Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Meine kleine Autospinne

Ein Spinnennetz überzieht meinen Rückspiegel.
Wann sie eingezogen ist, weiss ich nicht. Ist aber sicher schon ein Jahr her. Eine kleine Spinne hat sich im Rückspiegel meines Autos eingenistet. Und dort ist sie bis heute geblieben. Jedes Mal, wenn ich ihr Netz zerstöre, baut sie über Nacht fleissig ein neues. Am Anfang hat es mich noch gestört. Ich möchte rechts abbiegen und was sehe ich: ein Spinnennetz. Ich parkier rückwärts ein und statt des Randsteins schaue ich auf ein Netz, in dem eine Schar Mücken hängt.
Heute ist es mir egal. Soll die Spinne ihr Netz haben. Was mich wundert ist nur, dass ihr das Leben im Rückspiegel nichts auszumachen scheint. Bei 120 auf der Autobahn vibriert das Netz wie die Membran eines Lautsprechers, wenn voll aufgedreht ist. Der Spinne ist das egal. Sie verkriecht sich hinter den Spiegel. Dort ist sie geschützt vor dem Fahrtwind.
Ebenso schützt sie der Rückspiegel vor Regen, Hagel und Schnee. Sie hat den ganzen Winter dort zugebracht. Als es an Weihnachten warm wurde, hat sie gleich wieder ein Netz über den Spiegel gezaubert.
Autowaschanlagen beeindrucken sie auch nicht. Offenbar gibt es keinen trockeneren Ort als den Rückspiegel eines Autos. Letztes Jahr im Herbst sind wir mit unserer kleinen Untermieterin bis nach Italien gefahren. Mit Sicht auf den Strand hat sie ihre nie endende Arbeit verrichtet. Heuer hat sie in den Frühlingsferien halb Süddeutschland gesehen. In Nürnberg webte sie in einem Parkhaus mit Blick auf die alte Stadtmauer. Idyllisch, so ein Spinnenleben.
Das Leben im Auto bietet nur einen Nachteil: Nachwuchs lässt sich so nicht produzieren. Ständiges Reisen ist ein Beziehungskiller. Während ihre Artgenossen sich in der Fensterecke des Hauses bei gesellschaftlichen Anlässen treffen, zusammen eine Fliege ausschlürfen und sich über die neuste Netztechnologie unterhalten, fristet meine Autospinne ein einsames Dasein. Wenigstens kann sie von sich sagen, dass sie die Welt gesehen hat.


Drohgebärden beim Foto-Shooting.


Montag, 23. November 2015

Evolutionäres Wettrüsten


Das Vorratslager der Feldmaus in der Holzbeige.
Beim Umschichten der Holzbeige habe ich die Vorratskammer einer Feldmaus entdeckt. Abfallkammer wäre wohl der korrektere Begriff, denn von den Vorräten sind nur noch die Verpackungen vorhanden. Es handelt sich mehrheitlich um die Samen von Mirabellen. Ein Baum wächst gleich neben der Holzbeige. Viele Früchte fielen im Herbst zu Boden und ernährten Scharen von Wespen und anderen Insekten. Einige der Früchte verschwanden in den Mägen der Hühner des Nachbarn, deren Territorium bis unter die Krone der Mirabelle reicht. 
Übrig blieben nur die Kerne. Diese sind wie bei den anderen Steinobst-Arten sehr hart. Die Schale, welche den Samen umgibt, ist mehrere Millimeter dick. Wer sie knacken möchte, braucht einen Hammer oder eine Feile. Das ist durchaus die Absicht der Pflanze. Denn sie möchte ihre Nachkommen unbedingt vor Fressfeinden schützen. Erst wenn der Kern in der obersten Humusschicht liegt und von genügend Feuchtigkeit und Wärme umgeben ist, wird die Schutzhülle brechen und den Keimling in seinem Innern frei geben.
Die Schale des Kern ist kein Hindernis für die Maus.
Doch die Maus hat der Mirabelle einen Strich durch die Familienplanung gemacht. Sie hat Dutzende von Kernen auf dem Boden eingesammelt und sie in die Holzbeige geschleppt. Dort konnte sie ihnen ungestört zu Leibe rücken. Das kleine Säugetier besitzt zwei Paar vorzügliche Nagezähne. Diese bestehen aus Zahnschmelz, der fast so hart ist wie Stahl. Der Kern der Mirabelle besteht aus vergleichsweise weichem Lignin. Mein Fund zeigt den durchschlagenden Erfolg der Maus. Sie hat ein in Loch in jeden einzelnen Kern genagt und den darin enthaltenen Embryo samt Nährstoffvorrat aufgefressen.
Tiere und Pflanzen sind seit Jahrmillionen mit diesem Spiel um Angriff und Verteidigung beschäftigt. Biologen nennen es «Evolutionäres Wettrüsten». Es gab vermutlich einmal eine Zeit, in der die Samen von Steinobst weicher waren als heute. Die ersten Nager mussten sich anpassen, wenn sie nicht verhungern wollten. Ihre Zähne wurden härter. Jetzt machten die Samen mobil und lagerten ihrerseits mehr Lignin in die Schale der Kerne ein. Nun kamen die Nager wieder mit noch härteren und schärferen Zähnen. Die Verlierer, wie es scheint, sind die Pflanzen.
Wirklich? Nein. Denn statt weiterhin Energie auf immer härtere Schalen zu verwenden, haben die Vertreter des Steinobstes einfach ihre Strategie geändert. Statt ihre Feinde auf Distanz zu halten, liessen sie sich fortan freiwillig von ihnen verschlingen. Dazu umgaben sie ihre Kerne mit einem Mantel aus süssem, weichem Fruchtfleisch.
Nun frassen Wildschweine, Dachse und Vögel die Früchte samt den Kernen. Vom Wettrüsten mit den Mäusen unempfindlich gemacht, überstanden diese die ätzende Magensäure und wurden weit weg von den Mäusen heil wieder ausgeschieden. Jeder Kern war nun auch gleich mit einer Portion Dünger versehen – beste Voraussetzungen für das Wachstum des Keimlings. Dass sich heute die Nager immer noch über die Kerne hermachen ist zwar lästig, doch im Hinblick auf die gesteigerte Mobilität des Steinobstes, durchaus verkraftbar.

Donnerstag, 10. September 2015

Kiwi-Hochzeit mit Komplikationen


Die Kiwis auf dem Weg zur
Spitze der Tanne.
Meine Euphorie war riesig, als ich vor fünf Jahren zwei Kiwi-Pflanzen im Gartencenter kaufte. Ich stellte mir eine reiche Ernte mit süssen Früchten vor, von denen ich noch bis in die Wintermonate hinein zehren würde. Damals wusste ich noch nichts über Kiwis. Ausser, dass es männliche und weibliche Pflanzen gab. Wer ernten wollte, musste also immer beide in den Garten setzen.
Kein Problem. Zwei dicke Pfosten in zwei Meter Abstand und einen Spanndraht dazwischen – fertig war das Liebesnest für meine Kiwis. Dann begann das lange Warten. Langsam streckten sie über die Wochen und Monate ihre tentakelartigen Äste in alle Richtungen aus. Männchen und Weibchen stellten den ersten Kontakt her. Bald waren ihre Äste eng miteinander umschlungen.
Innerlich jauchzend sah ich dem Liebesspiel der beiden zu. Der Sommer kam und ging. Die Kiwis umschlangen sich immer inniger, aber sie vollzogen nie den entscheidenden Schritt, der für die Produktion von Früchten unabdingbar ist: das Blühen.
Der Herbst kam und die Blätter begannen zu welken. Mit der Ernte wurde es wohl nichts mehr. In der kommenden Saison würde es sicher besser laufen, dachte ich. Als der Frühling kam, streckten Männchen und Weibchen erneut ihre Äste aus.
Inzwischen waren die beiden Pflanzen richtiggehend miteinander verfilzt. Es war schwierig zu unterscheiden, welcher Ast zu wem gehörte. Bei so viel inniger Zuneigung musste sich der Nachwuchs doch irgendwann mal einstellen? Aber nein. Weder das Männchen noch das Weibchen brachte Blüten hervor.
Der Stamm ist die ideale Kletterhilfe.
Im dritten fruchtlosen Jahr dämmerte es mir langsam. Die brauchten mehr Sonne. Die Produktion von Blüten und Früchten ist äusserst anstrengend für Pflanzen. Die Energie dafür nehmen sie vom Zucker, den sie während der Photosynthese produzieren. Das geht jedoch nur, wenn genügend Licht vorhanden ist.
Das Liebesnest lag jedoch ausgerechnet im Schatten des alten Birnbaums. Hier kam die Sonne erst am Nachmittag hin. Sollte ich die Pflanzen ausgraben und an einem besseren Ort neu einpflanzen? Nein, zu viel Aufwand. Die Wurzeln hatten sich inzwischen sicher schon bis Neuseeland durchgegraben. Die hätte ich nie aus der Erde gekriegt. 
Ich überliess das Problem den Kiwis. Sollten sie doch selber schauen, wie sie zu ihrem Licht kamen. Fairerweise habe ich ihnen eine kleine Hilfestellung gegeben und spannte ein Seil zwischen die Kiwis und den Birnbaum, in der Hoffnung, dass sie auf ihm ans Licht klettern mochten.
Das Seil war drei Meter lang. Zuerst sah es gut aus. Sowohl Männchen als auch Weibchen freuten sich über das neue Turngerät und kletterten den ersten Meter eifrig drauf los. Aber dann war plötzlich Schluss. Sie machten keinen Zentimeter mehr auf den Birnbaum zu. Offenbar ging es ihnen nicht schnell genug.
Das Problem war, dass der Weg durch den Schatten des Baumes führte. Und in die Dunkelheit geht keine Pflanze freiwillig. Stattdessen wählen sie stets den direkten Weg zum Licht. So machten es die Kiwis auch. Sie steckten fortan all ihre Energie in die senkrecht nach oben wachsenden Äste. Aber dort gab es keinen Halt für sie. Als die Äste länger wurden, beugten sie sich unter ihrem eigenen Gewicht in alle Richtungen. Bald sahen die beiden Kiwis aus wie der Schlangen-Kopf von Medusa.
Zu Blüten und Früchten führte das immer noch nicht. Alles änderte sich aber als das Männchen mit einem seiner ausufernden Triebe zufällig den Ast eines benachbarten Tannenbaums erwischte. Auf diese Chance hatte es gewartet und begann sogleich, sich am Baum hoch zu hangeln.
Im Herbst befand es sich bereits fünf Meter über Boden. Auf jedem Dezimeter, den es zurücklegte, legte es Seitentriebe an und die begannen ihrerseits die Äste der Tanne zu überwuchern. In der Folge entstand eine Art Kiwi-Baum. Die Nadeln der Tanne verschwanden gänzlich unter den grossen runden Blättern.
Im Frühling dieses Jahres ging es so weiter. Das Männchen umschlang den Hauptstamm der Tanne wie ein Riesenkrake den Grossmast eines Segelschiffs. Je höher es kam, desto mehr Sonne kriegten seine Blätter. Endlich konnte es den für sein Liebesspiel dringend benötigten Zucker produzieren.
Das Resultat davon entdeckte ich diesen Mai. Die ersten männlichen Blütenknospen hingen wie kleine Glöckchen den Ästen. Die Klettertour hatte sich gelohnt. Doch um Nachkommen zu zeugen, braucht es zwei. Leider war das Weibchen während der ganzen Jahre nicht so zielstrebig bei der Sache wie das Männchen. Sein Motto lautet vielmehr «abwarten». Es benimmt sich geradezu wie eine Hofdame, welche den edlen Ritter den Weg bereiten lässt, bevor sie selbst endlich einen Wank macht. 
Erst in diesem Jahr hat die Kiwi-Dame damit begonnen, ihrem Liebsten in die Höhe zu folgen. Dazu umschlängelt sie mit ihren Trieben den dicken Spross des Männchens und folgt ihm die Tanne hinauf. Kein Wunder gibt es bei diesem zaghaften Vorgehen keine weiblichen Blütenknospen und damit erneut keine Früchte.
Mein Plan: Ich opfere die Tanne und lasse meine Kiwis im nächsten Jahr hoch oben auf ihrer Spitze Hochzeit feiern. Nach geschlagenen acht Jahren wird dann mein Traum von der reichen Ernte dann endlich wahr.

Dienstag, 30. Juni 2015

Die Bienenweide des faulen Gärtners

Der Weissklee wertet jeden Rasen auf. Ganz von selbst.
Oh ja. Endlich zahlt sich Faulheit einmal aus. Landauf landab wurde in den letzten Wochen Rasen gemäht. Nun scheint sich eine gewisse Erschöpfung einzustellen. Die Grünflächen sind nicht mehr ganz so kurz geschoren. Als wunderbares Resultat dieses Nichtstuns haben sich die Rasen in Bienenweiden verwandelt. Der Weissklee produziert innert Wochenfrist neue Blüten. Mancher Fussballplatz und in mancher Vorgarten sieht aus wie ein einziges blühendes Kleefeld. Honigbienen und Hummeln lieben das.
Wer also ohne grosse Anstrengung für Bienen etwas Gutes tun will, der mäht seinen Rasen nur alle zwei bis drei Wochen. Auf diese Weise wird aus der grünen Wüste eine Nektarstation für Bienen. 

Dienstag, 23. Juni 2015

Der Ball passt nicht ins Tor

Hier mein Beitrag zur FIFA Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada:
Dieses Tier, das sich immerzu im Kreis dreht, ist etwa einen Zehntelmillimeter lang. Ich habe zurzeit Millionen davon in meinem Salzkrebschen-Aquarium. Was es genau ist, konnte mir bis jetzt niemand sagen. Jemand vermutete, dass es sich um ein Wimperntierchen handeln könnte. Jedenfalls ernährt es sich von einzelligen, grünen Algen. Man sieht schon viele Davon im durchsichtigen Bauch des Tiers. Eine weitere befindet sich in einiger Entfernung. Diese würde unser hungriger Freund auch gerne fressen, aber sie passt einfach nicht in sein Maul. Er versucht es angestrengt drei Mal und spuckt die Alge immer wieder aus. Der arme muss sich wohl oder übel nach einem kleineren Happen umsehen. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Nachhaltiger Holzabbau

Eigenartige Spuren auf dem Lattenzaun.

Kürzlich war ich auf Besuch bei einem Freund. Er liebt die Gartenarbeit und hat vor einiger Zeit einen Lattenzaun aus unbehandelten Brettern gebaut. Auf ihnen fand ich seltsame Spuren. Sie erinnerten mich an die Frassspuren von Schnecken. Mit Frassspuren lag ich schon mal richtig. Aber es war ein ganz anderes Tier, das sich hier gütlich tat.
Nach einer Weile tauchte es schliesslich auf. Es war eine Wespe. Sie nagte die oberste Schicht des Holzes ab, vermischte die Fasern mit ihrem Speichel und produzierte eine Art flüssiges Papier daraus. Mit ihm erweiterte sie ihr Nest. Wespen können mit ihren Mandibeln diesen Brei tatsächlich zu Papier verarbeiten. Mit ihren Mandibeln und ihrer Zunge gehen sie so geschickt mit diesem Baumaterial um, dass es am Ende eine runde Wand von weniger als einem Millimeter Dicke entsteht.
Bei der Beschaffung des Rohmaterials sind Wespen nicht zimperlich. Sie nagen auch Telefonmasten an, obwohl diese mit Imprägniermittel behandelt sind. Die Insekten produzieren jedoch keine Löcher, sondern nagen immer nur die oberste Schicht ab. Dabei bewegen sie sich immer leicht vorwärts, was zur Bildung dieser hellen Bahnen führt. Auch wenn der Zaun oder der Telefonmast nicht nachwächst, so lässt sich diese sparsame und schonende Form des Holzabbaus wohl als nachhaltig bezeichnen.
Die Verursacherin ist eine Wespe.

Mittwoch, 11. März 2015

Darwin und die Baumhühner

Das braune und das schwarze Huhn übernachten
drei Meter über Boden. Vor dem Fuchs sind sie
auf diese Weise sicher.
Nachdem der Fuchs letzten Sommer unsere vier Zwerghühner vertilgt hatte, kauften wir uns Ersatz. Dieses Mal drei Hybrid-Hühner und einen Hahn der Sorte Wyandotte. Letztere sind etwas kleiner als Hybriden aber dennoch nicht so klein wie Zwerghühner.
Hybridhühner ihrerseits sind das, was man gemeinhin unter Legemaschinen versteht. So ein Huhn schafft bei richtiger Fütterung fast ein Ei pro Tag oder etwa sechs Eier pro Woche. Diese Sorten können das, weil sie während Jahrzehnten auf Legeleistung hingezüchtet wurden.
Trotzdem habe ich bis heute kein einziges Ei von ihnen gesehen. Wir kauften die neuen Hühner mit 17 Wochen. Das entspricht verglichen mit uns Menschen ungefähr dem Teenager-Alter. Eier legen sie dann noch nicht. Das machen sie erst mit 20 oder 25 Wochen. Die Monate strichen ins Land und ich fütterte fleissig Körnerfutter und Kalk. Doch nichts ausser Hühnerkacke kam bei den Federtieren hinten raus.
Aus Sommer wurde Herbst und aus ihm schliesslich der Winter. Ich begann, mich bei anderen Hühnerhaltern umzuhören. Im Winter gehe die Legeleistung allgemein zurück. Die Tiere bräuchten ihre Energie für die Produktion von Körperwärme. Also bis auf weiteres keine Eier.
Meine wohlgenährten Hühner gingen immer bei Dämmerung selbständig ins Häuschen. Ein durch einen Lichtsensor gesteuerter Motor schloss die Schiebetüre, sobald es ganz Nacht wurde. Auch wenn sie keine Eier legten, intelligent waren die Tiere allemal. Das muss man ihnen lassen.
Doch eines Abends hatten die Tiere offenbar einen akuten Anfall der Dummheit. Als ich nach Sonnenuntergang einen Kontrollblick ins Häuschen warf, erblickte ich darin nur das braune und das schwarze Huhn. Das weisse Huhn und der Hahn fehlten. Aus irgendeinem Grund sind die nicht bei Zeiten ins Häuschen. Ich suchte den Garten ab, fand sie jedoch nirgends. Am nächsten Morgen sahen wir das, was wir sehen mussten: zwei Haufen mit Federn. Der Fuchs hat sich die dummen Hühner geschnappt.
Braun und Schwarz mieden fortan das Hühnerhaus ebenso. Offenbar trauten sie seiner schützenden Wirkung nicht mehr. Doch statt irgendwo auf dem Boden zu übernachten wie ihre dahingeschiedenen Freunde, setzten sie sich Abend für Abend auf den Ast einer Tanne drei Meter über Boden. Der Ast ist so hoch und so unzugänglich, dass es kein Fuchs jemals dorthin schaffen wird. Seither sagt mein 4-jähriger Sohn ihnen nur noch «wilde Hühner» oder «Baumhühner».
Der ganze Vorgang liess uns Zeuge des evolutionären Prozesses werden, so wie ihn sich Charles Darwin vorgestellt hat. Die Schwachen oder Dummen werden von den Jägern gefressen, während sich die Schlauen dem Einfluss der Jäger entziehen. Auf diese Weise hat sich die Hühnerpopulation in meinem Garten erfolgreich an ein Leben ausserhalb des schützenden Häuschens angepasst.
Lange Zeit wusste ich nicht, wie die Tiere auf den Baum kommen. Bis ich sie heimlich
bei ihrem Aufstieg filmte.

Dienstag, 10. Februar 2015

Mutterliebe

Die Sonnenblume opfert ihr Leben für ihre Nachkommen. 
Es ist wieder soweit. Wir kippen kiloweise Vogelfutter in den Garten, damit Amsel, Buchfink und Grünling sich den Bauch vollschlagen können. Die ganze Fütterung hat eine tragische Seite. Nicht für die Vögel, sondern für die Pflanzen.
Hauptbestandteil der meisten Mischungen sind Sonnenblumensamen. Das hat einen guten Grund: Sie sind vollgetankt mit Öl. Es liefert den Vögeln Energie für Muskulatur und für die Wärmeproduktion. Hundert Gramm Sonnenblumenkerne enthalten 570 Kilokalorien. Das ist mehr als Milchschokolade hat.
Das Öl ist ein Geschenk – nicht für die Vögel, sondern für den Embryo, der in der Spitze jedes Sonnenblumenkerns schlummert und darauf wartet, dass ihn jemand in feuchte, warme Erde drückt. Das Geschenk stammt von der Mutterpflanze. Sie hat einen ganzen Sommer lang mit der Photosynthese Zucker produziert und diesen unter anderem in Stärke und Fette umgewandelt. Von diesem Energievorrat zehrt der Sämling während der ersten Tage seines Lebens.
Die wenigsten Pflanzen stecken ihre Energie so konsequent in die nächste Generation wie die Sonnenblume. Der Bärlauch beispielsweise behält das meiste für sich. Er lagert die Stärke in seiner Knolle unter der Erde ein. Für seine Samen bleibt da nicht viel übrig. Noch geiziger ist das Knabenkraut. Auch es behält Zucker, Stärke und Fette lieber für sich und speichert sie in einer Knolle. Ihren Samen vermacht sie kein Gramm davon. Sie sind so winzig und so energiearm dass sie im Boden nur keimen, wenn Pilzen sie mit den nötigen Nährstoffen versorgen. Der Vorteil dieser Geiz-Strategie ist, dass eine Pflanze dank ihrer gehorteten Energie mehrere Jahre oder Jahrzehnte am Leben bleibt.
Die Sonneblume ist da ganz anders. Sie vermacht ihre gesamten Reserven der nächsten Generation. Damit unterschreibt sie allerdings ihr Todesurteil. Zum Winteranfang erfriert sie. Die Samen aber überleben und bekommen dank des Ölvorrats einen grandiosen Start ins Leben. Das ist wahre Mutterliebe bei den Pflanzen.

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Weihnachtliches Ökosystem

Von aussen sieht die Keksdose unschuldig aus.
Im Moment schmecken die Weihnachts-Kekse noch vorzüglich. Doch je mehr Zimtsterne, Linzeraugen, Vanillekipferl und Lebkuchen wir in uns aufnehmen, desto mehr rebelliert unser Gaumen gegen die an ihm vorbeiziehenden Zucker-, Vanille- und Schokonuancen. Nussig und zitronengetränkt erträgt er schon bald nicht mehr.
Das ist in der Regel die Zeit, in der neue Ökosysteme geschaffen werden. Die Keksdosen, in denen einige Brunsli und Mailänderli hartnäckig die Stellung halten, landen nämlich im Schrank gleich neben den zehn Jahre alten Karamellbonbons. Dort machen die Kekse in der Regel einen sehr langen Winterschlaf. Wenn der Frühling kommt, hat man sie schon längst vergessen. Im Sommer denkt niemand auch nur im entferntesten an Kekse. Im Herbst ist Weihnachten noch zu weit weg, um sich dem Thema zu widmen. Aber spätestens an Weihnachten, wenn sich eine neue Generation von Keksen auf dem Tisch zu einem Berg türmt und Behältnisse Mangelware sind, erinnern wir uns an die Dosen vom letzten Jahr.
Drinnen zeigt sich, was mit meinen Keksen von
letztem Jahr passiert ist.
Wer sie zum ersten Mal seit 12 Monaten öffnet, kann einen Schock bekommen. Denn Brunsli und Mailänderli haben manchmal ihre Erscheinungsform erheblich verändert. Bei unseren fand gar eine regelrechte Verwandlung statt. Als wir die Keksdose öffneten, fanden wir eine riesige Kolonie aus Mehlmotten vor. Zudem war die ganze Dose ausgekleidet mit einem grauen Seidengespinst.
Offenbar hat sich letzten Januar, als die Dose in den Schrank wanderte, eine einzelne Mehlmotte zwischen den Keksen versteckt. Es muss sich um ein schwangeres Weibchen gehandelt haben. Dieses kann bis zu fünfhundert Eier ablegen. Die aus ihnen schlüpfenden Maden machten sich mit Freuden über die Kekse her. Um zu überleben, brauchen sie kein Wasser. Alle stärkehaltigen Speisen sind ihnen recht.
Der Mangel an Keksen liess das Ökosystem
schliesslich kollabieren.

Während die Maden fressen, ziehen sie ständig einen Seidenfaden hinter sich her. Mit der Zeit bildet sich ein dichtes Gespinst. Offenbar haben sich die Maden schliesslich verpuppt und es sind Hunderte von Motten geschlüpft. Vielleicht haben sich die Geschwister untereinander erneut verpaart. Vermutlich haben sie sogar Eier abgelegt, doch die erste Generation hat die Vorräte bereits aufgebraucht.
Das von alten Weihnachtskeksen angetriebene Ökosystem überdauerte wohl nur ein oder zwei Monate, dann kollabierte es. Zurück blieben eine Menge luftgetrockneter Motten, das Gespinst und darunter ein riesiger Haufen Kot.

Sonntag, 16. November 2014

Getarnte Puppen

Die Puppe passt sich immer der Farbe ihres
Untergrundes an. Sie kopiert sogar den leichten Gelbstich
des alten Fenchelkrauts.
Seit diesem Monat bin ich ein noch grösserer Fan der Schwalbenschwanz-Schmetterlinge. Nicht nur, dass sie drei Generationen pro Jahr hervorbringen, dass sie den langsamsten Flügelschlag aller europäischen Insekten haben, oder dass sie ihre Eier zählen können – sie besitzen auch eine eingebaute Tarnvorrichtung.
Ich entdeckte sie, als sich die Raupen in meinem Schmetterlingskasten zu verpuppen begannen. Mir ist aufgefallen, dass die Puppen je nach Untergrund eine andere Färbung besitzen. Auf braunem Holz sind sie in Brauntönen gehalten. In der Nähe des schwarzen Fliegengitters verzieren sie ihre Hülle mit schwarzen Strähnen. Wenn sie sich im grünen Kraut des Fenchels verpuppen, sind sie grün.
Auf dem braunen Holz ist die Puppe braun.
Offenbar scannt die Raupe zu beginn des Verpuppungsvorgangs die Farbe des Untergrundes und schafft es dann irgendwie ihren Pigmentzellen den Befehl für die Produktion der entsprechenden Farben zu erteilen. Das Verrückte dabei ist, dass es ein oder zwei Wochen dauert, bis die Raupe vollständig verpuppt ist. Da sich die Augen wie auch der Rest der Raupenhaut irgendwann abzulösen beginnen, muss die Puppe sich irgendwie an die Farbe, welche die Raupe gesehen hat, erinnern. Das ist ein kleines Wunder, denn die Puppe ist in ihrem Innern flüssig. Sie befindet sich im Zustand der Metamorphose und besitzt während dieser Zeit keine Organe und vor allem kein Gehirn.
Wenn die Puppe sich mit zuckenden Bewegungen aus der alten Raupenhaut schält, ist sie zunächst grün gefärbt. Erst nach einigen Stunden nimmt sie die Farbe des Untergrundes an. Wo diese Information gespeichert ist, ist ein Rätsel.
In der Nähe des schwarzen Fliegengitters mischt sie
einen grösseren Anteil schwarz bei.



Die Puppe streift die Haut der
Raupe ab.

Das ist etwas mühsam für sie. Mit
zuckenden Bewegungen...

...schafft sie es schliesslich.

Am nächsten Tag ist sie braun, wie das
Holz, auf dem sie sich festgezurrt hat.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Nie ohne Sonnenschutz

Ein Teilstück der Hecke vor dem Schnitt.

Eigentlich hasse ich diesen Strauch. Doch seit 50 Jahren trennt eine Hecke aus Blutberberitzen meinen Garten von der Landstrasse ab. Man muss sie jedes Jahr mindestens zweimal zurück schneiden. Sonst hätten sie die Strasse schon längst überwuchert. Beim Zusammenkehren des Abschnitts hat man das Gefühl, in einen Nadelhaufen zu greifen. Wenn ich mal ab durch die Hecke muss, pieksen die Dornen noch durch die Jeans. Und nichts kann diesen Strauch zerstören. Nässe, Trockenheit, üppiges Salzstreuen im Winter – er steckt alles weg.
Diesen Herbst hat sich meine Wertschätzung für die Blutberberitze allerdings massiv erhöht. Ich musste wieder mal stutzen. Dabei ist mir aufgefallen, dass bloss die obersten Blätter dunkelrot sind. Diejenigen weiter unten sind grün. Als ich die Hecke geschnitten hatte, war sie also nicht mehr rot, sondern grün. Doch nach ein paar Tagen stand sie wieder knallrot da, als ob jemand einen Kübel Farbe auf ihr ausgeleert hätte.
Das Teilstück unmittelbar nach dem Schnitt:
Die grünen Blätter treten zu Tage und werden
nun voll von der Sonne beschienen.

Die Erklärung dafür ist die Sonne. Die meisten Pflanzen sind überfordert mit der Energiemenge, die täglich vom Himmel herunterstrahlt. Sie können nur einen Drittel von ihr verwerten. Den Rest müssen sie irgendwie loswerden, sonst würde er ihre Blätter zerstören. Darum lagern Pflanzen einen natürlichen Sonnenschutz in ihren Blättern ein. Er besteht aus so genannten Carotinen. Das sind meist rötliche oder gelbliche Farbstoffe, welche das überschüssige Licht auffangen und in Wärme umwandeln.
Manche Pflanzen wie die Blutberberitze lagern so viele Carotine in ihren Blättern ein, dass diese rot erscheinen. Offenbar kann sie die Menge der Carotine selbst regulieren. Blätter, die dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt sind, besitzen besonders viele von ihnen. Die weiter drinnen im Busch, die im Schatten der anderen stehen, brauchen keinen Sonnenschutz und sind darum grün. Wenn ich nun die äussere Schicht Blätter wegschneide, werden die grünen Blätter plötzlich voll angestrahlt. Sofort produzieren sie Carotine und verändern dabei ihre Farbe.
Nach zehn Tagen sind die Blätter wieder rot.

Dienstag, 2. September 2014

Mein Haustier ist der Fuchs

Rupf-Platz eins.
Wäre ich eine Firma, müsste ich jetzt eine Medienmitteilung verfassen und darin erklären, wie es soweit kommen konnte. Vermutlich gäbe es darin einen Satz mit den beiden Wörtern «technisches Versagen». Die Kurzfassung: Meine drei Hühner und der Hahn sind auf tragische Weise ums Leben gekommen. Der Fuchs hat ihnen in einem perfekt durchgeführten Raubzug die Kehle durchgebissen und sie danach im Wald verscharrt.
Wir sind über das Wochenende weggefahren und haben die Hühner allein im Garten gelassen. Normalerweise ist das kein Problem. Die Schiebetüre aus Aluminium schliesst jeden Abend in der Dämmerung automatisch und riegelt so das Hühnerhaus fuchssicher ab. Meine Zwerghühner wussten das und setzten sich beizeiten ins Häuschen. Am Morgen bei Sonnenaufgang schaltet der Lichtsensor den Motor des Schiebers ein und das Häuschen öffnet sich wieder. So ging das während mehreren Wochen ohne Zwischenfälle.

Rupf-Platz zwei.
Doch genau dann, wenn ich mal nicht da bin, klemmt die Schiebetür. Sie blieb die ganze Nacht einen Spalt offen. Das hat der Fuchs natürlich gleich gemerkt. Seit Jahren verfolge ich im Winter seine Spuren im Schnee. Das Fazit dieser Studien: Der Fuchs kommt jede Nacht in meinen Garten und schaut sich genau um. Er schnüffelt am Hochbeet, hält seine Schnauze in ein offenes Mausloch und setzt eine Duftmarke an der Hausecke.
Offenbar bemerkt er jede noch so kleine Veränderung sofort. Er hat wohl schon längst auch das Hühnerhaus in seine nächtlichen Erkundungstouren miteinbezogen. Während ich schlafe, schleicht er lautlos um den Holzbau mit seinem potenziellen Mitternachtshappen drin. Vor ein paar Nächten hat sich die Mühe endlich gelohnt. Das Tor steht offen, der Fuchs geht rein. Nach einem kurzen Tumult, bei dem die Sitzstangen herumgeworfen werden, sind die Hühner nur noch Poulet-Fleisch.
Alles, was ich nach dem Wochenende vom Überfall zu sehen bekam, waren ein paar Federn an zwei Stellen im Garten. Ansonsten gab es weder Blut noch andere Überreste meiner Hühner. Ruht in Frieden, meine kleinen Haustiere.
Der Alu-Schieber klemmte. In der Folge
konnte sich der Fuchs den
Bauch vollschlagen.
Es gibt aber noch eine andere Betrachtungsweise. Vielleicht ist der Fuchs mein wahres Haustier und die Hühner sind eine etwas teure Malzeit, die ich für ihn organisiert habe. Damit es nicht allzu einfach wird für ihn, habe ich seine Nahrung in einem Behältnis mit Schliessautomatik versteckt. Auf diese Weise forderte und förderte ich seine Geschicklichkeit und Geduld. Das tönt vielleicht verrückt. Und bei allem, was er mir mit dem Kompost angetan hat, ist es auch nicht sehr plausibel. Aber vielleicht fühle ich mich unbewusst zum wilden Teil meines Gartens viel mehr hingezogen als zum gezähmten und domestizierten. Wie dem auch sei, ich habe bereits neue Hühner gekauft. Ich hoffe, dass ich das nicht schon wieder für den Fuchs getan habe.

Montag, 1. September 2014

Danke!

Liebe Leser
Liebe Leserinnen

wildergarten.ch hat eben 100 000 Zugriffe überschritten. Ich bedanke mich für eure Treue und wünsche euch weiterhin noch viel Vergnügen.

Mit besten Gartengrüssen

Atlant Bieri

Dienstag, 29. Juli 2014

Grundwasser-Landschaft

Mein Grundwassersee steigt aus dem Rasen auf.
Der Juli war nass. So viel Wasser ist schon lange nicht mehr auf meinen Garten nieder gegangen. Alles triefte. Aber der Dauerregen hatte auch etwas Gutes. Er zeigte mir eine bis anhin verborgene Seite meines Gartens.
Unter dem Boden gibt Grundwasser. Das liegt mal in zehn Meter Tiefe, mal in zwei. Es kann aber auch sein, dass es nur knapp unter der Oberfläche durch die Bodenporen sickert. Das ist von aussen nicht immer unbedingt sichtbar. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, das Grundwasser ans Tageslicht zu holen. Erstens, man gräbt ein Loch in den Garten, oder zweitens, man wartet auf den grossen Regen.
Aus dem See fliesst ein Bach
den Weg runter.
Im letzteren Fall steigt der Grundwasserspiegel bis es die Bodenoberfläche erreicht. Das ist in meinem Garten an einer Stelle passiert. Das sieht sehr seltsam aus. Auf ein paar Quadratmetern bildet sich einfach ein See. Weil mein Garten etwas geneigt ist, hat der See auch einen Ausfluss. Das Wasser folgt dabei der Schwerkraft über den Rasen bis das Gefälle so stark wird, dass sich ein kleiner Bach bildet. Der Bach rauscht über den Gartenweg, die Gartenplatten und unter der Hecke durch bis er einen Teil des Bodens erreicht, in dem das Grundwasser nicht bis an die Oberfläche gestiegen ist. Dort versickert der Bach im Boden und verschwindet im Nichts.
Dank des Regens kann ich jetzt eine Karte des Grundwasservorkommens meines Gartens erstellen. Das könnte mal nützlich werden, wenn ich in Zukunft einen Teich anlegen möchte. Ich buddle dort, wo das Wasser auch ohne Regen nahe an die Oberfläche kommt. So kann ich vielleicht sogar auf eine Teichfolie verzichten. Oder ich kann sie so zurechtschneiden, dass das Grundwasser in den Teich fliesst, nicht aber aus ihm heraus. An derselben Stelle könnte ich auch einen Bach anlegen. Oder ein kleines Moor mit fleischfressenden Pflanzen.

Dienstag, 1. Juli 2014

Charakter-Hühner

Die First Lady mit dem Hahn. 

Seit drei Wochen gibt es neue Bewohner in meinem Garten. Es sind Federfüssige Zwerghühner. Sie heissen so, weil sie an den Füssen einen Fächer aus Federn besitzen. Als Zwerghühner sind sie zudem nur etwa halb so gross wie eine normale Legehenne. Dafür ist ihr Gefieder zehn Mal schöner.
Ob mich das dauernde Gegacker und Gekrächze nicht nervt? Das ist das Beste an diesen Tieren: sie sind fast vollkommen lautlos. Der Hahn ist der grösste Chiller, den ich je gesehen habe. Sein Lebensmotto lautet: «Wer seine Stimmbänder schont, lebt gemütlicher». Am Morgen habe ich den noch kein einziges Mal «kikerikiii» rufen hören. Der kommt einfach still aus dem Hühnerhäuschen geschlichen und legt sich dann mit seinem Lieblingshuhn in die Morgensonne. So ein fauler Gockel.
Miss Intelligent untersucht den Rand
ihres Universums.
Dann gibt es da die First Lady. Sie weicht dem Hahn nicht von der Seite. Die beiden machen alles zusammen. Sonnenbaden, sandbaden, fressen. Und am Abend gehen sie wie ein altes Ehepaar brav miteinander ins Bett. Es ist fast schon rührend, wie sie sich im Häuschen aneinander schmiegen.
Miss Intelligent ist da anders. Ihr IQ ist etwa drei Mal so hoch wie der des Hahns. Sie interessiert sich nicht für Romanzen, sondern ist Forscherin mit Leib und Feder. Wenn ich auch nur in die Nähe des Zauns komme, rennt sie herbei und gackert aufgeregt, als wollte sie sich bei mir nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Weltraumforschung erkundigen. Wenn ich das Stroh wechsle, hüpft sie zwischen meinen Armen hindurch und beginnt das Stroh gleich wieder aus den Legestellen zu scharren. Sie hat die Nase immer zu vorderst und besitzt nicht den leisesten Hauch von Furcht. Aus der wird sicher noch mal eine Uniprofessorin.

Mein Durchschnitts-Huhn. Wird es mich
eines Tages mit der Weltformel überraschen?




Die letzte im Bunde ist Miss Durchschnitt. Sie ist weder Gockels Liebling noch ist sie besonders schlau. Sie ist von allen am schwierigsten einzuschätzen. Stille Hühner können tiefsinnig sein. Die muss ich im Auge behalten. Irgendwann wird sie mich vielleicht überraschen.
Die Hühner haben einen Auftrag. Sie sollen die unkontrollierbar gewordene Wildnis in den Randbereichen meines Gartens zähmen. Nichts macht Gestrüpp so zu schaffen, wie ein paar konstant scharrende Hühnerfüsse. Aber mit einem Hahn, der sich der Gemütlichkeit verschrieben hat, kann ich wohl noch eine Weile warten, bis sich der Dschungel lichtet.

Dienstag, 27. Mai 2014

Topf-Teiche

Topf-Teich mit Seerose in Bangkok.
   
Die Thais befüllen ihre Blumentöpfe nicht nur mit Erde, sondern auch mit Wasser. Auf diese Weise erstellen sie aquatische Mini-Ökosysteme, die vollkommen sich selbst überlassen werden. Man sieht sie im ganzen Land vor Ladeneingängen, an Häuserecken und in nahezu jedem Garten. Die Befüllung geht wie folgt vonstatten: In den leeren Topf kommt ein wenig Erde oder Sand. Das braucht es, um später den Wasserpflanzen Halt zu geben. Danach wird mit Wasser aufgefüllt. Nun kommen die Wasserpflanzen hinein. Seerosen sind besonders hübsch, weil sie alle paar Wochen neue Blüten hervorbringen. Ebenso so schön ist Lotus. Dazwischen setzt man Wasserpest oder andere Wasserpflanzen, die unter den Seerosenblättern gut gedeihen.
Ein besonders üppig wachsender Teich.
    
Das ist aber noch nicht alles. Würde man den Topf-Teich jetzt sich selbst überlassen, hätte man in wenigen Tagen die perfekte Brutstätte für Moskitos. Darum kommen in jeden Teich noch ein paar Guppys. Diese ursprünglich aus Südamerika stammenden Süsswasserfische kennen wir in Europa aus dem Aquariumladen. Sie sind bei Anfängern beliebt, weil sie sich auch in trüben Becken noch wohl fühlen. In Thailand sind sie längst verwildert und bevölkern auch den übelriechendsten Kanal.
Guppys sind Allesfresser. Sie knabbern an abgestorbenen Pflanzenteilen, fressen Algen und sie machen Jagt auf jedes Tier, das kleiner ist als sie. Moskitolarven zählen zu ihrer Leibspeise. Die erwachsenen Tiere verschlingen auch schon mal ihre eigenen Babys.
Guppys halten den Topf-Teich frei von Moskito-Larven.
   
Guppys können sich sehr schnell und üppig vermehren. Oft gibt es pro Topf-Teich Hunderte von ihnen in allen Grössen. Es gibt viele verschiedene Zuchtformen mit wunderschönen Schwanzflossen in knalligen Farben.
Topf-Teiche kann man auch in der Schweiz bauen. Doch statt Guppys müsste man hier wohl eher winterharte Goldfische einsetzen. Hat jemand Lust es zu versuchen? Vielleicht wird es der nächste grosse Gartentrend bei uns.

PS: Eine meiner Leserinnen verwendet Moderlieschen in Topf-Teichen. Die sind um einiges kleiner als Goldfische und zudem an ein Leben in Kleinstgewässern angepasst.
Kopf eines Baby Guppys.


    

Sonntag, 30. März 2014

Das Mango-Hörnchen

Erwischt: Ein Schönhörnchen
klettert gerade auf eine Palme.
Was der Apfelbaum für die Schweiz ist, ist der Mangobaum für Thailand. Es gibt fast keinen Garten oder Hinterhof ohne ihn. Selbst in Bangkok trifft man ihn eingepfercht zwischen Strassen und Fassaden an.
Vor einigen Wochen hat die Mangosaison begonnen und die Früchte hängen süss und schwer an den Ästen. Das haben auch die Schönhörnchen mitbekommen. Sie sind das asiatische Pendant zu unserem europäischen Eichhörnchen. Während diese vor allem im Herbst durch unsere Gärten turnen und sich an den Walnüssen vergreifen, bedienen sich die Schönhörnchen nun an den Mangos. Ein Festessen für die Nagetiere.
Sie müssen jedoch ziemlich viel von den süssen Früchten verputzen, damit sie etwas davon haben. Mangos besitzen nur 58 Kilokalorien pro 100 Gramm. Das ist rund zehn mal weniger als bei den Walnüssen. Entsprechend sieht es im Garten meiner Tante aus. Überall unter den Bäumen liegen ganz oder halb abgenagte Früchte.
Die flinken Tiere sind schwer vor die Linse zu kriegen. Sie turnen nur kurz durch die Äste oder tänzeln über den Gartenzaun und verschwinden dann in einer ruhigen Ecke, wo sie sich ihren Mangos zuwenden.

Von dieser Mango ist nur
noch der Samen übrig.

Es hängen so viele Früchte an einem einzigen
Baum, dass sich das Schönhörnchen etwas
«Foodwaste» leisten kann.

Dienstag, 11. März 2014

Topfgarten XXL

Topfgarten auf der Treppe vor
einem Ladeneingang.
Bei der Verwendung von Blumentöpfen sind die Thailänder Weltmeister. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert, so wie in der Schweiz. Schweizer Hobby Gärtner sind ja eher als Blumentopf-Muffel zu betrachten. Nur schon beim Kauf muss man sich als Schweizer fünf mal überlegen, ob man sich diesen oder jenen Topf nun leisten will oder nicht. Und wohin bloss mit dem Ding? Auf den Balkon, oder vor’s Haus oder doch lieber neben den Briefkasten?
Die Thais sind da ganz anders. Sie zählen ihre Töpfe beim Kauf nicht in Einzelstücken, sondern im Dutzend. Hinein kommen nicht etwa Schnittlauch oder Koreander, sondern Zierpflanzen in allen Grössen und Grüntönen. Die Töpfe werden so angeordnet, dass die Pflanzen zu einer Einheit verschmelzen, wie grüne Farbtupfer auf einem impressionistischen Gemälde.
Vom Kraut bis zum Baum kommt alles
in den Topf.
Dabei schaffen sie es, dass die Töpfe gänzlich verschwinden. Es sieht aus, als ob da ein richtiger, in die Erde gepflanzter Garten stünde. Nur wer im Dickicht zu wühlen beginnt, entdeckt die Töpfe.
Zuweilen sind es wunderschöne aus Ton gefertigte Kunstwerke. Aber es können auch ganz billige Plastikgebinde sein, wie sie in Gartenzentren für die Massenvermehrung verwendet werden. Wir Schweizer haben für diese Wegwerftöpfe nichts als Verachtung übrig. Vielleicht sollten wir uns auch einmal dazu hinreissen lassen, die Sommerastern im Dutzend zu kaufen und sie so anzuordnen, dass die Töpfe optisch in einem Meer aus Farben verschwinden. 

Erdnussschalen als Mulchschicht
gegen den Feuchtigkeitsverlust.



Ein hübschen Beispiel vor einer öffentlichen
Toilette. Man beachte die Staffelung von
kleinen, mittleren und grossen Pflanzen.



Das schönste Beispiel, das ich gefunden habe. Die vorderste Topfreihe wird durch ein Mäuerchen
aus lose aufeinander gelegten Backsteinen verdeckt. Einfach genial.


Freitag, 7. März 2014

Pool-Bienen

Die Zwergbuschbiene an der zuverlässigsten
Tränke Thailands: der Pool.
In der Trockenzeit von Oktober bis Mai sinkt der Grundwasserspiegel in Thailand dramatisch ab. Es regnet Wochen- oder Monatelang kein einziges Mal. Oberflächengewässer wie Tümpel, Strassengräben, Bäche und kleine Flüsse verpuffen in der sengenden Hitze. Für die Zwergbuschbiene (Apis andreniformis), die kleinste Honigbiene der Welt, bedeutet das Stress. Sie arbeiten 365 Tage im Jahr und sind auf eine zuverlässige Wasserversorgung angewiesen. Sie müssen in einer wasserlosen Landschaft eine Tränke finden.
In den Ritzen zwischen den aufgemauerten
Kieseln sammelt sich gerade die richtige
Menge Wasser.
Zum Glück für sie gibt es den Tourismus und seine Nebenerscheinungen. Eine davon sind die landesweiten Hotelanlagen, wie etwa das Krabi Resort, in dem wir eingecheckt haben. Das Herzstück jedes Resorts ist der Pool. Für uns Menschen bedeutet er reines Vergnügen. Doch für die Bienen ist er eine Lebensversicherung – ein riesiges Reservoir an nie versiegendem Frischwasser.
An der Randzone, wo das Wasser gerade noch so hinschwappt, starten und landen die Bienen im Minutentakt. Ihr Tankstopp dauert etwa eine halbe Minute, dann schwirren sie wieder davon.
Zuweilen versammeln sich ganze Schwärme an den Poolrändern. Für Touristen ohne Gartenerfahrung sieht das so aus, als ob es hier ein Bienennest geben würde. Doch das ist ein Trugschluss. Es ist die Macht des Durstes, der die Bienen in grosser Zahl zum Wasser treibt.
Bis der Durst gestillt ist, dauert es eine
halbe Minute.
Verwunderlich ist, dass sie das Wasser trinken, obwohl es mit Chlor versetzt ist. Ob es den Bienen schadet, kann ich nicht sagen. Doch die Chlormenge in thailändischen Pools ist offenbar nicht so gross wie bei uns in der Schweiz. Das zeigt sich daran, dass die Poolränder oft mit einem grünen Teppich aus Algen bewachsen sind. Wenn die Algen das Wasser überleben, dann vielleicht auch die Bienen.





Dann geht es auf zur
nächsten Blüte.
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