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Mittwoch, 11. Dezember 2013

Der Untergang eines Staates

Da war die Welt noch in Ordnung. Balkonbau
bei den Hornissen.

Sie haben sich ungefragt und heimlich eingenistet. Gleich nachdem die jungen Kohlmeisen flügge waren, kam die Hornissen-Königin und nahm den Nistkasten in Besitz. In ihrem Leib trug sie ihren zukünftigen Staat in Form von Hunderter befruchteter Eier mit sich herum. Zuerst baute sie einige Waben aus zerkautem Holz und legte in jede von ihnen ein Ei. Aus ihnen schlüpften Larven, welche die Königin mit frischen Insekten fütterte. Nach einigen Tagen waren die Larven gross und dick und vollzogen ihre Metamorphose zur fertigen Hornisse. Dazu verschloss die Königin jede Wabe mit einem Deckel, damit die wundersame Verwandlung ungestört vonstatten gehen konnte.

Die Öffnung des Nistkastens nach dem
ersten Schnee. Die toten Arbeiterinnen
purzeln raus.

Die neuen Arbeiterinnen waren nur halb so gross wie die Königin, doch sie gingen mit demselben Eifer ans Werk. Zu ihren ersten Aufgaben gehörte wohl, dass sie das alte Vogelnest aus dem Nistkasten entfernten. Das nahm nur unnötig Platz weg und musste darum raus. Ein trockener Grashalm und eine Flaumfeder nach der anderen wurden fortgetragen und irgendwo im Garten deponiert. Das alles geschah heimlich, ohne dass ich es bemerkt hätte. Ein kleiner Hornissenstaat funktioniert wie eine militärische Spezialeinheit: lautlos und unsichtbar.
Doch irgendwann im Juli wurden sie enttarnt. Sie fielen ihrem eigenen Erfolg zum Opfer. Der Staat war nun auf einige Hundert Tiere angewachsen und vor dem Loch des Nistkastens gab es pro Minute mehr An- und Abflüge als am Flughafen Zürich zu den Stosszeiten.

Diese Arbeiterin ist noch beim Schlüpfen
erfrohren.

Hätte ich jetzt etwas unternehmen sollen? Na ja, Hornissen besitzen einen miesen Ruf. Drei Stiche sollen einen Menschen töten. Aber das ist Blödsinn. Ihr Gift ist in der Stärke vergleichbar mit dem von Wespen. Zudem sind Hornissen sehr sanftmütig. Sie schwirren einem nicht vor dem Kopf herum, wie es die Wespen tun. Sie stürzen nicht in Scharen herbei, sobald man im Garten ein Bier öffnet. Nein, Hornissen haben ganz andere Interessen. Sie interessieren sich nicht für die Nahrung von uns Menschen. Stattdessen jagen sie nach Insekten. Nur diese proteinreiche Kost besitzt genügend Nährwert, um ihren Staat noch weiter wachsen zu lassen.
Oft konnte ich im Sommer Hornissen beobachten, die über meinem blühenden Kräutergarten patrouillierten. Immer wieder flogen sie die Blütenköpfe ab und schnappten sich dann eine Fliege und brachten sie zurück zum Nest.

Kälte und Hunger fordern
ihren Tribut.

Im August ging ihnen schliesslich der Platz im Nistkasten aus. Da bauten die einfallsreichen Tiere einfach einen Balkon an ihr Vogelhaus. An ihn hängten sie weitere Waben und der Staat wuchs und wuchs. Anfang Herbst begann die Königin damit, unbefruchtete Eier zu legen. Aus ihnen entwickelten sich Hornissen-Männchen. Sie wurden ausschliesslich zur Paarung ins Leben gerufen. Zeitgleich begann die Aufzucht der Jungköniginnen. Sie sollten sich mit den Männchen paaren und im nächsten Jahr neue Kolonien gründen.
Inzwischen war es Herbst und der langsame Niedergang des Hornissen-Staates zeichnete sich ab. Insekten wurden aufgrund der Kälte immer rarer. In der Folge fand der Staat nicht mehr genügend Nahrung, um sich und seine Brut zu ernähren. Der Flugbetrieb nahm ab und als die erste Kältewelle über den Garten hereinbrach, kauerten die Hornissen dicht beieinander im Nest und warteten auf den sicheren Tod.
Nach dem ersten Schneefall nahm ich den Kasten vorsichtig vom Baum und legte ihn auf den Gartentisch.
Der Tod im Hornissen-Staat hat viele Gesichter.

Nichts regte sich. Langsam öffnete ich den Kasten. Übler Gestank schlug mir entgegen. Am Boden des Nests tummelten sich Fliegenmaden und frassen auf, was ihnen in die Quere kam. Und überall lagen Hornissenleichen. Viele Dutzend erfrorene Arbeiterinnen purzelten aus dem Nest. Einige bewegten sich zwar noch, aber es gab keinen Anlass zur Hoffnung. Hier ist der Tod eingezogen und er wird bleiben.
Die Phasen der Metamorphose von der
Larve bis zur fertigen Arbeiterin.

Tiefer im Nest dann ein Lichtblick. Zwischen den Waben-Stockwerken hatten sich ein Dutzend Jungköniginnen verschanzt. Sie waren grösser als die Arbeiterinnen und sie hatten sich im Herbst einen Fettvorrat angefressen. Von ihm zehrten sie jetzt bis in den Frühling. Weil ihr Winterspeck so kostbar war, bewegten sie sich kaum. Sie hoben nur mal ab und zu ein Bein oder drehten den Kopf.
In diesen Königinnen lag die ganze Hoffnung des verendenden Staates. Sie bildeten das Vermächtnis von vielen Hundert Arbeiterinnen und der Alt-Königin, die sich irgendwo im Garten zum Sterben niedergelegt hatte. Da ich den Nistkasten reinigen wollte, entnahm ich die Jungköniginnen und packte sie in eine Plastikdose, die ich im Geräteschuppen deponierte. Dort sind sie vorerst gut aufgehoben. Im Frühling werde ich für sie einige Nistkästen bereitstellen, damit der Hornissen-Staat erneut auferstehen kann. 

Kommentare:

  1. Wunderschön, wie Du da ein ganzes Hornissenjarh beschreibst! Man könnte glatt neidisch werden und sich selbst auch Hornissen als Gartenmitbewohner wünschen... oder doch lieber nicht, wenn man weiss, wie die Nachbarn auf diese wunderbaren Geschöpfe reagieren. Wir freuen uns hier seit Jahren über die Wespen, die sieht man einmal von ein paar Stückchen Wurst oder Schinken, die sie bei uns abstauben, von den Insekten ernähren, die sonst unserem Garten den Garaus machen würden!

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  2. Also das ist mal ein Beitrag. Und alles so schön mit Bilder beschrieben. So kann man mehr über diese Insekten wissen.

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