Das Leben der Blattläuse in meinem Garten gibt es jetzt als Comic. Hier bestellen.

Mittwoch, 10. April 2013

Phönix aus der Erde

Statt Rasen gibt's nach dem grossen Schnee nur Moos. Aber
in wenigen Wochen werden die Gräser erneut herrschen.
Moose gehörten zu den ersten Pflanzen, die vor rund 500 Millionen Jahren die kargen Felsen der frühen Erde bevölkerten. Sich aus dem Schutz des Wassers auf einen lebensfeindlichen Stein in der Brandung zu begeben, war eine unerhört mutige Tat. Es bedurfte dazu einer grossen Portion Sturheit und auch Stolz um das Land in Besitz zu nehmen. Das sieht man den Moosen heute noch an.
Als der Schnee den Garten vor zwei Wochen endlich frei gegeben hat, strahlten die Moose bereits vor sattem Grün, als hätten sie sagen wollen: «Seht her, wir lassen uns auch vom längsten Winter nicht unterkriegen!» Moose sind tatsächlich unverwüstlich. Sie enthalten Chemikalien, welche sie von Schneckenfrass schützen und gegen die Kälte produzieren sie aus verschiedenen Zuckern eine Art Frostschutz, der das Wasser in ihren Zellen nie gefrieren lässt.
So ausgestattet können Moose auch im Winter noch wachsen, sobald die Temperatur über null Grad liegt und genügend Sonne vorhanden ist. Bei der Besiedlung von jungfräulichem Festland war diese Fähigkeit besonders gefragt. Heute haben sich viele Pflanzen jedoch von dieser Strategie abgewandt. Stattdessen haben sie den kontrollierten Tod ins Auge gefasst.
Die Gräser sind Meister darin. Sie lassen im Herbst ihre oberirdischen Blätter und Teile ihrer Wurzeln absterben. Nur ein kleiner Wurzelballen bleibt am Leben. Dieser verharrt im Winter regungslos unter der Erde und wartet auf den Frühling. Dann produzieren die Wurzeln neue Blätter und das Gras steigt aus seiner Versenkung erneut empor. Das Phänomen ist zurzeit im ganzen Land sichtbar. Die Wiesen verändern ihre Farbe von braun zu einem frischen grün.

Donnerstag, 14. März 2013

Für die kleinen Gartengestalter

Kleine Kinder schaffen mit Sand neue Lebensräume.

Wildbienen, Schmetterlinge und Eidechsen dürfen sich glücklich schätzen. In den letzten Jahren hat die Gartenindustrie die Umsetzung eines naturnahen Gartens zum Kinderspiel gemacht. Vom fixfertigen Wildbienenhäuschen, zur Wildblumenmischung bis zur Trockensteinmauer sind heute die meisten Elemente auf dem Baumarkt oder per Auftrag beim Gartengestalter erhältlich. Die Renaturierung eines englischen Rasen kostet natürlich eine rechte Stange Geld.
Doch auch mit kleinem Budget kann man für Wildbienen und andere Insekten etwas Gutes tun. Folgende Zutaten werden benötigt: ein dreijähriges Kind und einen grossen Sandkasten. Letzterer sollte möglichst zentral im Garten aufgestellt werden und mit ein bis zwei Tonnen Sand gefüllt sein. Weitere Massnahmen sind nicht erforderlich. Dem Kind muss es lediglich gestattet sein, pro Tag mindestens eine Stunde im Sandkasten zu spielen.
Den Sand am besten gleich per Lastwagen kommen lassen.
Hier im Bild: 2 Tonnen. 

Nach einigen Wochen lässt sich folgender Prozess beobachten: Die Menge des Sandes im Kasten nimmt merklich ab und die Menge des Sandes auf dem Rasen nimmt zu. Greifen Sie auf keinen Fall in das Geschehen ein. Denn mit der Zeit entsteht auf dem Rasen ein Flickenteppich aus verschieden dicken Sandflächen. Viele Insekten wie Grabwespen, Sandbienen oder Ameisenlöwen sind auf einen solchen Lebensraum angewiesen. Mit einem Sandkasten ist die Renaturierung ein echtes Kinderspiel.

Montag, 4. März 2013

Zwei Nasen

Eine punktgenaue Grabung führt den Fuchs zur Karotte.
Füchse sind bekannt dafür, dass sie mehr Beute machen als dass sie während einer Malzeit verschlingen können. Doch verschwenderisch sind sie nicht. Im Gegenteil. Überschüssige Hühner etwa vergraben sie in der Erde als Vorrat für magere Zeiten. Ihr Gedächtnis ist nicht besonders gut. Darum verlassen sie sich ganz auf ihre empfindliche Nase, wenn es darum geht, ihre unterirdischen Vorratskammern wieder aufzufinden.
Wie präzise ihr Riechorgan arbeitet, demonstrierte ein Fuchs in meinem Garten. In der Nacht patrouilliert er regelmässig direkt vor unserer Haustür auf der Suche nach Nahrung. Als Allesfresser verschmäht er auch Gemüse nicht. Vor allem vitaminreiche Kost ist ihm im kargen Winter sehr recht.
Tief vergraben unter dem Schnee hat eine Karotte seine Aufmerksamkeit erregt. Um sie zu bergen hat der Fuchs ein punktgenaues Loch gegraben. Offenbar gab die Karotte selbst durch kompakten Schnee einen genügend starken Duft ab, um dem Fuchs die genaue Ortung zu ermöglichen.
Dabei war sie noch nicht einmal frisch. Sie diente als Nase für einen Schneemann, den wir bereits vor einigen Wochen gebaut haben. In der anschliessenden Warmphase ist der Schneemann kollabiert und die Karotte blieb in der Wiese liegen, bis die erneuten starken Schneefälle sie begruben. Aber alte Schneemannsnasen wiederzufinden ist für die feine Fuchsnase offenbar keine grosse Herausforderung.

Donnerstag, 29. November 2012

Am Anfang war das Gras

Rasensamen bilden den Anfang aller blühenden Gärten.
In der Schweiz entstehen jedes Jahr rund zwanzigtausend neue Gärten. Mindestens einer für jedes Mehr- oder Einfamilienhaus. Die Geburt dieser grünen Oasen vor der Haustür läuft alles andere als romantisch ab. Gärten werden nicht von göttlicher Hand geformt, sondern von einem Bagger mit brachialer Gewalt hingeworfen. Zuerst klatscht er mit Geröll und Lehm Hügel und Böschungen hin und danach, wenn die grundsätzlich Form stimmt, deckt er die Wunde in Mutter Erde mit dem zuvor aufgesparten Humus ab.
Aber statt einer Oase, umgibt nun eine Wüste aus schwarzer Erde das neue Haus. Im mit Lehmklumpen durchmischten Boden haben die Bauerbeiter Dutzende ihrer Fussabdrücke hinterlassen. Wenn es regnet füllen diese sich zu einem Meer aus winzigen Tümpeln. Die Wüste verwandelt sich in ein ausgedehntes Sumpfgebiet. Wenn die Sonne brennt, verdunstet das Wasser, die ungeschützte Erdoberfläche reisst auf und aus dem Feuchtgebiet wird eine Staubhölle.
Dieses für den zukünftigen Bewohner unbefriedigende Spiel der Extreme setzt sich fort, bis der letzte Storen montiert und die letzte Steinplatte hinter dem Haus verlegt ist. Dann erst taucht der Landschaftsgärtner auf und haucht dem Brachland das erste Leben ein. Mit einigen lässigen Handbewegungen streut er Rasensamen auf die Erde. Das scheint auf den ersten Blick banal und unbedeutend, aber erst die Anwesenheit des Grases macht die Wüste für andere Lebewesen bewohnbar. Das Gras –  so klein es auch ist – spendet Insekten oder Spinnen Schatten und bietet Schutz vor dem Wind. Durch sein Wachstum schafft es neuen Humus, der als Nahrung für winzige Bodentiere dient. Ferner halten seine Wurzeln das Bodengefüge zusammen und verhindern, dass der nächste Starkregen die Erde wegspült. Gras bildet also das Grundgerüst, auf dem die einstige Gartenoase steht.

Sonntag, 30. September 2012

Antibakterieller Schaum

Wundersamer Schaum am
Stamm der Atlas-Zeder.
Eines der merkwürdigsten Schauspiele in unseren Gärten ist wohl das plötzliche Aufschäumen eines Baumstamms. Das passiert meistens nach längeren Regenfällen, wenn der Stamm so richtig trieft. Dabei kann es zur Schaumbildung kommen. Das hat nichts mit Umweltverschmutzung zu tun. Vielmehr ist es Ausdruck der Genialität der Pflanzen.
Der Schaum stammt von einer Stoffgruppe namens Saponine. Sie sind mit den Senfölen verwandt, die wir bei der Kapuzinerkresse kennengelernt haben, und es erstaunt darum nicht, dass auch die Saponine Kampfstoffe sind, mit denen sich Pflanzen gegen Pilze und Bakterien verteidigen.
Vor allem die Rinde enthält hohe Konzentrationen von ihnen. Das darum, weil sie eine Haupteintrittspforte für unerwünschte Mikroorganismen bildet. Die in der Borke eingelagerten Saponine halten das Innere des Baumes zuverlässig von diesen Schädlingen fern.
Saponine sind chemisch verwandt mit Seife und bilden darum in wässrigen Lösung Schaum. Bei starkem Regen können sie aus der Borke gelöst werden und so den ganzen Stamm mit Bläschen bedecken. Tatsächlich waren sie die erste Naturseife der Menschheit. Schon die Kelten verwendeten das weitverbreitete Seifenkraut als Waschmittel. Dazu schnitten sie ein Stück einer Wurzel ab und rieben die Textilien damit ein.
Der Regen löst Sapione aus der Borke.
Wenn das Gemisch über die unebene
Oberlfläche nach unten rinnt, bildet
sich Schaum.
In dieser Ähnlichkeit zur Seife liegt auch das Geheimnis ihrer Schlagkraft verborgen. Saponine greifen die Fettmoleküle der Zellmembran an. Man könnte sagen, sie waschen sie ab, wie ein Spülmittel das Fett von der Oberfläche einer Bratpfanne entfernt. Das ist für eine Zelle so, als würde uns jemand die Haut abziehen. Auf diese Weise zerstören sie Bakterien und Pilze.
Saponine sind meistens bitter. Doch es gibt eine berühmte Ausnahme: Lakritze. Ihr unverkennbarer Geschmack stammt vom Saponin Glycyrrhizin aus dem Süssholz. Es besitzt eine 50 Mal stärkere Süsskraft als Zucker. Für uns Menschen ist es übrigens nicht giftig, sondern gesund. Studien zeigten, dass Lakritze eine therapeutische Wirkung gegen Magengeschwüre hat.

Mittwoch, 26. September 2012

Wilde Tomate

Dicht an der Westwand wachsen «wilde» Tomaten prima.
Tomaten gedeihen nördlich der Alpen nur mit viel Gehätschel, Liebe und Fürsorge. Lässt man sie einmal im Regen stehen, bricht gleich eine ihrer vielen Pilzkrankheiten aus und die Ernte ist futsch. Darum habe ich es dieses Jahr schon gar nicht versucht.
Aber sie aus dem Garten zu sperren ist nicht so einfach, denn Tomaten haben auch eine äusserst sture Seite. An unserer westlichen Hauswand ist während der ganzen Saison eine dieser Unbeugsamen gewachsen. Sie kam vermutlich aus einem Samen, der im Komposthaufen auf den richtigen Augenblick wartete. Als wir die Erde neu verteilten, ist er gekeimt und hat sich mittlerweile zu einer stattlichen Pflanze entwickelt. Sie blüht und trägt sogar Früchte.
Ob die noch reif werden im Oktober?
Und das alles ohne eine Stützstange zu setzen, ohne zu giessen, ohne Triebe abzubrechen und ohne Regenschutz, abgesehen vom kurzen Vordach, welches den gröbsten Regen abhält. Dass ich ernten werde, bezweifle ich. Die Stängelfäule hat sich nun doch gemeldet und hält die trotzige Pflanze fest im Würgegriff. Wenn der Oktober allerdings sehr warm wird...

Mittwoch, 19. September 2012

Landebahn-Befeuerung

Bevor sich die violetten Blüten öffnen, zeigen die
grösseren Scheinblüten nach unten.
Flughäfen machen sich für die anfliegenden Jets durch eine Befeuerung sichtbar. Die Lichter zeigen dem Piloten bei Nacht und Nebel, wo die Piste ist. Bei den Pflanzen gibt es das auch. Dort heissen die Lichter «Blüten». Die grellen Farben zeigen Insekten, wo sich eine Landung lohnt.
Die Samthortensie hat das System der Befeuerung weiter ausgebaut. Da ihre Blüten etwas klein geraten sind, bringt sie zusätzlich einen Kranz weisser Scheinblüten hervor. Dank ihnen ist sie schon von weitem für Hummeln und Bienen sichtbar. Diese «Pflanzenscheinwerfer» sind so stark, dass die Hortensie sehr behutsam mit ihnen umgeht. Keinesfalls dürfen sie eingeschaltet werden, bevor die Blüten sich öffnen. Denn dann würden die Insekten keinen Nektar vorfinden und enttäuscht abschwirren und beim nächsten Mal womöglich auf einen Besuch verzichten.
Erst danach färben sie sich weiss und zeigen gen Himmel.
Die Hortensie verhindert das, indem sie die Scheinblüten erst einmal grün belässt. Auf diese Weise fallen sie nicht so auf. Zudem lässt sie ihre Scheinwerfer nach unten zeigen. Fazit: Die Landebahn ist stockdunkel. Erst zeitgleich mit der Blütenöffnung färben sie sich weiss und strecken sich nach oben. Und es geht noch weiter: Nach dem Abblühen färben sich die Scheinblüten wieder grün und beugen sich abermals nach unten. Der Flughafen ist geschlossen. Das Resultat dieser fein abgestimmten Choreographie ist, dass die Insekten genau wissen, wann sie zur Landung ansetzen müssen.

Freitag, 31. August 2012

Peak Summer

Hinter der Lagerhalle macht der Sommer seinen letzten Atemzug. Die Luft flimmert über einem Stapel alter Holzscheite. Sie scheinen in der Hitze vor sich hin zu dösen, während sie langsam – nur ganz langsam – älter werden und einen noch gegerbteren Ton annehmen. Das letzte Bisschen Feuchtigkeit entweicht still und leise aus ihnen. In diesem Zustand sind sie unnahbar. Kein Vogel, kein Schmetterling und keine Fliege wagt es, sich auf sie zu setzen. In diesem Zentrum der Gluthitze können nur Holzscheite bestehen. Selbst die Brombeerranken scheinen sich die Dornen an ihnen zu verbrennen. Nur ein oder zwei Triebe wagen sich auf den Stapel. Doch dort gibt es nichts für sie zu holen, keine Nährstoffe und kein Wasser, nur noch mehr Licht, dessen überschiessender Energiegehalt ihre Zellen zu zerstören droht. 
Das ist der Höhepunkt des Sommers und gleichzeitig sind es seine letzten Minuten vor dem Fall. Von Westen reitet bereits der Herbst auf einer Regenfront heran. Den umliegenden Hügeln hat er bereits die Kälte gebracht und bald wird er die knochentrockene Existenz der Holzscheite mit einem feuchten Windstoss wegwischen. Noch ein letztes Mal saugen sie den Sommer tief bis in ihre letzte Pore ein. Noch einmal krümmen sie sich in der Trockenhitze.
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