Montag, 30. Mai 2011

Der Lebensaufgabe entfliegen

Ein Julikäfer krabbelt gerade ein
Löwenzahnblatt empor. Es dient
ihm als Startrampe.
Gestern war der Flugraum zwanzig Zentimeter über meinem Rasen kurzfristig überlastet. Die Julikäfer sind geschlüpft und haben die Vollendung ihrer Metamorphose in einem Flugfest gefeiert. Die letzten paar Jahre verbrachten sie als Engerlinge in der Erde meines Gartens. Sie ernährten sich von Graswurzeln und haben so, ohne dass ich es merkte, das Absterben des ein oder anderen Grasbüschels verursacht. Nun haben sie ihre Puppenhülle abgestreift und sich daraufhin an die Erdoberfläche gestrampelt.
Dutzende von ihnen schwirrten am Sonntagmorgen zum Kirchengeläut aus dem Dorf zwei Handbreit über dem Rasen. Was sie damit bezweckten, ist mir nicht klar. Ihr Verhalten schien keine konkrete Absicht zu haben. Immerhin landeten einige von ihnen auf den Pfingstrosen und gruben ihre Mandibeln einige Male in die Blütenblätter. Danach flogen sie jedoch wieder ab ohne einen grösseren Schaden zurückzulassen.
Einen Tag später ist der Spuk auch schon vorbei. Heute ist von den Julikäfern nichts mehr zu sehen. Ich nehme an, sie werden sich wie ihre nahen Verwandten, die Maikäfer, an einem Waldrand niederlassen, sich noch einige Blätter ihrer Lieblingspflanze genehmigen und dann zur Paarung übergehen. Nach dem Sex haben die Männchen vermutlich nichts mehr zu melden und verenden bald. Die Weibchen hingegen suchen sich ein schönes Stück Wiese oder einen Rasen in einem Garten und legen ihrer Eier in den Boden ab. Dann haben auch sie ihre Lebensaufgabe erfüllt (man merke sich: Lebensaufgabe Männchen = Sex; Lebensaufgabe Weibchen = Kinderkriegen).
Bald darauf schlüpfen die Engerlinge und fressen sich zwei Jahre lang genug Energiereserven an, damit sie ihre wundersame Verwandlung vollziehen können. Alles in Allem sind zwei Jahre fressen doch ein ziemlich grosser Aufwand, nur damit man nach der Paarung gleich wieder abdanken kann. Vielleicht ist dieses scheinbar sinnlose Umherfliegen kurz nach dem Schlüpfen ein Ausdruck von Rebellion gegen ihren von der Natur vorgeschriebenen Lebenslauf. Sie weigern sich, umgehend ihre Lebensaufgabe in Angriff zu nehmen und gönnen sich stattdessen zuerst noch einige Freiflüge.

Dienstag, 24. Mai 2011

Babuschka Ökologie

Die grossen rechteckigen Gebilde sind Graszellen. In der
Bildmitte befinden sich zwei Spaghettis. Das sind die
Endophyten.
Babuschkas sind die wunderschönen russischen Holzpuppen, die innen hohl sind. Wenn man eine öffnet, kommt eine etwas kleinere Holzpuppe zum Vorschein und wenn man diese auch öffnet, eine noch kleinere. So geht das weiter bis am Ende neun Puppen vor einem stehen. Mit den Lebewesen meines Gartens ist das ganz ähnlich. Denn sie existieren nicht nur nebeneinander, sondern auch ineinander.
Das beste Beispiel dafür sind die so genannten «Endophyten». Dieser aus dem Griechischen stammende Fachbegriff bedeutet «in der Pflanze». Ein seltsamer Name für eine Art. Aber er ist sehr zutreffend. Endophyten sind Pilze, die zwischen den Gewebezellen von Pflanzen leben.
Von einem Pilz befallen zu sein, ist für uns Menschen keine angenehme Vorstellung. Doch Pflanzen sind sehr froh um die Gesellschaft. Zwar verzehren ihre Untermieter einen Teil ihrer Zuckerproduktion, aber sie tun das nicht ohne zu bezahlen. Als Gegenleistung für Nahrung und Obdach stellen die Endophyten eine Reihe von Chemikalien her, die sie fortan dem Zuckersaft beimischen. Vor allem die Fressfeinde der Pflanze haben keine Freude daran. Denn die Chemikalien sind giftig und verderben beispielsweise Blattläusen den Appetit.
Die Endophyten befallen auch die Samen des Grases. So
schaffen sie den Sprung auf die nächste Generation. Die roten
Gebilde sind Stärkekörner, die im Grassamen eingelagert sind.
Die Spaghettis in der Mitte sind die Endophyten.
Wenn die kleinen Insekten den vergifteten Saft saugen, gebären sie weniger Nachkommen, leben weniger lang und wachsen langsamer. Der Vertrag mit dem Pilz geht auf. Denn statt seinen Zuckersaft unkontrolliert an die Blattläuse zu verlieren, gibt es einen Bruchteil davon an seinen Partner ab, der im Gegenzug dafür sorgt, dass die lästigen Schädlinge nicht Überhand nehmen.
In manchen Gräsern produzieren die Endophyten gar so starke Gifte, dass sie sogar Schafe töten können, die auf einer befallenen Wiese weiden. Die Pilze sind in der Tat eine sehr effektive Verteidigung. Interessant ist, dass die meisten Pflanzenarten der Welt solche strategischen Partnerschaften eingehen. Offenbar ist es effizienter, wenn sie ihre chemischen Waffen «einkaufen» anstatt sie selber herzustellen.

Montag, 16. Mai 2011

Aus Blattläusen wird Erdbeerkuchen

Eine geflügelte Blattlaus auf einem
heranreifenden Apfel.
Es gibt fast keine Pflanze im Garten, die nicht von Blattläusen befallen ist. Die Gräser, der Salat, die Bohnen und sogar die Brennesseln leiden gemeinsam an den kleinen Biestern. Blattläuse tun dasselbe, was unsere Kopfläuse auch machen. Sie saugen den Saft ihres Wirts. Bei den Pflanzen ist das freilich nicht Blut, sondern der Zuckersaft, den die Blätter bei der Photosynthese produzieren, und der danach in den Leiterbahnen hinunter zu den Wurzeln fliesst. In diesen fortwährenden süssen Strom stecken die Blattläuse ihren Rüssel. Der hohe Druck, der in den Leiterbahnen herrscht, presst die Flüssigkeit in die Laus hinein, ohne dass sie noch aktiv saugen müsste. Sie lässt sich buchstäblich vollaufen.
Viele Leute ekeln sich vor Blattläusen, weil ihre kleinen, oft schwarzen Körper ganze Teppiche auf Blättern und Pflanzenstengel bilden. Das sieht schon mal nicht sehr appetitlich aus. Ganz schlimm wird es jedoch erst, wenn man versucht, die Insekten mit den Fingern abzustreifen. Viele Arten klammern sich beharrlich an ihre unerschöpfliche Nahrungsquelle und lassen auch im Angesicht eines menschlichen Zeigefingers und Daumens davon nicht ab. Eher lassen sie sich wie in einer Schrottpresse zerquetschen. Das klebrige Geschmier aus Blattlausleichen verdirbt einem vollends den Appetit.
Die Hautfarbe spielt bei den Blattläusen
keine grosse Rolle. Auf der Rose gibt
es genug Platz für alle.
Mich persönlich stören ein paar Blattläuse auf dem Salat nicht sonderlich. Eines dieser Insekten zu essen ist nicht viel anders, als in ein Salatblatt selbst zu beissen. Von ihm hat sie schliesslich alles, was sie ist. Sogar die Ausscheidungen einer Blattlaus bestehen aus reinem, pflanzlichem Zuckersaft – also nichts, was auf einem Salatteller fehl am Platz wäre. Darum halte ich mein Gemüse nur einmal kurz unter den Wasserhahn. Wer dem Wasserstrahl trotzt, landet in meinem Magen.
So wie ich denken auch die meisten Raubinsekten meines Gartens. Blattläuse sind so zahlreich und vermehren sich so schnell, dass es eine Schande wäre, sie nicht zu verspeisen. Sie stehen ganz unten in der Nahrungskette und sind eine Art Plankton des Gartens.
Sie werden von grösseren Insekten gefressen, diese wieder von grösseren und diese von Vögeln und diese von Greifvögeln. Es gibt eine unendliche Zahl solcher Nahrungsketten und alle beginnen bei der Blattlaus. Eine dieser Ketten gefällt mir besonders gut. Sie geht so: Die Larve der Schwebfliege frisst Blattläuse bis sie sich verpuppt. Wenn die Schwebfliege schlüpft, bestäubt sie viele Pflanzen, darunter die Erdbeeren. Die Erdbeeren reifen, ein Bauer kommt und pflückt sie und ein Bäcker macht daraus Erdbeerkuchen. Ich esse den Erdbeerkuchen. Genau so schmecken mir Blattläuse am besten.

Sonntag, 8. Mai 2011

Das System Waldboden

Ohne künstlichen Waldboden ist die Gartenerde
staubtrocken. Schlecht für meinen Rucola.
Das Wetter ist so trocken wie schon lange nicht mehr. Die kleineren Flüsse haben sich längst in Flurwege verwandelt. Mit einem gewissen Frust blicke ich auf meinen Rucola, der wohl schon längst erntereif wäre, wenn es nur häufiger geregnet hätte. Aber seine mickrigen Blättchen sind nicht der Rede wert.
Giessen bringt auch nicht viel, denn das Wasser verdunstet unter der sengenden Sonne sofort wieder. Wie schafft es die Natur bloss, dass es in einem Wald oder in einer Wiese auch jetzt noch genug Feuchtigkeit gibt, um die Wildpflanzen in atemberaubendem Tempo wachsen zu lassen? Die einfache Antwort lautet, dass die Natur nie so verrückt sein würde, die Bodenoberfläche aufzubrechen und sie brach liegen zu lassen. Doch genau das ist der Fall in meinem Gartenbeet. Bis auf den Salat, die Zwiebeln oder eben den Rucola liegt die Erde ungeschützt unter dem Himmel. Sie ist den Elementen ausgeliefert und hat keine Chance die in ihr gespeicherte Feuchtigkeit zu halten.
Mit einer Mulchschicht, wie sie auf
natürliche Weise im Wald vorkommt,
bleibt die Erde auch bei anhaltender
Trockenheit schön feucht.
In einer Wiese hingegen verhindert der dichte Pflanzenbewuchs eine übermässige Verdunstung. Die Pflanzen halten die Feuchtigkeit im Boden. Im Wald, wo die Pflanzen weiter auseinander stehen, übernehmen die welken Blätter diese Aufgabe. Die Bodenstreu aus Blattresten und zerstückeltem Holz ist ein effektiver Verdunstungsschutz. Der Waldboden ist auch jetzt noch angenehm feucht.
Das ist die Lösung. Ich wende das System Waldboden einfach auf meine Gartenbeete an. Halbverrotteter Kompost ist ideal dazu. Denn der besteht aus Blättern, Avocadoschalen, Kaffeebeuteln und noch allerlei undefinierbarer Biomasse. Das bringe ich in einer ein bis zwei Zenitmeter dicken Schicht auf meine Beete.
Nach einem Tag unter der brennenden Sonne sind die obersten paar Millimeter komplett trocken. Aber darunter bleibt der Boden für Wochen feucht. Biogärtner kennen das Prinzip natürlich bereits. Es nennt sich «Mulchen». Geht übrigens auch prima bei Blumentöpfen.
Es gibt aber noch einen weiteren Vorteil. In der feuchten Mulchschicht leben dieselben Organismen, wie im Komposthaufen. Haufenweise Springschwänze tummeln sich da und verwandeln das grobe Material in immer feinere Krümel. Bakterien und Pilze machen aus der Biomasse schliesslich wieder Nährstoffe für mein Gemüse. Das System Waldboden liefert also Wasser und Dünger zugleich.

Sonntag, 1. Mai 2011

Feuerwerk im Blumentopf

So wird aus einem Unkraut ein
Geschenk für den Muttertag.
Im Garten wächst das Unkraut und in der Gärtnerei die schönen Pflanzen, die man verschenken oder in die Vase stellen kann. Auch das ist nur ein weiteres Vorurteil über die Artenvielfalt vor der Haustür. Denn es gibt tatsächlich Pflanzenarten, die warten nur darauf, dass sie eine Chance bekommen. Sie fristen ihr Dasein als Unkraut am Rande des Gemüsebeetes und werden kaum beachtet. Der Rasenmäher rattert Monat für Monat über sie hinweg und ignoriert ihr grosses Potenzial.
Das Gänseblümchen ist eines dieser unbeachteten Gewächse. Doch richtig gefördert kann es zu einer wahren Diva erstrahlen. Man nehme einen Spaten und einen billigen Blumentopf aus Plastic. In diesen füllt man etwas Kompost vom Baumarkt (oder vom eigenen Humushaufen), gräbt dann ein Grüppchen Gänseblümchen aus dem Rasen und setzt es oben auf diese nährstoffreiche Erde. Jetzt das Ganze in einen schönen Übertopf stecken, an die Sonne stellen und regelmässig giessen.
Ist es nicht prächtig? Die weissen Petalblätter tragen einen
Hauch von Violett an den Spitzen.

Der Erfolg zeigt sich schon nach einer Woche. Befreit von jeglichem Konkurrenzdruck durch die Gräser, den Löwenzahn und den Kriechenden Günsel und in ein Bad aus düngerreicher Erde getaucht, schiebt das Gänseblümchen seine Blüten im Akkord in die Höhe. Wie ein Feuerwerk öffnet sich eine nach der anderen bis aus dem Topf ein Dutzend oder mehr der Sonne entgegennicken.
In den folgenden Wochen wächst das Grüppchen bis es den ganzen Topf einnimmt. Jeden Tag öffnen sich neue Blüten. Welche andere Pflanze aus der Gärtnerei oder der Blumenabteilung im Supermarkt geht mit einem solchen Eifer zu Werke? Ich kenne keine. Das ideale Geschenk für den Muttertag am 8. Mai. Ihr habt jetzt noch eine Woche Zeit zum Anpflanzen.

Tipp: Verblühte Blumen abschneiden, damit das Gänseblümchen seine Kraft in die Produktion von weiteren Blüten steckt.
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