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Donnerstag, 7. Januar 2010

Die Winter-Exhibitionisten #4

Die Scheinerdbeere wartet auf den Liebesdienst
der Insekten. Doch niemand hat bei minus vier Grad
Celsius Lust auf ein Schäferstündchen.
Es gibt eine Pflanze in meinem Garten, die sich noch aussergewöhnlicher verhält als die Erika. Nicht nur, dass sie mitten im Schnee blüht – sie bringt sogar Früchte hervor. Die Erdbeere. Allerdings ist sie eine Fälschung. Das merkt man spätestens dann, wenn man die kleinen roten Beeren in den Mund nimmt. Sie enthalten wenig Saft und schmecken nach Karton.
Die Indische Scheinerdbeere, Potentilla indica, sieht unsere Walderdbeere, Fragaria vesca, zum verwechseln ähnlich. Doch nicht nur ihre Früchte sind von einem anderen Stern, sondern auch ihr Verhalten. Sie scheint das Konzept der Winterruhe überhaupt nicht zu kennen. Sie ist ein Workaholic, ein Blüh-Aholic. Dabei geht sie sehr gewissenhaft vor. Wir erinnern uns an die Glockenblume, die verzweifelt ihre blauen Kelche unter den Schneemassen hervorstreckt und dabei einen jämmerlichen Eindruck macht. Nicht so die Scheinerdbeere. Ihr käme es schon gar nicht in den Sinn unter offenem Himmel Wurzeln zu schlagen. Stattdessen hat sie es sich unter der grossen Schwarzkiefer gemütlich gemacht. Dort ist sie von den Naturgewalten einigermassen geschützt. Im Sommer scheint die Sonne nie direkt auf sie. Im Schatten der dunkelgrünen Nadeln ist es angenehm kühl. Und im Winter halten die ausladenden Äste einen grossen Teil der Schneemassen ab. Unter dem Baum entsteht so ein grüner Fleck Rasen inmitten eines Ozeans aus Schnee und Eis. Auf dieser Insel hat sie ihr Netz ausgebreitet. Es ist ein Geflecht von Ablegern, wie wir sie von den echten Erdbeeren her kennen. Jeder Ableger ist eine exakte genetische Kopie seiner Mutterpflanze. Oder anders gesagt ein Klon. Es ist eine sehr effiziente Art und Weise sich zu vermehren. Eine einzige Pflanze kann so zur Gründerin einer ganzen Kolonie werden.
Irgendein Insekt muss sie doch besucht haben.
Oder wird die Blüte auch ohne Bestäubung zur
Frucht?
Doch wie wenn das nicht schon genug wäre, glühen an vielen Stellen die kleinen, gelben Blüten in der kalten Winterluft. Mit Unschuldsmine recken sie sich gegen den Himmel also ob sie noch nie etwas von einer Winterpause gehört hätten. Ehrlich gesagt, ihnen glaube ich das sogar. Erika, Glockenblume und Primel würde ich diesen Schwindel nicht abkaufen. Die wissen ganz genau, wann eine hiesige Pflanze zu blühen hat und wann nicht. Doch die Indische Scheinerdbeere ist entschuldigt. Sie kennt keinen Winter. Sie kommt von weit her aus einer Gegend, in der es immer warm ist. Ihre Heimat ist Süd- und Südostasien. Dort scheint die Sonne zwölf Stunden am Tag.
Unter diesen Bedingungen ist die Produktion von Ablegern eine sehr gute Strategie, um sich gegenüber anderen Pflanzen zu behaupten. Doch noch besser ist es, sich gleichzeitig sexuell fortzupflanzen. Wenn Vögel die Beeren fressen, transportieren sie die Samen in ihrem Darm in andere Gegenden. Ein Flugticket für die kleine Pflanze. Es würde also keinen Sinn machen, das Blühen zu irgendeiner Jahreszeit einzustellen, wenn es nicht unbedingt nötig ist.
Als die ersten Exemplare mit dem Menschen nach Europa kamen, behielten sie dieses Verhalten natürlich bei. Was die Evolution über Jahrmillionen in die Gene geschrieben hat, gibt man in ein paar Jahrzehnten nicht einfach wieder auf. Vielleicht wird sich die Südländerin in ein paar Tausend Jahren eines Besseren besinnen und im Winter eine Pause einlegen. Wenn nämlich mehr als zehn Zentimeter Schnee fallen, bieten selbst die Schwarzkiefer keinen Schutz mehr. Und unter dem Schnee blüht es sich auch als Workaholic schlecht.
Ein Rätsel bleibt: Wer bestäubt die Scheinerdbeere im Januar?

Referenz:
Die Verbreitung der Indischen Scheinerdbeere in Baden-Württemberg

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