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Sonntag, 15. April 2012

Hydraulische Blüten

Die Blüten der Japanischen Zierkirsche werden gerade mit
Wasser vollgepumpt. Das erklärt ihr rasantes Wachstum.
    
Die Apfel-, Birn- und Kirschbäume stehen gerade unter einem enormen Produktionsdruck. Jeder Baum muss Hunderte oder gar Tausende von Blüten hervorbringen. Wenn man bedenkt, wie filigran die Einzelteile sind, ist es ein Wunder, dass das in den wenigen Frühlingswochen überhaupt möglich ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bäume noch nicht einmal ihre Blätter zur Photosynthese draussen haben. Wo also nehmen sie bloss die Energie her, um sich in ein Kleid aus Blüten zu hüllen?
Die Lösung für dieses scheinbare Paradox ist genial: Die Bäume haben die gesamte Blütenproduktion bereits im Jahr zuvor abgeschlossen. In den Monaten Juni bis August, wenn die Sonneneinstrahlung am stärksten ist und den Bäumen folglich am meisten Energie zur Verfügung steht, legen sie Miniaturversionen der Blüten an. Diese befinden sich gut geschützt in  mehrfach verpackten Containern. Im Volksmund heissen sie Knospen. In ihnen wird die Blüte bis zum Wintereinbruch mit allen Organen vorproduziert. Da gibt es Stempel, Fruchtknoten, Kron- und Deckblätter, alles platzsparend zusammengefaltet und ineinandergeschoben wie in einem IKEA-Möbelbausatz. Selbst die einzelnen Zellen sind auf das kleinst mögliche Mass geschrumpft.
Bei der offenen Blüte hat jede einzelne Zelle ihren maximalen
Ausdehnungsgrad erreicht. Da passt kein Wassermolekül
mehr rein.
Noch im Winter beginnt dann die langsame Befreiung der Blüte aus ihrer Sardinenbüchse. Dazu füllt der Baum jede einzelne Zelle der Knospe mit Wasser. Das hat zur Folge, dass sich die Zellen wie Luftballons ausdehnen. Der Prozess beginnt im Dezember und bis zum März sind die Knospen auf mehr als die doppelte Grösse angeschwollen. Im April platzen sie auf und geben ihren Inhalt frei.
Um sich vollständig zu entfalten benötigen die Blütenblätter noch mehr Wasser. Für diese hydraulische Höchstleistung muss sich der Baum noch nicht einmal sonderlich anstrengen. Er muss lediglich dafür sorgen, dass die Zuckerkonzentration in den Blütenzellen grösser ist als im umliegenden Gewebe. So entsteht ein osmotischer Sog, der Wassermoleküle anzieht und auf diese Weise die Blüte langsam aufpumpt. Das ist wie wenn man einen nassen und einen trockenen Schwamm aneinanderlegt. Nach einiger Zeit ist auch der trockene Schwamm nass, weil seine Saugkraft das Wasser anzieht.
Letztendlich sind die Zellen prall gefüllt und die Blüten sind offen.

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