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Dienstag, 5. Oktober 2010

Gefangen im Winterquartier

Die Blindschleiche als Gefangene im Luftschacht. An der
senkrechten Wand geht es nicht weiter.
Blindschleichen heissen wohl so, weil sie sich meistens im blinden Fleck unserer Wahrnehmung bewegen. Sobald sie sich zeigen, sind sie auch schon wieder weg. Oft bleibt einem nur der flüchtige Blick auf eine Schwanzspitze, die in Sekundenbruchteilen vom Unterholz aufgesogen wird. Anders bei mir im Garten. Da gibt es jetzt Blindschleiche à discrétion – so viel ich will, wann ich will.
Grund dafür sind zwei Exemplare, die den Luftschacht meines Kellers mit einem Asthaufen verwechselten. Auf der Suche nach einem Winterquartier sind sie durch den Gitterrost gefallen. Da liegen sie nun auf dem groben, feuchten Kies, der den Schachgrund bedeckt, und wissen nicht so richtig, was sie tun sollen. Eine der beiden scheint den Irrtum erkannt zu haben und versucht an der glatten Betonwand hoch zu kriechen. Vergebens.
Ich habe Zeit, sie aus der Nähe zu betrachten.


Wie gut wäre es jetzt, wenn sie das Rad der Evolution zurück drehen könnten, um sich wieder ihrer verloren gegangenen Beine zu bemächtigen. Vielleicht denkt sie gerade darüber nach, warum ihre Vorfahren, die den Eidechsen glichen, nur so töricht sein konnten, sich eines krallenbewehrten Fusses zu entledigen. Damals gab es eben noch keine Luftschächte mit senkrechten, glatten Wänden; und Beine waren in einer Welt aus Unterholz vielleicht tatsächlich hinderlich, also weg damit.
Aber die zwei Irrfahrer können sich trösten. Am Wochenende befreie ich sie aus ihrer misslichen Lage. Wer schon die Evolution nicht zur Freundin hat, der soll wenigsten auf das höchst entwickelte Produkt der Evolution zählen können. (Meine ich damit mich?)

Kommentare:

  1. Als ob all die Amphibien in diesem Schacht Opfer der Evolution würden!
    Da schreibt einer kenntnisreich ein Blog über Biodiversität und ist nicht in der Lage, an seinem Kellerschacht ein Amphibienschutz-Drahtgitter anzubringen. Im Gegenteil scheint er nachgerade erfreut ob der Tatsache, dass dort immer wieder bedrohte Wildtiere vor seiner Kamera um ihr Leben ringen - und berichtet wiederholt davon.
    Ich bin schlichtweg entsetzt. Ist es Zynismus oder schreibt hier ein Sadist? Eine Amphibienfalle "direkt vor der eigenen Haustür" ist ganz sicher nicht etwas, mit dem man hausieren gehen sollte.

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  2. Lieber anonymer Tierschützer

    Vielen Dank für den Tipp mit dem «Amphibienschutz-Drahtgitter». Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Ob es aber den Blindschleichen und Feuersalamandern ausserhalb des Luftschachtes besser ergeht, bezweifle ich. Allein schon die enorme Anzahl von umherstreunenden Hauskatzen im Zürcher Oberland macht das Leben für Blindschleichen zu einen Spiessrutenlauf. Und dann die ganzen Autos. Gerade komme ich von einer Wanderung im Tessin. Ich habe acht Feuersalamander gesehen. Drei von ihnen ergriffen die Flucht, als ich auftauchte. Die anderen fünf verharrten regungslos an dem Ort, wo sie der Autoreifen zuvor überollt hatte. Man sieht also, der wirkliche Horror beginnt sowohl für Amphibien als auch für Reptilien erst ausserhalb des Luftschachts.

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