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Sonntag, 2. Oktober 2011

Die Klon-Krebse

Zwei genetisch identische Weibchen. In ihren Eierstöcken
sind die Langzeiteier gut sichtbar. Vermutlich spüren sie
anhand der hohen Salzkonzentration, wann ein Becken
austrocknet.
Postkarte aus den Ferien in Ibiza: Seit Jahrhunderten wird in den Salinen von Ibiza Salz aus Meerwasser gewonnen. Verschiedene Becken verdunsten das Wasser bis nur noch das gleissend weisse Salz übrig bleibt. Die meisten Touristen fahren auf dem Weg zum Strand an dieser historischen Anlage vorbei, ohne gross Notiz von ihr zu nehmen. Dabei spielt sich in ihr ein aussergewöhnliches Naturschauspiel ab.
Denn in den Verdunstungsbecken gibt es Leben. Millionen von kleinen Salzkrebschen tummeln sich in der Brühe. Sie gehören stammesgeschichtlich zu den Krebstieren, doch werden sie nur ein bis zwei Zentimeter gross. Auch bei der Panzerung unterscheiden sie sich vom Hummer oder von der Krabbe erheblich. Das Aussenskelett der Salzkrebschen ist so dünn, dass es durchsichtig ist. Der Darm und die Eierstöcke sind gut erkennbar.
Unzählbar viele Krebschen schwimmen durch die Brühe. Sie
ernähren sich von kleinen Algen.
Im Meer würden diese zierlichen Kleinkrebse nicht lange durchhalten, weil es dort viel zu viele Räuber gibt. Zudem sind sie wegen ihrer rötlichen Färbung sehr auffällig und darum ein leichtes Ziel für die Fische. Genau aus diesem Grund haben sie sich auf extrem salzhaltige Gewässer spezialisiert. Salzseen sind ihr natürlicher Lebensraum aber ebenso lieb sind ihnen künstlich angelegte Salzbecken wie die Salinen.
Dort kann die Salzkonzentration bis zu 100 Prozent erreichen. Den kleinen Krebsen macht das nichts aus. Ich habe sie in Becken schwimmen sehen, in denen der Untergrund bereits mit kristallisiertem Salz bedeckt war. Wenn man die Hand dort rein hält, fühlt sich das Wasser irgendwie schmierig an. Die kleinste Wunde würde brennen wie die Hölle. Ein Spritzer in die Augen wäre auch nicht gerade lustig. Unter solchen Umständen könnten Meerwasserfische keine Sekunde überleben. Gut für die Krebse. Denn so haben sie ihre Salinen für sich und werden nicht von Räubern belästigt.
Die Salzkrebschen in Ibiza gehören zur Art Artemia parthenogenetica. Das Besondere an ihr ist, dass sie ausschliesslich aus Weibchen besteht. Sie haben im Verlaufe der Evolution die Fähigkeit entwickelt, ohne Sex Nachkommen zu zeugen. Die Männchen sind völlig überflüssig geworden. Das hat zur Folge, dass jedes Jungtier eine identische Kopie der Mutter ist. In der Biologie nennt man das einen Klon. Sobald die Jungtiere erwachsen sind, schwellen ihre Eierstöcke wie von Zauberhand an und sie beginnen damit, selbst Nachkommen zu gebären.
Wenn die Mütter in einem Becken schwimmen, das kurz vor dem Austrocknen ist, legen sie Langzeiteier. In ihnen befinden sich fertig entwickelte Babys, die eine Art Winterschlaf machen. So können sie jahrelange Trockenzeiten überstehen. Wenn sich dann das Becken wieder mit neuem Wasser füllt, befreien sich die Babys innerhalb von 24 Stunden aus ihrer Verpackung und gründen eine neue Kolonie von Klon-Krebsen.

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