dabei kann es zur Schaumbildung kommen. Das hat nichts mit Umweltverschmutzung zu tun. Vielmehr ist es Ausdruck der Genialität der Pflanzen.
Der Schaum stammt von einer Stoffgruppe namens Saponine. Sie sind mit den Senfölen verwandt, die wir bei der Kapuzinerkresse kennengelernt haben, und es erstaunt darum nicht, dass auch die Saponine Kampfstoffe sind, mit denen sich Pflanzen gegen Pilze und Bakterien verteidigen.
Vor allem die Rinde enthält hohe Konzentrationen von ihnen. Das darum, weil sie eine Haupteintrittspforte für unerwünschte Mikroorganismen bildet. Die in der Borke eingelagerten Saponine halten das Innere des Baumes zuverlässig von diesen Schädlingen fern.
Saponine sind chemisch verwandt mit Seife und bilden darum in wässrigen Lösung Schaum. Bei starkem Regen können sie aus der Borke gelöst werden und so den ganzen Stamm mit Bläschen bedecken. Tatsächlich waren sie die erste Naturseife der Menschheit. Schon die Kelten verwendeten das weitverbreitete Seifenkraut als Waschmittel. Dazu schnitten sie ein Stück einer Wurzel ab und rieben die Textilien damit ein.
Der Regen löst Sapione aus der Borke.
Wenn das Gemisch über die unebene
Oberlfläche nach unten rinnt, bildet
sich Schaum.
In dieser Ähnlichkeit zur Seife liegt auch das Geheimnis ihrer Schlagkraft verborgen. Saponine greifen die Fettmoleküle der Zellmembran an. Man könnte sagen, sie waschen sie ab, wie ein Spülmittel das Fett von der Oberfläche einer Bratpfanne entfernt. Das ist für eine Zelle so, als würde uns jemand die Haut abziehen. Auf diese Weise zerstören sie Bakterien und Pilze.
Saponine sind meistens bitter. Doch es gibt eine berühmte Ausnahme: Lakritze. Ihr unverkennbarer Geschmack stammt vom Saponin Glycyrrhizin aus dem Süssholz. Es besitzt eine 50 Mal stärkere Süsskraft als Zucker. Für uns Menschen ist es übrigens nicht giftig, sondern gesund. Studien zeigten, dass Lakritze eine therapeutische Wirkung gegen Magengeschwüre hat.

Freitag, 9. Dezember 2011

Einer bohrte sich durch die Haselnuss

Die Ausstiegsluken für die Larven des
Haselnussbohrers.
Bei der Vermehrung sind die Haselsträucher ganz bei der Sache. Im Frühling entlassen sie ihre Pollen in Schwaden aus ihren Kätzchen. Aus jedem von ihnen strömen zwei Millionen Pollenkörner. Pro Strauch muss ihre Anzahl in die Milliarden gehen.
Doch trotz dieser ziemlich erstaunlichen Potenz bleibt dem Haselstrauch ein reicher Kindersegen verwehrt. Als ich diese Woche die Nüsse auf dem Rasen zusammenlese und sie mit einem Messer aufschneide, mache ich eine erschütternde Entdeckung. Von 13 Nüssen enthält nur eine einzige einen gesunden Samen. Die meisten anderen fielen Pilzen zum Opfer. Irgendwie haben sie es geschafft die harte Schale zu durchdringen.
Aber der Hasel noch andere Feinde. Etwa in der Hälfte aller Nüsse klafft ein Loch. Das ist die Handschrift des Haselnussbohrers, eines Rüsselkäfers. Im Frühsommer bohrt das Weibchen mit ihrem Rüssel ein winziges Loch in eine junge Haselnuss. Sie legt ein Ei hinein, aus dem bald darauf die Larve schlüpft. Vier Wochen lang frisst sie sich durch die Nuss, bis fast nichts mehr von ihr übrig ist. Von aussen sieht man zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Erst wenn sich die fette Larve einen Weg nach draussen bahnt, hinterlässt sie das typische Loch.
Von 13 Haselnüssen war nur eine gesund.
Die Weibchen legen ihre Eier offenbar nur in grosse Haselnüsse, denn das einzig gesunde Exemplar aus meinem Garten ist nur etwa halb so gross wie die anderen. Nach der Fressorgie überwintern die Larven im Boden. Erst im Frühjahr verpuppen sie sich und verwandeln sich in die nächste Generation von Käfern.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Die Ödipus-Wespe

Dass sich die Mauerbienen so gut eingemauert haben, nützt
ihnen wenig. Die Erzwespe kaut sich einen Weg zu
ihnen durch.
Die besten Geschichten schreibt nicht Shakespeare oder ein Dichter des Alten Griechenlands. Nein, es ist die Natur selbst. Eines dieser wandelnden Dramen ist kürzlich bei meinem Wildbienenghetto aufgetaucht. Es ist die Erzwespe Melittobia acasta. Sie ist nur ein paar Millimeter gross. Gleich mehrere Weibchen haben sich auf den zugemauerten Eingängen zu den Nestern der Roten Mauerbiene versammelt.
Sie haben es auf die Puppen abgesehen, die in den Nestern auf den Frühling warten. So wie es aussieht, werden diese den Frühling jedoch nicht mehr erleben. Die Erzwespen haben extrem starke Mandibeln, mit denen sie sich sogar durch Plastik nagen können. Es wird ein leichtes für sie sein, einen Gang durch das Mauerwerk zu fressen und an die Puppen zu gelangen.
Dort angekommen werden sie mit ihrem Stachel ihr Opfer punktieren. Am austretenden Blut laben sie sich. So gestärkt, beginnen sie nun mit dem Legen der Eier. Diese sind äusserst klebrig und bleiben auf der Puppe wie feuchte Bonbons haften.
Ausserdem sind die Eier alle unbefruchtet. Das heisst, aus ihnen schlüpfen ausschliesslich männliche Larven. Sie ernähren sich von der Puppe bis sie ausgewachsen sind und sich selbst in einen Kokon hüllen. Während der ganzen Zeit wacht die Mutter neben ihrer Brut. Sobald die fertigen Männchen aus ihren Kokons schlüpfen, tragen sie erbitterte Kämpfe untereinander aus. Um wen wird hier gestritten? Um die Mutter. Denn der stärkste ihrer Söhne darf sich mit ihr paaren.
Nun besitzt sie einen der begehrtesten Stoffe in der Natur: Sperma. Mit ihm kann sie nun endlich befruchtete Eier legen. Aus ihnen schlüpfen ausschliesslich Weibchen. Sie krabbeln wieder ans Tageslicht und schwärmen aus auf der Suche nach einem neuen Opfer.

Samstag, 16. Juli 2011

Die Wucher-Erbse

Die Robinie in meinem Garten ist in
50 Jahren zu einem riesigen Baum
gewachsen.
Manche Pflanzen haben nur eine oder zwei besondere Fähigkeiten, die sie dazu prädestinieren, eine invasive Art zu werden. Es gibt aber auch solche, die mit so vielen verschiedenen Gaben ausgestattet sind, dass sie die Bezeichnung super-invasive Art verdienen. Eine davon ist die Robinie.
Ihre ersten Samen kamen 1601 per Post von Nordamerika an einen botanischen Garten in Frankreich. Seither hat sich die Pflanze wegen ihres schnellen Wuchses und ihren duftenden, üppigen Blüten zu einem Liebling von Landschaftsgestaltern und Gärtnern entwickelt – und zu einem Alptraum für die Natur. Die Robinie ist eine so genannten Pionierpflanze. Das heisst, wo immer es einen Waldbrand gibt, einen Erdrutsch oder ein Sturm, der den ursprünglichen Wald flach legt, fasst die Robinie Fuss und wächst wie der Teufel.
Der Baum wird in wenigen Jahren zwanzig Meter hoch. Noch bevor er selbst Samen produziert, vermehrt er sich über Wurzelausläufer. Allenthalben um den Mutterbaum herum schiessen kleine Bäumchen hoch und verwandeln die Landschaft in ein Robiniendickicht. Andere Pflanzen müssen sich für etwas Sonnenlicht erst einmal hinten anstellen.
Die Wurzeln sind überhaupt die Hauptursache für ihren Erfolg. Sie gräbt sie tief hinunter ins Erdreich in Schichten, wo es auch in trockenen Gebieten immer Wasser gibt. Diese Pflanze kennt keinen Durst. Und keinen Hunger. Die Robinie gehört zu den Schmetterlingsblütlern und ist damit nahe verwandt mit der Erbse. Genau wie bei ihr hausen auf ihren Wurzeln Knöllchenbakterien, die den Luftstickstoff binden und ihn der Pflanze zur Verfügung stellen. Dünger braucht die Robinie keinen, denn sie stellt ihn gleich selbst her. Dazu kommt, dass der ganze Baum äusserst giftig ist. Das schützt ihn vor Pilzbefall und Insektenfrass. Er hat somit keine natürlichen Feinde.
Ihr einziger Schwachpunkt ist ihre grosse Abhängigkeit vom Licht. Ihre Samen keimen nur auf offenem Gelände. In einem Wald haben sie keine Chance. Zudem ist ihre Lebenszeit auf mickrige 200 Jahre beschränkt. Wenn auch das nur ein kleiner Trost ist, denn in dieser Zeit hat eine einzige Pflanze längst einen ganzen Wald hervorgebracht.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Exportierte Invasoren

Die Wespen haben sich unter meinem Vordach eingenistet.
In der Sommerhitze verschaffen die Arbeiterinnen dem Nest
Kühlung, indem sie vor dem Eingang mit ihren Flügeln
schlagen und so frische Luft in das Nest strömen lassen.
Wenn wir von invasiven Arten sprechen, dann meinen wir die Tiere und Pflanzen, die von Asien oder Amerika nach Europa gekommen sind und sich hier auf kosten der heimischen Biodiversität ausbreiten. Das ist jedoch eine sehr egozentrische Weltsicht. Denn auch Europa ist ein Ursprungsgebiet für invasive Arten anderswo in der Welt.
Ein Beispiel ist die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris). Sie hat sich mit dem Menschen rund um den Globus verbreitet und erreicht an manchen Orten beängstigende Bevölkerungsdichten. Ein Beispiel ist Neuseeland. Die Gemeine Wespe kam 1978 auf die Inseln und verbreitete sich rasant. Die Scheinbuchenwälder (Nothofagus) haben es ihnen besonders angetan. Auf den Stämmen dieser Bäume leben kleine Insekten, die den Zuckersaft in den Leiterbahnen unter der Rinde trinken. Einen grossen Teil davon scheiden sie als Zuckertröpfen aus. Viele Insekten ernähren sich von ihnen und domestizierte Honigbienen sammeln die Tröpfchen und machen daraus Waldhonig.
Aber auch die eingeführten Wespen laben sich am Waldzucker. Der bekommt ihnen so gut, dass unheimlich viele Wespen in solchen Wäldern zu finden sind. Forscher haben pro Hektare bis zu 3,7 Kilogramm Wespen registriert. Das sind über zehntausend Arbeiterinnen oder über dreissig Nester pro Hektare.
Im Vergleich dazu gibt es eine Biomasse von nur 900 Gramm Nagetiere pro Hektare Wald. Und die Vögel sind mit lächerlichen 200 Gramm vertreten. Die Wespen sind also die neuen Herrscher der Scheinbuchenwälder. Damit stehen sie in direkter Konkurrenz zur heimischen Fauna. Denn Wespen lecken den Vögeln und Insekten nicht nur den Zucker vor der Nase weg – sie jagen auch die Insekten selbst und schmälern so das Nahrungsangebot für ihre gefiederten Nachbarn zusätzlich.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Der Vampir-Pilz

Mehltau auf der Zierdistel. Wie ein Vampir saugt er das
Blatt aus.
Eine nasse Badezimmerwand, ein feuchtwarmes Schuhklima und ein Stück Holz auf dem Waldboden haben eines gemeinsam: sie fördern das Pilzwachstum. Diese Lebewesen lieben die Feuchtigkeit. Kein Wunder wachsen viele Pilze bevorzugt unter der Erde, denn dort trocknen sie garantiert nie aus.
Aber es gibt auch die anderen. Pilze, die sich in aller Öffentlichkeit zeigen, und selbst unter der brennenden Sonne hervorragend gedeihen. Zu diesen Sonderlingen gehört der Mehltau. Er liebt das warme, trockene Wetter, das es diesen Frühling ohne Ende gab. Das Resultat ist nun auf einigen meiner Gartenpflanzen sichtbar. Meine Zierdisteln hat es besonders schwer getroffen. Ihre Blätter sind vom Pilzbewuchs schneeweiss.
Die benachbarte Kugeldistel braucht sich
vor einer Infektion nicht zu fürchten.
Jede Mehltauart geht nur auf eine
bestimmte Pflanzenart.
Der Mehltau verdankt sein üppiges Wachstum in der Frühlingshitze einem Trick. Denn auch er liebt im Grunde seines Wesens die Feuchtigkeit. Doch statt sich selbst zu ihr zu begeben, lässt er sie zu sich kommen. Wenn eine seiner Sporen auf das Blatt einer Pflanze fällt, beginnt ein kleiner Schlauch aus ihr herauszuwachsen. Berührt seine Spitze die Blattzellen, bildet sie eine Art Saugnapf aus, der sich fest mit der Oberfläche verbindet.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Wasser noch in weiter Ferne. Die Oberflächen von Blättern sind meist mit einer dünnen Wachsschicht überzogen. Da bleibt kein Tropfen Feuchtigkeit hängen. Aber unter der Wachsschicht im Innern der Blattzellen, gibt es Feuchtigkeit in Hülle und Fülle. Dorthin will der Pilz.
Dazu treibt er unter dem Saugnapf eine Art Bohrer aus, mit dem er sich nun langsam einen Weg in das Innere der Blattzellen bahnt. Das ist nicht einfach. Pflanzen haben viele Strategien zur Abwehr von solchen Attacken entwickelt. Sie produzieren zum Beispiel Chemikalien, um Pilze unschädlich zu machen. Diese Mittel sind so effektiv, dass in der Tat viele Pilze keine Chance haben, in das Innere einer Pflanze vorzudringen. Doch beim Mehltau ist das anders.
Von ihm gibt es einige Hundert Arten und die meisten davon haben sich auf eine einzige Pflanzenart spezialisiert. Das heisst, sie haben die letzten paar Millionen Jahre damit verbracht, die Verteidigungsstrategien ihrer Zielpflanze zu umgehen. Darum muss ich mir keine Sorgen machen, dass der Mehltau auf meine Tomaten überspringt. Seine Tricks funktionieren nur bei der Zierdistel.
Wenn der Bohrer erst einmal in der Blattzelle angelangt ist, hat der Pilz gewonnen. Fortan entzieht er der Pflanze die Nährstoffe und Feuchtigkeit, die er zum Leben braucht. Wie ein Vampir saugt er die Blätter aus. Viele Nutzpflanzen wie Weizen oder Weinreben (sie haben ihre eigenen Mehltauarten) vertragen das nicht und sterben ab, oder werfen zumindest ihr Laub ab.
Aber Mehltau ist nicht nur ein Schädling. Der Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer ernährt sich ausschliesslich von ihm. Darum lasse ich meine verpilzten Disteln stehen – als Nahrungsquelle für die kleinen Insekten.

Sonntag, 17. April 2011

Sein oder Nichtsein

Das Loch im Briefchen mit den Zuckermaiskörnern. Das
war ein schwerer Schlag für meinen Gemüsegarten.
Seit Monaten werde ich von einer Maus terrorisiert. Sie hat sich irgendwo im Geräteschuppen zwischen den Gartenschaufeln, leeren Blumentöpfen und Kartonschachteln einquartiert. Das wäre mir ja noch egal, aber Mäuse besitzen einen ziemlich grossen Appetit. Was liegt da näher, als sich hinter mein Saatgut zu machen?
Ihr Vorgehen ist immer dasselbe. Sie pirscht sich von unten an die Briefchen mit Sonnenblumen, Karrotten und Bohnen heran, nagt ein daumennagelgrosses Loch hinein und braucht dann nur noch den Mund zu öffnen, um sich mit köstlichem Saatgut vollaufen zu lassen. Zu meinem Leidwesen hat sie das schon den ganzen Winter über gemacht. Die Stangenbohnen waren weg. Das dazugehörige Briefchen übrigens auch. Ich habe es später hinter einem Blumentopf wiedergefunden – zu Konfetti zernagt. Ein paar der Stangenbohnensamen fand ich später in einem anderen Versteck, einem Körbchen mit Wäscheklammern. Einige waren angefressen aber andere sahen noch unversehrt aus. Trotzdem warte ich noch heute darauf, dass sie endlich keimen. Doch im Topf vor dem Haus rührt sich nichts. Vielleicht hat ihnen die Maus doch auf eine raffinierte Art und Weise zugesetzt. Von den Eichhörnchen ist bekannt, dass sie bei Eicheln den Embryo rausbeissen, bevor sie sie im Boden verscharren. So können sie garantiert nicht mehr keimen.
Aber die Maus vernascht nicht nur mein Saatgut. Sie geht auch hinter den Sack mit den Hornspänen und macht sogar vor dem Karton mit den Schneckenkörnern nicht Halt. Egal welches Gebinde ich anfasse, sobald ich es hochhebe, höre ich es Rieseln. Besonders getroffen hat mich ihre Attacke auf meinen Zuckermais. Über den habe ich kürzlich etwas für das Magazin oliv geschrieben und darum vom Hersteller ein grosses Briefchen für das Erstellen der Bilder bekommen. Als ich die Körner neulich in meinem Frühbeet ansäen wollte, gähnte mich nur noch das Loch im Papier an. Von den Körnern gab es keine Spur.
Diese feindseligen Angriffe auf die Biodiversität meines Gartens müssen ein Ende haben. Das Wohl von Dill und Pflücksalat wieg schwerer als das Wohl einer einzelnen Maus. Aber ich überlasse die Entscheidung euch. Wer sich inspirieren lassen will, dem empfehle ich diesen Artikel über die einzige Mäusefängerin der Schweiz. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.*

Soll die Maus getötet werden?

*Das ist übrigens von Shakespeare. Nur damit mich niemand eines Plagiates beschuldigt.

Mittwoch, 30. Juni 2010

Im Würgegriff der Marienkäfer

Die Puppe des Asiatischen Marienkäfers.
Sie ist gut erkennbar an der leuchtend
orangen Farbe. Aus ihr schlüpft bald
ein fertiger Käfer.
Sie sind hier, in meinem Garten. Still und regungslos hängen sie in ihren Kokons an den Nadeln der Schwarzkiefer und warten bis sich ihre Umwandlung zum fertigen Käfer vollzogen hat. Bald werden sie damit fortfahren, das Ökosystem des Gartens aus dem Gleichgewicht zu bringen. Warum? Weil sie nicht von hier sind.
Wir Menschen brachten die Asiatischen Marienkäfer (Harmonia axyridis) nach Europa – in bester Absicht versteht sich. In den 80er Jahren führte die landwirtschaftliche Forschungsanstalt von Frankreich INRA die Käfer von China ein, um ihren möglichen Einsatz als Waffe gegen Blattläuse zu untersuchen. Auf die hatten sie einen sehr grossen Appetit. Sie verschlangen mehr von ihnen als unsere heimischen Marienkäfer es je konnten. Die Folge: In den 90er Jahren gingen in vielen Ländern Europas die Asiatischen Marienkäfer als «biologische Schädlingsbekämpfung» über die Ladentische. Statt Pestizide konnten die Bauern nun einfach Marienkäfer auf ihren Apfelplantagen und Hopfenfeldern aussetzen. Auf diese Weise besiedelten sie unter anderem Deutschland, Belgien, Spanien und Italien.
Am Anfang blieben die Käfer brav auf ihren Apfelbäumen. Doch bald passten sie sich dem rauen europäischen Klima an. In nur wenigen Jahren fanden sie sich in der neuen Umwelt so gut zurecht, dass sie nicht mehr auf die Aufzuchtstationen der Menschen angewiesen waren, um sich zu vermehren. Sie konnten das nun selbst in freier Wildbahn. Und sie waren sehr gut darin. In den wärmeren Ländern Europas konnten sich bis zu vier Generationen pro Jahr entwickeln.
Die Unterart spectabilis bevölkert meinen Garten.



Sie dehnten sich rasch über den ganzen Kontinent aus. In der Schweiz kamen die ersten 2004 an; vermutlich über die Grenze von Deutschland. Heute besteht bereits die Hälfte aller hiesigen Marienkäfer aus der asiatischen Art. Ihre Ausdehnung kommt unser Ökosystem teuer zu stehen. Sie fressen nicht nur unseren heimischen Arten die Blattläuse weg; sie ernähren sich auch von anderen kleinen Insekten und zerstören so das sensible Nahrungsnetz, auf das ein gesundes Ökosystem angewiesen ist.

Posts zu weiteren Eindringlingen

Sonntag, 21. Februar 2010

Jeder Garten ist eine Insel

Im Garten gibt es mehr Arten, als man
auf den ersten Blick sieht. Spuren im Schnee
sind verräterische Hinweise.
Die Spuren im Schnee haben Katze und Fuchs verraten. Dort wo im Sommer der Kräutergarten wächst, haben sie zusammen in den letzten paar Tagen zwei Dutzend Fährten hinterlassen. Ein richtiges Chaos an Pfoten- und Tatzenabdrücken. Sie illustrieren sehr deutlich dass es auf jedem Fleck Erde und in jeder Parzelle mehr Arten gibt, als man auf den ersten Blick sieht. Warum? Weil sich Tier- und Pflanzenarten immerzu bewegen.
Der Fuchs kommt vielleicht nur einmal pro Tag, um seine Runde im Kräutergarten zu drehen. Vielleicht ist das um 06.00 Uhr am Morgen oder um 23.00 Uhr in der Nacht. Doch der Biologe, der die Artenvielfalt in meinem Garten erfassen möchte, ist leider nur zwischen 15.00 und 16.00 Uhr anwesend. Der Fuchs taucht in seinem Bericht nicht auf. Das gleiche gilt für Pflanzen. Die Samen von Wiesenblumen können Jahre im Boden schlummern, ohne dass man die Pflanzen je zu Gesicht bekommen würde. Und plötzlich, wenn alle Umweltbedingungen perfekt sind, keimen sie und zeigen sich der Welt.

Fuchs und Katze brauchen kein
Treibgut, um in den Garten zu
gelangen. Eine Lücke in der
Hecke reicht.
Noch extremer ist das Beispiel der Waldföhre. In meinem Garten gibt es jetzt noch genau ein Exemplar. Wird es vom Blitz getroffen oder vom Gärtner gefällt, ist die Art im Mikrokosmos meines Gartens ausgestorben. Das heisst jedoch nicht, dass ich die Föhre deswegen unter Schutz stellen müsste. Denn ich kann mich darauf verlassen, dass vom nahen Wald irgendwann ein Samen herüberweht und in einigen Jahren zu einem neuen stattlichen Baum heranwächst.
Dass Arten in einem Gebiet plötzlich auftauchen und ebenso plötzlich wieder verschwinden, haben Forscher zuerst auf Inseln beobachtet. In den 60er Jahren haben die beiden Biologen Edward O. Wilson und Robert MacArthur daraus die «Theorie der Inselbiogeographie» formuliert.
Demnach gibt es auf jeder Insel eine ideale Anzahl von Arten. Einige von ihnen können lokal aussterben (wie meine Föhre) andere können neu hinzukommen (wie der Fuchs), etwa indem sie auf einem Stück Treibgut an den Strand geschwemmt werden. Langfristig stellt sich so ein Gleichgewicht zwischen Ankunft und Abreise ein.
Viele Biologen liessen sich von diesem Prinzip schon an der Nase herumführen. Die Riesen-Rappenantilope in Angola etwa ist eine sehr scheue Art. 1982 hat man sie zuletzt gesehen. Danach galt sie als ausgestorben. Doch Jahrzehnte später findet ein deutscher Forscher frischen Antilopen-Kot, der nach genetischen Analysen eindeutig von der Riesen-Rappenantilope stammte. Sie ist also immer noch unter uns – die Frage ist nur wo und wann.

Mehr zu unausgestorbenen Arten

Donnerstag, 14. Januar 2010

Noahs Wanze

Die Verkehrstechnologie macht es möglich:
Ich begegne der Amerikansichen Zapfenwanze.
Noah ist der ungekrönte Retter der Biodiversität. Mit seiner Arche hat er alle Landtierarten davor bewahrt, in der grossen Flut zu ertrinken. Es muss ihm viel Mühe gekostet haben auf allen Kontinenten der Erde, von jeder Tierart ein Paar zu fangen. Wie er es wohl geschafft hat, sich durch den versumpften Amazonasregenwald zu schlagen ohne dabei im Magen einer Anakonda zu enden? Und wie er gefroren haben muss im Hochgebirge des Himalajas auf der Suche nach dem Schneeleoparden. Wir können ihm für seine grosse Tat ewig dankbar sein.
Doch die Geschichte hat einen Haken. Als nämlich die Arche Noah auf dem Berg Ararat strandete, hat es ihr Kapitän versäumt, alle Pärchen wieder an ihren richtigen Platz auf der Welt zurückzubringen. Arten, die vorher Tausenden und Zehntausende von Kilometern weit voneinander entfernt lebten, waren plötzlich die nächsten Nachbarn. Das Reh traf auf das Krokodil und das Meerschweinchen auf den Luchs.
Niemand war auf den anderen vorbereitet. Bald waren die Schwächsten unter ihnen dem unerwarteten Druck der Konkurrenz und den neuen Räubern erlegen und starben aus – eine ökologische Katastrophe. Darüber steht in der Bibel nichts und vielleicht hat es sich ja auch gar nie so zugetragen. Doch heute im 21. Jahrhundert ist Noahs Alptraum wahr geworden.
Wir leben in einer Welt, in der es nicht nur eine, sondern Tausende von Archen gibt. Der internationale Handel hat sie hervorgebracht. Frachtschiffe, die mit Früchten und Gemüse beladen sind, reisen um den ganzen Globus. Sie sind Brücken zwischen den Kontinenten. Über sie strömen neue Schädlinge, Fressfeinde und Nahrungskonkurrenten von einem Ufer zum anderen. Es ist, als würde Gott die Welt mit einem grossen Löffel einmal umrühren. Im entstehenden Eintopf begegnen sich Lebewesen, die sich vorher nie zu Gesicht bekommen hätten.
Zum Beispiel ich und die Amerikanische Zapfenwanze. Sie kündigte sich vor ein paar Tagen mit einem lauten Brummen an. Natürlich vermutete ich sofort, dass das Geräusch von einem Insekt stammen musste, doch als ich das Ding sah, staunte ich nicht schlecht. Da spazierte eine ziemlich grosse Wanze über das Fenster meines Wohnzimmers.
Vielleicht hat sie im Feuerholz überwintert und ist nun aus einer Spalte in den halb vermoderten Scheiten neben dem Kamin gekrochen. Na ja, es hätte ja sein können, dass es schon Frühling ist. Bei den warmen 24 Grad Celsius im Haus... Aber draussen ist es auch jetzt noch viel zu kalt und der Schnee liegt knöcheltief. Deshalb schickte ich die Wanze hinunter zu den Feuersalamandern im Lüftungsschacht des Kellers. Wenn sie sich mit ihnen verträgt, hat sie gute Überlebens-Chancen. Wenn nicht, wird sie eben von den Amphibien gefressen.

Mehr Informationen zur Amerikanischen Zapfenwanze:
Riesenwanze im Anmarsch
insektenbox.de
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