Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.

Freitag, 7. März 2014

Pool-Bienen

Die Zwergbuschbiene an der zuverlässigsten
Tränke Thailands: der Pool.
In der Trockenzeit von Oktober bis Mai sinkt der Grundwasserspiegel in Thailand dramatisch ab. Es regnet Wochen- oder Monatelang kein einziges Mal. Oberflächengewässer wie Tümpel, Strassengräben, Bäche und kleine Flüsse verpuffen in der sengenden Hitze. Für die Zwergbuschbiene (Apis andreniformis), die kleinste Honigbiene der Welt, bedeutet das Stress. Sie arbeiten 365 Tage im Jahr und sind auf eine zuverlässige Wasserversorgung angewiesen. Sie müssen in einer wasserlosen Landschaft eine Tränke finden.
In den Ritzen zwischen den aufgemauerten
Kieseln sammelt sich gerade die richtige
Menge Wasser.
Zum Glück für sie gibt es den Tourismus und seine Nebenerscheinungen. Eine davon sind die landesweiten Hotelanlagen, wie etwa das Krabi Resort, in dem wir eingecheckt haben. Das Herzstück jedes Resorts ist der Pool. Für uns Menschen bedeutet er reines Vergnügen. Doch für die Bienen ist er eine Lebensversicherung – ein riesiges Reservoir an nie versiegendem Frischwasser.
An der Randzone, wo das Wasser gerade noch so hinschwappt, starten und landen die Bienen im Minutentakt. Ihr Tankstopp dauert etwa eine halbe Minute, dann schwirren sie wieder davon.
Zuweilen versammeln sich ganze Schwärme an den Poolrändern. Für Touristen ohne Gartenerfahrung sieht das so aus, als ob es hier ein Bienennest geben würde. Doch das ist ein Trugschluss. Es ist die Macht des Durstes, der die Bienen in grosser Zahl zum Wasser treibt.
Bis der Durst gestillt ist, dauert es eine
halbe Minute.
Verwunderlich ist, dass sie das Wasser trinken, obwohl es mit Chlor versetzt ist. Ob es den Bienen schadet, kann ich nicht sagen. Doch die Chlormenge in thailändischen Pools ist offenbar nicht so gross wie bei uns in der Schweiz. Das zeigt sich daran, dass die Poolränder oft mit einem grünen Teppich aus Algen bewachsen sind. Wenn die Algen das Wasser überleben, dann vielleicht auch die Bienen.





Dann geht es auf zur
nächsten Blüte.

Sonntag, 19. Januar 2014

Die ewigen Gärtner

Springschwänze sehen zwar aus wie
Insekten, sie bilden jedoch ihre eigene Gruppe
im Tierreich. Man beachte die niedliche
Halskrause.

Der Garten sieht in diesem schneefreien Winter irgendwie trostlos aus. Statt des Grüns von Gras, Alant und Günsel tapezieren vermodernde Blätter jeden Quadratmeter, als wäre der Garten von einer ansteckenden, Flecken verursachenden Krankheit infiziert worden.
Doch auch wenn es nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, unter der wüsten Fassade bereiten viele kleine Gärtner Rasen und Beete auf den Frühling vor. Zu ihnen zählen beispielsweise die Springschwänze. Die unter einem Millimeter grossen Tiere sind eine Art unterirdische Kühe. Sie verzehren abgestorbene Pflanzenteile wie etwa die Überreste von Blättern, Stängeln oder Wurzeln.
Das Resultat dieser Tätigkeit ist Kot und Urin. Weil pro Kubikmeter Boden bis zu einer Million dieser Tiere leben, macht das sehr viel Springschwanz-Kot. Es gibt Böden, die bestehen praktisch nur aus den Kotkrümeln von Springschwänzen. Für die Pflanzen des Gartens sind das gute Neuigkeiten. Denn der Kot enthält viele Nährstoffe, von denen sie im kommenden Frühling zehren können.
Springschwänze besitzen unter dem Körper
eine Art Sprungfeder, ihren «Springschwanz».
Diesen können sie in einem Bruchteil einer
Sekunde wie ein Klappmesser auseinander
bewegen. Die Kraft schleudert das Tier
mehrere Zentimeter weit weg. Das ideale
Fortbewegungmittel, um sich vor Feinden
schnell in Sicherheit zu bringen.

Bei Gefahr stellt sich der Springschwanz
einige Sekunden lang tot.
Im Recyklinggeschäft sind auch die Nematoden tätig. Sie sind ebenfalls daran, aus den abgestorbenen Pflanzenresten des Vorjahrs wieder neuen, nährstoffreichen Humus zu produzieren. Nematoden sehen aus wie Regenwürmer sind aber mit bis zu zwei Zentimeter Körperlänge viel kleiner. Sie fressen sich durch die alten Blätter und setzen so die in ihnen gebundenen Nährstoffe in ihrem Kot frei. Es sind die ewigen Gärtner, welche die kommende Explosion von Farben erst ermöglichen.

Diese Aufnahmen sind mit einem USB-Mikroskop entstanden.
Ein Nematode oder Fadenwurm.

Nahaufnahme des Mittelteils: In diesem Darm
entsteht bester Pflanzendünger.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Der Untergang eines Staates

Da war die Welt noch in Ordnung. Balkonbau
bei den Hornissen.

Sie haben sich ungefragt und heimlich eingenistet. Gleich nachdem die jungen Kohlmeisen flügge waren, kam die Hornissen-Königin und nahm den Nistkasten in Besitz. In ihrem Leib trug sie ihren zukünftigen Staat in Form von Hunderter befruchteter Eier mit sich herum. Zuerst baute sie einige Waben aus zerkautem Holz und legte in jede von ihnen ein Ei. Aus ihnen schlüpften Larven, welche die Königin mit frischen Insekten fütterte. Nach einigen Tagen waren die Larven gross und dick und vollzogen ihre Metamorphose zur fertigen Hornisse. Dazu verschloss die Königin jede Wabe mit einem Deckel, damit die wundersame Verwandlung ungestört vonstatten gehen konnte.

Die Öffnung des Nistkastens nach dem
ersten Schnee. Die toten Arbeiterinnen
purzeln raus.

Die neuen Arbeiterinnen waren nur halb so gross wie die Königin, doch sie gingen mit demselben Eifer ans Werk. Zu ihren ersten Aufgaben gehörte wohl, dass sie das alte Vogelnest aus dem Nistkasten entfernten. Das nahm nur unnötig Platz weg und musste darum raus. Ein trockener Grashalm und eine Flaumfeder nach der anderen wurden fortgetragen und irgendwo im Garten deponiert. Das alles geschah heimlich, ohne dass ich es bemerkt hätte. Ein kleiner Hornissenstaat funktioniert wie eine militärische Spezialeinheit: lautlos und unsichtbar.
Doch irgendwann im Juli wurden sie enttarnt. Sie fielen ihrem eigenen Erfolg zum Opfer. Der Staat war nun auf einige Hundert Tiere angewachsen und vor dem Loch des Nistkastens gab es pro Minute mehr An- und Abflüge als am Flughafen Zürich zu den Stosszeiten.

Diese Arbeiterin ist noch beim Schlüpfen
erfrohren.

Hätte ich jetzt etwas unternehmen sollen? Na ja, Hornissen besitzen einen miesen Ruf. Drei Stiche sollen einen Menschen töten. Aber das ist Blödsinn. Ihr Gift ist in der Stärke vergleichbar mit dem von Wespen. Zudem sind Hornissen sehr sanftmütig. Sie schwirren einem nicht vor dem Kopf herum, wie es die Wespen tun. Sie stürzen nicht in Scharen herbei, sobald man im Garten ein Bier öffnet. Nein, Hornissen haben ganz andere Interessen. Sie interessieren sich nicht für die Nahrung von uns Menschen. Stattdessen jagen sie nach Insekten. Nur diese proteinreiche Kost besitzt genügend Nährwert, um ihren Staat noch weiter wachsen zu lassen.
Oft konnte ich im Sommer Hornissen beobachten, die über meinem blühenden Kräutergarten patrouillierten. Immer wieder flogen sie die Blütenköpfe ab und schnappten sich dann eine Fliege und brachten sie zurück zum Nest.

Kälte und Hunger fordern
ihren Tribut.

Im August ging ihnen schliesslich der Platz im Nistkasten aus. Da bauten die einfallsreichen Tiere einfach einen Balkon an ihr Vogelhaus. An ihn hängten sie weitere Waben und der Staat wuchs und wuchs. Anfang Herbst begann die Königin damit, unbefruchtete Eier zu legen. Aus ihnen entwickelten sich Hornissen-Männchen. Sie wurden ausschliesslich zur Paarung ins Leben gerufen. Zeitgleich begann die Aufzucht der Jungköniginnen. Sie sollten sich mit den Männchen paaren und im nächsten Jahr neue Kolonien gründen.
Inzwischen war es Herbst und der langsame Niedergang des Hornissen-Staates zeichnete sich ab. Insekten wurden aufgrund der Kälte immer rarer. In der Folge fand der Staat nicht mehr genügend Nahrung, um sich und seine Brut zu ernähren. Der Flugbetrieb nahm ab und als die erste Kältewelle über den Garten hereinbrach, kauerten die Hornissen dicht beieinander im Nest und warteten auf den sicheren Tod.
Nach dem ersten Schneefall nahm ich den Kasten vorsichtig vom Baum und legte ihn auf den Gartentisch.
Der Tod im Hornissen-Staat hat viele Gesichter.

Nichts regte sich. Langsam öffnete ich den Kasten. Übler Gestank schlug mir entgegen. Am Boden des Nests tummelten sich Fliegenmaden und frassen auf, was ihnen in die Quere kam. Und überall lagen Hornissenleichen. Viele Dutzend erfrorene Arbeiterinnen purzelten aus dem Nest. Einige bewegten sich zwar noch, aber es gab keinen Anlass zur Hoffnung. Hier ist der Tod eingezogen und er wird bleiben.
Die Phasen der Metamorphose von der
Larve bis zur fertigen Arbeiterin.

Tiefer im Nest dann ein Lichtblick. Zwischen den Waben-Stockwerken hatten sich ein Dutzend Jungköniginnen verschanzt. Sie waren grösser als die Arbeiterinnen und sie hatten sich im Herbst einen Fettvorrat angefressen. Von ihm zehrten sie jetzt bis in den Frühling. Weil ihr Winterspeck so kostbar war, bewegten sie sich kaum. Sie hoben nur mal ab und zu ein Bein oder drehten den Kopf.
In diesen Königinnen lag die ganze Hoffnung des verendenden Staates. Sie bildeten das Vermächtnis von vielen Hundert Arbeiterinnen und der Alt-Königin, die sich irgendwo im Garten zum Sterben niedergelegt hatte. Da ich den Nistkasten reinigen wollte, entnahm ich die Jungköniginnen und packte sie in eine Plastikdose, die ich im Geräteschuppen deponierte. Dort sind sie vorerst gut aufgehoben. Im Frühling werde ich für sie einige Nistkästen bereitstellen, damit der Hornissen-Staat erneut auferstehen kann. 

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Abgeleckt

Die Zunge der Schnecke folgt einer
Slalomlinie.
  
  
Schnecken besitzen eine rauhe Zunge, die einer elastischen Raspel gleich mit vielen kleinen scharfen Zähnen bestückt ist. Mit dieser fräsen sie Löcher in den Kopfsalat und häckseln frisch gesäte Petersilie zu Brei. Aber sie können ihre Allzweckzunge auch zum Lecken benützen. Das machen sie vor allem auf Oberflächen, die mit Algen bewachsen sind. An der Tür meines Geräteschuppens gibt es eine Kupferabdeckung, bei der das der Fall ist. Ein wunderschöner, hauchdünner und immergrüner Rasen breitet sich dort in der Vertikalen aus. Die Schnecken besuchen ihn täglich und hinterlassen mit ihrer Zunge wunderschöne Frassspuren.
Am Ende der Linie ist der Schneckenbauch
gefüllt. Es geht ab nach Hause.

Diese zeigen, wie gründlich die Schnecken vorgehen. Sie lecken nicht einfach blindlings drauflos, sondern versuchen mit einem minimalen Energieaufwand, so viele Algen wie möglich zu erwischen. Dazu bewegen sie ihren Kopf immer schön hin und her. Ihre Zunge folgt dabei einer engkurvigen Slalomlinie. Auf diese Weise können die Tiere einen zwei Zentimeter breiten Streifen fast vollständig abgrasen. Gut für mich, denn so brauche ich das Kupferblech nicht zu putzen.

Mittwoch, 11. September 2013

Abgerutscht

Ein Brummer verliert die Haftung.
Nachtfalter finden auf allen Oberflächen Halt. Das liegt an ihren Füssen. Ihre Unterseite ist mit feinen Härchen bedeckt. Diese schmiegen sich so eng an die Unterlage, dass sie praktisch mit ihr verschmelzen. Dabei ziehen die Atome der Unterlage die Atome der Härchen an, wie Milliarden winziger Magnete. Das funktioniert am besten, wenn die Oberfläche einige Unregelmässigkeiten aufweist. Das vergrössert die Zahl der Atome, die sich gegenseitig anziehen. Umgekehrt verringert eine sehr glatte Oberfläche die Kontaktfläche. Wenn der Nachtfalter dazu noch sehr schwer ist, reicht die Anziehung zwischen den Atomen nicht aus, um sein Gewicht zu tragen. Bei diesem Exemplar ist das der Fall. Er hat sich auf dem Küchenfenster niedergelassen. Seine sechs Füsse schaffen es nicht, ihn an Ort und Stelle zu halten. In der Folge rutscht der Falter langsam ab. Mögliche Lösungen für sein Problem: Mehr Füsse, eine Abmagerungskur oder ein Rastplatz mit einer raueren Oberfläche. Er hier hat sich dazu entschieden, einfach so lange zu abzurutschen, bis es nicht mehr weiter geht.

Montag, 15. Juli 2013

Picknick nicht gestattet

Überbleibsel vom Mitternachts-Snack des Fuchses.
Nach dem Debakel mit meinem Kompostgebinde aus Metall, habe ich mir eine rundum verschliessbare Kompostierbox aus Plastik zugetan. Sicherheitshalber stellte ich diese auf vier Gartenplatten, so dass der Fuchs keine Chance mehr hat, sich unter der Seitenwand durchzugraben. Den Kerl bin ich für immer los, dachte ich.
Ich lag weit daneben. Die neuste Masche des Fuchses ist es, sein Essen selbst mitzubringen und in meinem Garten zu verzehren. Dazu bedient er sich offenbar bei der benachbarten Hühnerfarm. Seine Opfer rupft er in aller Ruhe neben meinem Johannisbeerstrauch und vertilgt Fleisch, Knochen und Haut bis zum letzten Rest. Übrig bleibt ein Häufchen Federn und darauf meistens ein oder zwei Schlangen Fuchskacke.
Ich meine, was ist denn das für eine Art?! Ist hier jemand beim Knigge-Test durchgefallen oder ist einem gewissen Bettvorleger auf vier Pfoten der Grundbucheintrag einfach nur schnuppe? Lieber Fuchs, das ist mein Garten. Wenn hier jemand Hühner rupft, dann bin ich es. Und es wird niemals aber auch gar nie neben meine Johannisbeeren geschissen. Das ist die rote Linie. Punkt. Schluss.
Andererseits: was soll ich machen? «Law enforcement» bei Füchsen ist in der Regel 1,5 Meter lang, besteht aus Metall und besitzt einen Abzug. Eine andere Sprache verstehen die Flegel einfach nicht. Da kann ich mich noch lange schriftlich beschweren. Doch mit der Flinte nächtelang im Garten auf der Lauer liegen, ist nicht mein Ding. Hat jemand eine andere Idee, um meinem ungebetenen Gast Anstand beizubringen?

Freitag, 14. Juni 2013

Schlaue Schmetterlinge

Das sieht anstrengend aus: Der Schwalbenschwanz
biegt sein Hinterteil nach vorne und legt ein Ei ab.

Der Schwalbenschwanz ist ein seltener Gast in unseren Gärten. Dafür aber ein sehr zuverlässiger. Jedes Jahr fliegt mindestens einer von ihnen an den Gemüsebeeten vorbei auf der Suche nach geeigneten Futterpflanzen, auf denen er seine Eier ablegen kann. Für die Raupen kommen Fenchel, Dill oder Karotten in Frage. Heuer habe ich das Spektakel wieder einmal miterleben dürfen und dabei entdeckt, wie schlau diese Tiere sind.
Findet ihr das hellgelbe Ei im Bild?

Ein Schwalbenschwanz fliegt ungeheuer langsam. Dauernd hat man das Gefühl, dass er jetzt dann gleich abstürzen muss. Er besitzt mit fünf Schlägen pro Minute den langsamsten Flügelschlag aller Insekten. Es scheint fast, als würde er sich über die Gesetze der Aerodynamik lustig machen. Wenn sich seine Flügel an den Luftmolekülen vorbeischieben machen sie ein deutlich hörbares Geräusch, wie zwei flatternde Papierstreifen im Wind.
Seine Mission ist die Eiablage. Er gaukelt über den zarten Salat, die Zwiebeln, die aufkeimenden Bohnen und lässt sich dann punktgenau auf dem Fenchel nieder. Dort presst er sein Hinterteil an eines der zarten Ästchen und legt ein einziges hellgelbes Ei ab. Danach flattert er ohne Umschweife weiter zum nächsten Fenchel bis die ganze Reihe durch ist. Ab und zu legt er auch zwei oder drei Eier pro Pflanze.
Der Schwalbenschwanz geht dabei offenbar mit System vor. Als ich meine 12 Fenchel genauer untersuchte, stellte ich fest, dass einige Wochen zuvor bereits ein anderer Schwalbenschwanz seine Eier auf ihm abgelegt hatte. Sie waren schon weiter entwickelt, was sich an ihrer braunen Farbe zeigte. Ich habe die alten Eier (von einem Schwalbenschwanz, der Mitte Mai ablegte) und die neuen (Ende Mai) auf jeder Pflanze gezählt und sie in diese Tabelle eingetragen:


Ende Mai 1 2 2 0 0 1 2 0 5 0 1 1
Mitte Mai 2 0 0 1 1 1 0 0 0 0 1 0


Fragestellung für einen Biologen: Beeinflussen die Eier des Vorgängers (untere Zeile), wo der folgende Schwalbenschwanz (obere Zeile) seine Eier ablegt? Lässt sich das statistisch nachweisen?

Es scheint, als würde der zweite Schwalbenschwanz seine Eier vor allem auf den Pflanzen ablegen, auf denen es noch kein anderer getan hat. Für das Wohlergehen der Raupen ist ein solches Vorgehen sinnvoll. Denn wenn alle Eier auf derselben Pflanze sind, werden später die vielen Raupen ihren Fenchel schneller auffressen als neue Blätter nachwachsen. In der Folge verhungern die Raupen oder sie müssen zu Fuss eine neue Futterquelle suchen. Durch die intelligente Verteilung ihrer Eier beugen die Schwalbenschwänze diesem Szenario vor. Wie sie die Anzahl Eier auf einem Fenchel wahrnehmen, ist mir allerdings ein Rätsel. Es kommen dafür nur die Augen oder die Antennen in Frage.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Ich bin dann mal ein Strauch


Unter Attacke erwachen die
schlafenden Augen und bilden
neue Quittenbäumchen.
Ein Baum – so definieren die Biologen – ist eine Pflanze, die einen einzigen, verholzten Stamm produziert. Das im Gegensatz zum Strauch, der unmittelbar am Boden oder darunter mehrere kleinere Stämme hervorbringt. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Der Baum beispielsweise fokussiert sein Längenwachstum auf ein einziges Organ. Auf diese Weise erreicht er im Extremfall Höhen bis zu hundert Meter und kann sich so einen Platz an der Sonne sichern.
Sträucher andererseits investieren ihre Energie nicht in die vertikale sondern in die horizontale Dominanz. Sie können in kurzer Zeit mehrere Quadratmeter bedecken und so Baumkeimlingen das Leben schwer machen. Und Sträucher haben noch einen anderen grossen Vorteil. Ihre vielen Stämme sind die perfekte Lebensversicherung gegen Frassinsekten oder andere Schädlinge wie etwa Pilze.
Wenn ein paar Stämmchen kaputt gehen, macht das nichts, denn es gibt ja noch viele und der Strauch produziert zudem ständig noch mehr von ihnen. Diese Überlebensstrategie ist so gut, dass auch Bäume in Notzeiten auf sie zurückgreifen. Das zeigt sich gerade bei meinem Quittenbaum.
Seit Jahren machen ihm die benachbarten Tannen das Licht streitig und Pilze haben seinen alten Stamm befallen und fressen sich langsam durch sein Holz. Um ihr Überleben zu sichern, hat die Quitte auf Strauch-Modus umgestellt. Aus seiner Stammbasis wachsen viele neue kleine Quitten-Bäumchen. Das ist möglich, weil der Baum schon in jungen Jahren, so genannte schlafende Augen angelegt hat. Das sind kleine Bereiche in der Rinde, die aus Stammzellen bestehen. Sie können jahrzehntelang inaktiv sein und in der Not plötzlich zu wachsen beginnen. Die Stammzellen sind in der Lage, eine ganze Pflanze samt Blätter und Wurzeln entstehen zu lassen.
 Das Phänomen erstreckt sich auch auf die Wurzeln, auf denen es ebenfalls schlafende Augen gibt, die jetzt erwachen und mehrere Meter weit von der Mutterpflanze entfernt neue Bäumchen produzieren. Die Idee: Wenn der alte Baum stirbt, übernehmen die jungen das Feld. Dabei nabeln sie ihr eigenes Wurzelsystem vom Altbaum ab und kappen so die Verbindung zu den schädlichen Pilzen.
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