Mittwoch, 5. Mai 2010

Faltenstraffung unerwünscht

Eine Bänderschnecke liebt ihre Falten, weil sie ihr
bei der Wasseraufnahme helfen.
Der Regen löst in der Natur eine interessante Rochade aus: Während wir Menschen das nasskalte Wetter meiden und in unsere Häuser gehen, kommen die Schnecken aus ihren heraus. Der Garten kriecht nur noch. Es sieht aus, als wären Mauern, Treppen und Steingarten mit schimmernden Murmeln übersät. Ihre vom Wasser lackierten Häuschen sind ein wahrer Hingucker.
Doch es gibt noch andere schöne Stellen an einer Schnecke. Die Haut zum Beispiel. Sie ist von Furchen durchzogen, was im ersten Augenblick den Gedanken «Gesichtsstraffung nötig» auslöst, aber die strenge Regelmässigkeit ihrer Anordnung wischt ihn gleich wieder weg. Was bleibt ist Schönheit – und die Frage, was sich die Evolution dabei gedacht hat.
Die vielen Täler und Kuppen vergrössern die Hautoberfläche massiv, was die Gefahr der Austrocknung verstärkt. Und wir wissen alle, wie sehr die Schnecken die Trockenheit verabscheuen und sich beim ersten Sonnenstrahl sofort an ein schattiges Plätzchen zurückziehen. Also wozu die Furchen?
Die Kanäle sorgen vielleicht auch für eine
gleichmässige Verteilung des Schleimfilms.
Die wissenschaftliche Literatur dazu ist leider etwas dürftig. Offenbar ist das Thema Schneckenhaut im Augenblick nicht sehr gefragt. Aber wir dürfen ja spekulieren. Eines ist dabei gewiss. Die Haut der Schnecke ist mit unzähligen Poren durchsetzt, durch die sie innert kürzester Zeit Wasser aus der Umgebung aufnehmen kann, um es im Körperinnern zu speichern. Wenn sie nun über eine nasse Oberfläche kriecht, berührt sie diese nur mit ihrer Fusssohle. Die Poren auf der Körperoberfläche liegen also im Trockenen und sind zum Nichtstun verdammt.
Hier kommen die Furchen ins Spiel. In ihnen steigt das Wasser durch die Kapillarkraft nach oben und wird wie durch ein Kanalsystem über den ganzen Körper der Schnecke verteilt. So können sich alle Poren gleichzeitig an der Wasseraufnahme beteiligen. Vielleicht sollte das jemand bei Gelegenheit mit einem Experiment überprüfen. Freiwillige?

Nachtrag: Inzwischen habe ich das Experiment durchgeführt. Neben einer Weinbergschnecke, die gerade über ein Stück Betonboden kroch, goss ich etwas Milch. Sobald die Schnecke mit ihr in Berührung kam, schoss die weisse Flüssigkeit getrieben von den Kapillarkräften die feinen Furchen hoch. Schneckenhaut ist also tatsächlich eine ausgeklügelte Erfindung zur effizienten Wasseraufnahme.

1 Kommentar:

  1. WOW - das muss ich probieren! Bin begeistert, dass ich noch eine Site gefunden habe, wo auch mal von der Schönheit der schleimigen Schurken die Rede ist...

    Danke!
    eliZZZa

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