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Dienstag, 22. Dezember 2009

Die Einfahrt #1

Hier ist die Einfahrt. Aber wo sind die Rosen?
Rosen säumen die Einfahrt zu meinem Haus. Wunderschöne Rosen, prächtige Rosen, Rosen in allen Farben und Formen, nach süssen Düften riechend. Eine wahre Augenweide sind sie. Das Gute an ihnen: Sie kosten mich keine Sekunde Arbeit, keinen Franken Dünger, Erde oder Pflanzenschutzmittel. Wer mich besuchen kommt, darf gerne einige von ihnen mitnehmen; ich habe genug. Sie vermehren sich sehr schnell, da kann ich getrost grosszügig sein. Einen kleinen Schönheitsfehler haben sie allerdings. Um sie geniessen zu können, braucht es etwas Vorwissen. Nicht viel, um ehrlich zu sein. Und gerade das ist an ihnen so wunderbar, dass sie dem Betrachter noch etwas abverlangen. Es ist keine Kunst, sich an einer Gloria Dei zu erfreuen – dazu wurde sie ja gezüchtet. Aber bei meinen braucht es Einfühlungsvermögen in ihre Entwicklungsgeschichte.
Wer zum ersten Mal auf den Betonpflastersteinen meiner Einfahrt steht, wird auf den ersten Blick keine Rosen sehen. Da gibt es ziemlich viel Rasen rundherum. Ein endloser Rasen, der bis zur Strasse reicht, die Atlas-Zeder umspült und an die Erika anstösst. Ein richtiger Urwald ist er und die Hälfte davon besteht sicher aus Moos und Kräutern. Das typische Resultat, wenn man nie Dünger ausbringt. Als Folge sind die Gräser schon fast bedrohte Arten in ihm. Also sicher kein geeigneter Rahmen für so anmutige Geschöpfe wie Rosen. Doch wo sind sie?
Zwischen Rasen und Pflastersteinen liegt noch eine Reihe Randsteine, die der Einfahrt einen sauberen Abschluss verpassen. Sie sind etwa eine Handspanne breit und einen halben Meter lang und ziehen sich aneinandergereiht in einem eleganten Bogen zur Strasse hin scharf am Briefkasten vorbei. Sie bestehen aus Sandstein. Das ist ein sehr poröses Material, das Wasser aufnimmt, wie ein Schwamm.
Die Oberfläche ist etwas grob gearbeitet. Kein Diamant-Schnitt. Es sieht eher aus, wie wenn sie ein Dinosaurier aus dem Steinbruch gebissen hätte. Wenn man die Augen auf eine Distanz von zehn Zentimetern heranbringt, offenbaren sich einem tiefe Schluchten, Krater im Durchmesser von mehreren Hundert Metern und lang gezogene Täler. Das Geländerelief ist Atem beraubend von der Perspektive einer Ameise aus gesehen. Etwas stimmt mit ihm allerdings nicht. Seine Farbe.
In den tieferen Regionen ist der Sandstein nicht braun-grau, wie man es von ihm erwartet. Eher grünlich und in den engen Furchen und Einbuchtungen leuchtet seine Oberfläche gar von einem frischen intensiven Grün. Es sieht so aus, als hätte jemand Wasserfarbe in die Täler und Schluchten geschüttet. Von den Kuppen ist sie abgeflossen und in den Ritzen und Rinnen ist sie schliesslich hocken geblieben und eingetrocknet. So liesse sich das Muster perfekt erklären. Aber die korrekte Erklärung lautet natürlich anders. Und sie führt mich direkt zu den Rosen.

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