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Dienstag, 19. Januar 2010

Der Schneckenfriedhof

Die verwitterte Oberfläche des Schneckenhäuschens
sieht aus wie Marmor.
Eine Expedition in die verborgenen Ecken des Gartens kann manchmal damit beginnen, dass man sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Keller holt. Als ich mich mit der Flasche in der Hand schon wieder zur Tür umdrehen will, fällt mein Blick auf das Fenster. Es ist im Wesentlichen ein Stahlblech mit zwei Scharnieren und an den meisten Tagen meines Lebens sieht es ziemlich unscheinbar aus. Doch heute nicht, heute geht von ihm eine unbegreifliche Anziehungskraft aus.
Ich öffne es. Dahinter kommt erst einmal der Lüftungsschacht zum Vorschein. Es ist ein sehr alter Lüftungsschacht, der zusammen mit dem Haus in den frühen 60er Jahren erbaut wurde. Damals bedeckte man ihren Grund noch mit runden Kieselsteinen. Mit den Jahrzehnten fällt Staub und Dreck auf die Kiesel und diese ganze kleine Welt bekommt das Aussehen einer trockenen Staubwüste. Kein Ort für romantische Abende.
Doch bei diesem Schacht ist das anders. Er ist der einzige des Hauses, der unter freiem Himmel liegt. Regen und Schnee fällt in ihn hinab. Feuchtigkeit, die dafür sorgt, dass aus dem Staub Leben wächst. Und tatsächlich sind die sonst kahlen Betonwände mit Algen, Moosen und Flechten bewachsen. Hängende Gärten, wo ich sie nicht vermutet hätte.
Auch Tiere finde ich hier. Auf den Kieseln ruhen unzählige Häuschenschnecken. Doch es ist nicht ein Mittagsschläfchen, das sie hier machen. Ihre Ruhe dauert etwas länger. Sämtliche Schneckenhäuser sind leer. Wie Augenhöhlen eines Totenkopfs starren ihre Öffnungen mich an. Ich habe einen Schneckenfriedhof entdeckt.
Auch eine tote Schnecke ist noch eine schöne Schnecke.
Zweifellos sind die Schnecken auf der Suche nach Futter hier hinab gekommen. Die mit Algen bewachsenen Wände mussten ihnen wie endlose Weiden vorgekommen sein. Dort konnten sie sich satt fressen. Doch warum sind sie alle tot? Was ist ihnen zugestossen?
Als ich darüber nachdenke, schaue ich mir einige der Häuschen genauer an. Sie sind wunderschön. Manches ist schon halb verwittert, was es wie Marmor aussehen lässt. Andere sind schon so stark von Löchern durchsetzt, dass ihre innere Bauweise zu Tage tritt. Eine Wendeltreppe die sich immer enger windet und dann in einem winzigen Punkt verschwindet. Jedes von ihnen ist ein Kunstwerk. Mein Lüftungsschacht ist ein Museum mit Garten.
Nein. Hier geht es nicht um Kunst. Hier bin ich mitten im Revier eines Jägers gelandet. Das ist mir jetzt klar. Wo sich die Gebeine vieler toter Tiere häufen, ist ein Fleischfresser am Werk. Soviel steht fest. Nur – wie viele Raubtiere gibt es auf dieser Welt, die in einem Lüftungsschacht auf die Jagd gehen? Ein Fuchs kann es nicht sein. Und auch kein Igel. Die passen nicht durch das Gitter. Aber wer dann? Ich werde sie schon bald aufspüren in ihrem Versteck, da bin ich mir sicher.

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