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Samstag, 6. Februar 2010

Überschwemmung im Bett

Wehmütig scheint der kleine Feuersalamander auf
seinen Winterschlafplatz zu blicken, der im
Schmelzwasser versunken ist.
Die Feuersalamander im Lüftungsschacht kämpfen mit den warmen Temperaturen. Diese lassen den Schnee im Garten schmelzen und das Wasser läuft den Schacht hinunter genau in die Vertiefung, wo die Amphibien ihren Winterschlaf halten. Das passt ihnen natürlich nicht. Sie müssen sich aufraffen und sich auf höher gelegenes Gelände schleppen. Dort warten sie jetzt bis die Temperaturen wieder fallen und der kleine See in ihrer Schlaffstelle versickert ist.
Für mich als Beobachter hat das kleine Unglück eine gute Seite. Denn erst jetzt kommt die gelbe Zeichnung auf ihrer Haut wirklich zur Geltung. Unter einem dünnen Film von Feuchtigkeit leuchtet die Flecken wie Flammen, die sich auf dem Boden des Schachts entzündet haben.
Obwohl so viel Wasser im Augenblick etwas lästig erscheint, sind die Tiere nun in ihrem Element. Sie lieben Orte, an denen sich Wasser und Land durchmischen. Feuersalamander sind Halbwesen zwischen Fisch und Reptil. Halb gehören sie ins Wasser, halb bevorzugen sie das Land. Ihre gespaltene Persönlichkeit zeigt sich bei der Geburt ihrer Jungen. Diese sehen schon beinahe aus wie ihre Eltern, doch links und rechts von ihrem Kopf besitzen sie Kiemen, die es ihnen erlauben, unter Wasser zu atmen. Erst wenn sie älter werden, entwickeln sich ihre Lungen und die Kiemen bilden sich zurück. Als ausgewachsene Tiere verlassen sie ihren Bach und kehren nur noch zu ihm zurück, wenn sie eines Tages selbst Junge gebären.
In den Hautfalten steigt das Wasser durch die
Kapillarkraft nach oben. So vereilt es sich auf dem
ganzen Körper.
Trotzdem brauchen sie das Wasser wie wir die Luft zum Atmen. Ihre Haut ist so dünn, dass sie schnell austrocknet. Darum verbringen sie die meiste Zeit ihres Lebens unter Asthaufen, im Unterholz und in verrottenden Wurzelstöcken – überall dort, wo es schön feucht ist. Für die gleichmässige Benetzung ihres Körpers wenden sie einen Trick an. Sie schmiegen sich eng an den Boden und lassen die Feuchtigkeit in ihren Hautfalten durch die Kapillarkraft aufsteigen. Das ist eine ähnliche Methode, wie sie Pflanzen anwenden, um Wasser durch ihr feines Röhrensystem bis in die obersten Blätter zu transportieren.
Doch alle Tricks der Welt genügen ihnen nicht, um mit den Umweltveränderungen in der Schweiz fertig zu werden. 90 Prozent der ehemaligen Schweizer Feuchtgebiete sind trockengelegt. Eine Landschaft, die einst aus einem Gemenge zwischen Wasser und Festland bestanden hat, ist heute aus Sicht eines Salamanders zur Trockenwüste geworden. Tümpel, Sümpfe, Wassergräben und überschwemmte Ebenen sind den Kuhwiesen und Strassen gewichen. Ihre Umwelt hat sich in einem Jahrhundert mehr verändert als in den zehntausend Jahren davor. Da können sie nicht mithalten. Darum haben die Feuersalamander heute einen Ehrenplatz auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Schweiz.

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